Yoga â ein Weg der spirituellen Befreiung
In den orientalischen Traditionen liegt der Sinn des Lebens in der spirituellen Vervollkommnung oder mit anderen Worten in spirituellem Heranwachsen und Reifen, das einem allein ermöglicht, die Ketten des Sterbens, der Reinkarnation und des Leids zu sprengen. Von diesem Standpunkt aus gesehen, spielt Yoga als eine Methode der spirituellen Befreiung eine zentrale Rolle. Dies kann nur durch direkte Erkenntnis und Kontrolle (als Folge einer strikten Methodik) der einzelnen Elemente des menschlichen Wesens erreicht werden, vor allem derer, die nach dem Tod weiter bestehen. Der so genannte subtile Körper überlebt und löst sich erst nach der letztendlichen Befreiung auf. Dann verbleibt und existiert nur noch der gereinigte Intellekt zusammen mit dem uneingeschränkten, absoluten Bewusstsein, Sat-Cit-Ananda (reine Existenz, reines Bewusstsein, reine Glückseligkeit).
Durch die spirituelle Befreiung identifiziert sich die höchste individuelle Essenz, Ätman (unser unsterbliches Höchstes Selbst), mit dem höchsten Prinzip, Paramätman oder Brahman (Gott), ohne jedoch in diesem zu verschwinden. Ungeachtet der spezifischen Methoden der verschiedenen Yoga-Formen, sind letztendlich ausnahmslos alle Yoga-Systeme auf dieses einzigartige, höchste Ziel ausgerichtet.
Über das, was uns beschränkt und einengt
Seit mehr als einem Jahrhundert war die abendländische Wissenschaft und Philosophie hauptsächlich auf die Untersuchung der Umstände und Faktoren ausgerichtet, welche die Konditionierung des menschlichen Wesens betreffen. Auf diese Weise fand man heraus, wie und bis zu welchem Ausmaß der Mensch durch seine Physiologie, sein Erbgut, seine soziale und kulturelle Umgebung, sein Unterbewusstsein und vor allem durch seine historische Gegenwart bzw. seine persönliche Vergangenheit ausgemacht wird.
Diese Entdeckung der abendländischen Denkweise, nämlich dass der Mensch im Grunde ein âtemporäresâ und geschichtliches Wesen und nicht dazu in der Lage ist, etwas anderes zu sein, als das was die Vergangenheit aus ihm gemacht hat, bestimmt noch immer die europäische Philosophie in der Erforschung der Beschaffenheit des Menschen. So wurde hauptsächlich die Sterblichkeit des Menschen analysiert, da diese Vergänglichkeit all die anderen Einschränkungen ermöglicht, was den Menschen schließlich zu einem konditionierten Wesen macht.
Genau dieses Problem der Begrenztheit des Menschen (und die im Westen meist vernachlässigte logische Schlussfolgerung daraus: die Befreiung von jeglichen Konditionen) stellt das zentrale Thema in der yogischen und orientalischen Philosophie dar. Somit könnte der Westen an folgenden Fragen interessiert sein:
1. Was denkt die yogische Philosophie über die vielschichtige Konditionierung des Menschen?
2. Wie geht Yoga mit der Vergänglichkeit und der geschichtlichen Prägung des Menschen um?
3. Welche weisen Lösungen bietet Yoga für die Verzweiflung, die durch das Wissen um die menschliche Vergänglichkeit ausgelöst, die eigentliche Ursache jeglicher Begrenzung des Menschen ist?
Die rigorose Beharrlichkeit in der Untersuchung des menschlichen Wesens im Yoga hat von Anfang an nicht dieselbe Zielsetzung, wie die der europäischen Philosophie. Während diese glaubt, dass der Mensch durch sein Erbgut und seine sozialen Bedingungen ausgemacht wird, versuchte Yoga schon immer herauszufinden, ob es etwas diesen Konditionierungen Übergeordnetes gibt.
Dadurch interessierten sich die weisen Yogis des Orients schon wesentlich früher als die Tiefenpsychologie für die Erforschung der verborgenen Gebiete des Unterbewusstseins. Es war ihnen klar, dass die physiologischen, sozialen, psychologischen, kulturellen und religiösen Prägungen relativ leicht auszumachen sind. Die eigentlichen Hindernisse im spirituellen Leben existieren jedoch wegen der Aktivität des Unterbewusstseins durch die so genannten Samskaras (Eindrücke oder Nachklänge) und Vasanas (Wünsche oder Neigungen), die Einprägungen und Übrigbleibsel bzw. Potentiale sind, die wir auch in der Tiefenpsychologie als Inhalt und Struktur des Unterbewusstseins beschrieben finden. Es ist nicht die Abwesenheit von entsprechenden Techniken in der modernen Psychologie, die das Yoga so beeindruckend machen, sondern die Art und Weise, wie die erhaltene Information zur Dekonditionierung des Menschen genutzt wird. Yoga gab sich nicht zufrieden mit dem schieren Wissen über das Wesen der Begrenzungen, sondern wollte Wege zu deren Kontrolle und Transzendierung finden. Man könnte sagen, dass Yoga erfolgreich auf den Inhalt des Unterbewusstseins einwirkt, um diese Begrenzungen âzu verbrennenâ.
