Schon vor langer Zeit, als der Kalender noch dem Zunehmen und Abnehmen des Mondes folgte, war der erste Tag des Mai ein Festtag. Er wurde mit einem Ritual, genannt Beltane, begangen.
Das Fest leitete seinen Namen von dem druidischen Sonnengott Belenos ab. Geweckt von den Blütendüften des Frühlings, die die Erdgöttin mit jeder Bewegung um sich verbreitete, stieg er vom Himmel herab und hielt um ihre Hand an. Die Hitze in seiner Hand und der Glanz und das Licht in seinen Augen bewegten sie, seine Hand zu ergreifen. Die beiden schenkten sich einander und gelobten, alles miteinander zu tragen und bis in alle Ewigkeit Jahr um Jahr zurückzukehren, um die Fruchtbarkeit zu erneuern.
Die Samen, die durch ihren Liebesakt ausgesät wurden, wuchsen mit der Himmelsnahrung von Sonne und Regen zu Früchten heran. Wenn sich dann der Sommer in den Herbst verwandelte, passten sie in die Hände der Menschen.
Dieser Festtag wurde mit einem ähnlichen Gelöbnis der Menschen begangen. Es war ein Ritual, bei dem um Bäume gesungen und getanzt wurde, und das durch die Paarung der Menschen besiegelt wurde. Sie machten ein Spiel daraus, nach einem vollkommenen Baum im Wald zu suchen, dessen machtvolle Form einen Phallus ähnelte. Der ausgewählte Stamm wurde aus dem Wald getragen und am Boden mit weißen und roten Bändern geschmückt.
Diese Bänder symbolisierten die fließenden Kräfte des Lebens und des Todes, die miteinander tanzten, um neues Leben zu schaffen.
Die Menschen knieten sich auf den Boden und gruben ein tiefes Loch, das die heilige Gebärmutter von Mutter Erde darstellte. Schließlich senkten sie den Baum hinein und krönten ihn mit einem Kranz aus Weißdornblüten und frischem Grün. Mit Bändern in der Hand tanzte Alt und Jung im Kreis um den Maibaum, und sie sangen von der Vermählung des Himmels mit der Erde und von der ewigen Wiederkehr des Frühlings. Sie feierten die frischen Blüten, die auf wunderbare Weise bis zur Ernte im Herbst zu prallen Früchten anschwellen würden.
Auf diese Weise vermählten sich die Menschen mit der Erde und gelobten, mit ihr durch die Kreisläufe von Leben, Tod und Wiedergeburt zu gehen. Indem sie diese jahreszeitlichen Rhythmen des Wachstums und Vergehens und der Neugeburt feierten und ehrten, entstand unter den Menschen ein tiefer Respekt vor der Natur. Die Gesundheit der Erde und ihrer Wesen, die aus diesem Körper hervorgingen, wurden sorgsam behütet, so wie man sich um Familienmitglieder kümmert.
Indem ich diese kleine Geschichte aufschreibe, bin ich tief gerührt vom Leben unserer Vorfahren, von ihrer Genügsamkeit und ihrer tiefen Liebe in Verbindung zur Erde.Wenn ich die Erde als Mutter oder Geliebte betrachte, erkenne ich, wie sehr sie unsere Treue braucht, wenn sie auf dem Weg zu einem neuen Gleichgewicht zwischen den Extremen hin und her schwankt.
Wir können die Erde unterstützen, wenn wir auf ihre Fähigkeiten vertrauen, das Gleichgewicht zu finden. Dazu müssen wir in unseren eigenen körperlichen Rhythmen verankert bleiben und sie so weit wie möglich mit denen von Erde, Sonne und Mond in Übereinstimmung bringen. Wir können auf das hören und das tun, was unseren Körper vital werden läßt, und uns von dem abwenden, was uns seelisch und körperlich niederdrückt.
Wenn wir in die Natur gehen und Wildkräuter pflücken möchten, brauchen wir im Mai nicht lange zu suchen. Mit dem Ernten der Brunnenkresse, die an sauberen Bachläufen zu finden ist, beginnt man schon am Monatsanfang. Mit ihrem frischen Grün und den belebenden Senfölen bereichert sie den Speisezettel um eine Köstlichkeit, nach der sich nicht nur unser Körper nach der langen Winterpause sehnt.
Frische Salate mit Scharbockskraut und Giersch angereichert laben Körper und Seele, und bald können wir auch unsere Gallen- und Lebergänge mit dem leicht bitteren Löwenzahn blitzeblank putzen und sie ahnen lassen: Der Frühling ist da!
Auf meinen Kräutergängen wurde ich schon gefragt, zu welcher Pflanze ich eine besondere Beziehung hätte, welche mir persönlich nahe stünde, dann überlege ich nicht lange, sondern gebe die Vorzüge der Brennessel preis, denn sie enthält so viele Inhalts- und Wirkstoffe, die sie wehrhaft machen – sonst wäre sie vielleicht schon von Mensch und Tier ausgerottet worden.
Beschäftigt man sich jahrelang mit einer einzelnen Pflanze, so verbindet man sich auch mental mit ihr und man kann die Weisheiten alter Kräuterweiblein ergründen, wie sie von der Großmutter über die Tochter bis zur Enkelin weitergegeben wurden. Die besondere Beschäfti-gung mit einer einzelnen Pflanze läßt erkennen, daß ihre Kräfte in viele Richtungen reichen und man Jahre braucht, um ihren ganzen Reichtum durch eigene Erfahrung zu entdecken.
Da die Pflanzen ihre Nabelschnur zur Erde nicht durchtrennt haben, tragen sie nicht nur den Mineralreichtum und die Vitalität der Erde in sich, sondern auch die Erinnerungen an alte Mysterien, die im Körper der Erde gespeichert sind. Eine Pflanze, zu der wir eine persönliche Beziehung pflegen, kann uns bei den verschiedensten Herausforderungen beistehen. Auch bei solchen, die außerhalb ihrer bekannten Reichweite liegen.
Eine einzige Pflanze oder ein Baum kann seinem menschlichen Freund ein Leben lang die Stärke schenken, die er braucht.
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