Wer Yoga praktiziert, kann sich leicht und direkt von den erstaunlichen Wirkungen der Techniken überzeugen. Dem Abendländer eröffnet sich eine ganz neue und fruchtbare Perspektive durch das objektive Wahrnehmen der Ergebnisse, die aus den Yoga-Übungen zur Erforschung der Psyche entstehen. Jetzt ist die außergewöhnliche Erfahrung zugänglich, die sich auf alle höheren Bewusstseinszustände und die Möglichkeit der Erweckung der herausragenden Potentiale des Wesens bezieht.
Im Yoga wird man Begriffe wie âGeschichteâ oder âGeschichtlichkeitâ nie mit der gleichen Bedeutung wie im Abendland finden und auch der Begriff âVergänglichkeitâ wird einem nicht oft begegnen. Ungeachtet der unterschiedlichen Terminologie, befassen sich beide Systeme jedoch mit der gleichen Problematik. Von dieser Perspektive aus betrachtet, wissen wir, dass das Konzept von Mäya eine beachtenswerte Bedeutung in der yogischen Tradition einnimmt. Mäya kann mit âIllusionâ, âkosmischer Illusionâ, âTrugbildâ, âMagieâ, âNicht-Realitätâ, âEvolutionâ usw. übersetzt werden. Schaut man genauer hin, versteht man, dass Mäya âIllusionâ ist, weil sie âEvolutionâ, âVergänglichkeitâ ist â sowohl die kosmische Entwicklung als auch die geschichtliche. Daraus ist ersichtlich, dass Yoga die Verbindung zwischen Illusion, Vergänglichkeit und menschlichem Leid annimmt, wobei das Leid als eine durch zeitlich begrenzte Strukturen bedingte Entwicklung angesehen wird. âSich in einer Situation zu befinden, sich in Zeit und Geschichte zu befindenâ stimmt mit âin Mäyaseinâ überein. Erstellt man den Vergleich zwischen den beiden philosophischen Horizonten â dem yogischen und dem abendländischen, zeigt sich das yogische Verständnis über Mäya für uns als sehr aktuell.
Studiert man beispielsweise das berühmte Werk orientalischer Weisheit, die Bhagavad Gita, zeigt sich, dass die Untersuchung der menschlichen Existenz in einer uns geläufigen Ausdrucksweise behandelt wird: Mäya repräsentiert nicht nur die kosmische Illusion, sondern vor allem Geschichtlichkeit
- nicht nur kosmische Existenz sondern eine Existenz in Zeit und Geschichte. So ist in dieser Abhandlung das Problem ähnlich wie im Christentum auf folgende Weise beschrieben
- Wie soll das Paradox gelöst werden, dass der Mensch auf einer Seite weiß, dass er in Zeit und Raum existiert und durch die Geschichte prädestiniert ist, während er auf der anderen Seite weiß, dass er âverdammtâ sein wird, wenn er sich mitreißen lässt durch Vergänglichkeit und Geschichtlichkeit. Mit diesem Dilemma konfrontiert, kann der Mensch intuitiv erfassen, dass er bald und während seiner Existenz auf und in dieser Welt einen harmonischen Weg finden sollte, der ihm unendliche Glückseligkeit beschafft und ihn so zu einer trans-geschichtlichen und nichttemporären Existenz führt.
So betrachtet, lässt sich feststellen, dass die vorgeschlagenen Lösungen aus der Bhagavad Gita unterschiedliche Anwendungen des Yoga-Systems repräsentieren. Die weisen Lösungen des Orients, um den Stress, der durch die Entdeckung der Vergänglichkeit und Geschichtlichkeit entstandenen ist, zu beseitigen oder mit anderen Worten die Erschaffung von verschiedenen Modalitäten eines erfüllten und glücklichen Lebens, das uns hilft in dieser Welt zu sein, ohne uns von ihr mitreißen oder verausgaben zu lassen, fordern alle ein theoretisches und praktisches Wissen der Yoga-Methoden. Es sei hierzu erwähnt dass das Yoga-System keine einfache Akzeptanz, der durch die orientalische Kultur vorgeschlagenen Lösungen, fordert. Ein spiritueller Wert kann nicht angenommen werden wie eine neue Automarke. Somit handelt es sich definitiv nicht um philosophischen Synkretismus oder âIndianisierungâ und auch nicht um eine spirituelle Mischung.
Durch das schrittweise Praktizieren der Stufen des Yoga-Systems, kann der westliche Mensch durch direkte Erfahrung eine besonders wertvolle Denkweise der universellen Spiritualität kennen lernen.
Die großen Erforschungen des orientalischen Gedankenguts können durch die Ausübung von Yoga entdeckt werden. Zum Beispiel kann eine der wichtigsten Entdeckungen der Yogis, das âBewusstsein des Zeugenâ oder mit anderen Worten das von psycho-physiologischen Strukturen und zeitlichen Konditionierungen befreite Bewusstsein, nicht übersehen werden. Dies ist das Bewusstsein eines befreiten Menschen, der so das Ziel der Philosophie und aller orientalischen spirituellen Techniken erreicht.
Yoga und Weisheit
Aus yogischer Perspektive gehört die Weisheit jeder Person. Sie ist nicht nur eine generell existierende Realität. Weisheit kann erweckt und gelehrt werden. Natürlich versuchte und versucht der Orient weiterhin, speziell durch Yoga, die Weisheit durch wirksame Praxis zu lehren. Der Westen versucht zeitgleich Weisheit meistens durch Kultur zu erwecken. Diese Kultur erweckt durch Klugheit und Nichtdeterminierung, aber lehrt nicht.
Zum Beispiel sind die 4 Tugenden, welche bei Platon in âDie Republikâ genannt werden: der Mut (Andreia), die praktische Weisheit (Sophrosyne), die theoretische Weisheit (Sophia) und der gerechte Geist (Dikaiosyne). Kann Mut jetzt im Westen gelehrt werden? Nein. Aber er kann erweckt werden. Es ist der Orientale, der die Dinge, z.B. den Mut, durch angemessene und geheime Modalitäten, die wie ein Wunder für den unwissenden Abendländer aussehen, in einer Weise lehren kann, dass man dies sofort bei denen, die ein spezielles Training lange genug durchführen und akzeptieren, praktisch erkennt.
Zusammenfassend kann man sagen, dass in heutiger Zeit der Abendländler durch sein globales Verständnisniveau âkann, jedoch nicht weißâ, während der Orientale durch sein globales Verständnisniveau âweiß, jedoch nicht kannâ.
Im Yoga wird häufig die Dreifaltigkeit âKörper-Seele-Geistâ erwähnt. Der Körper ist das Wesen in der konkreten, physisch realen Version. Die Seele ist das Wesen aus der Perspektive seiner subtilen Elemente. Der Geist stellt das Wesen als âWesenâ dar, oder sonst als unsterblicher Funke des Absoluten, welcher sich in jedem Menschen befindet.
Die Bibel lehrt, dass der Mensch nach Gottes Angesicht erschaffen wurde. Das bedeutet, dass das menschliche Wesen drei Pflichten hat:
1. physisch verkörpert zu sein;
2. den physischen Körper zu beleben;
3. den physischen Körper zu transzendieren.
Die Transzendenz bedeutet hier, über eine bestimmte Grenze zu schreiten, ein bestimmtes Niveau zu überwinden. Die Transzendenz macht es möglich Zugang zu einem externen Prinzip zu erlangen, das einem höheren Niveau angehörig ist.
Epilog
Ruhelosigkeit und Entspannung sind beide in unserm Wesen vorhanden. Die Ruhelosigkeit stammt immer aus dem physischen Körper. Um einen Zustand von Entspannung und Harmonie zu erreichen, sollten wir während und nach jeder Handlung mit unserer Seele in die Unendlichkeit eintauchen.
Für die reinen und intuitiven Wesen ist es offensichtlich, dass wir geboren wurden, um das Höchste Selbst zu realisieren oder mit anderen Worten das Gottesbewusstsein in uns zu erwecken. Um dieses zu erfüllen, ist es sehr nützlich mehr und mehr an das Göttliche zu denken, ungeachtet dessen, was wir tun. Die Theorie orientiert den Suchenden nach Außen, während die Praxis ihn nach Innen führt. Die Theorie belässt das Individuum ruhelos und egoistisch, während eine richtige spirituelle Praxis ihm inneren wohltuenden Frieden schenkt und ihn befreit von dem begrenzten Ego. Somit wiegt ein Gramm Praxis mehr als Tonnen von Theorie.
Durch die anhaltende Praxis werden wir dem Göttlichen in jeder unserer Zellen, in unserem Atem, in jedem gehörten Laut, in allem was wir sehen, in jedem Gedanken gewahr und fühlen Gott schlussendlich überall, sogar in Personen, die uns hassen.
So verbleiben wir, selbst wenn wir mit Dingen dieser Welt beschäftigt sind, mit der göttlichen Allgegenwart und dem göttlichen Allwissen verbunden.
Gregorian Bivolaru gründete die Yogaschule M.I.S.A. (The Movement of Spiritual Integration into the Absolute) in Rumänien. Er unterrichtet die fortgeschrittensten Aspiranten seit mehr als 20 Jahren. Die Schule hat in Rumänien und inzwischen weltweit mehr als 40.000 Schüler. Nähere Informationen unter
www.traditionelles-yoga.de
Übertragen von Meike Angelika Hühnefeld






