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Wintersonnenwende – Weihnachten – Julfest
Autor:Anna-Maria Bloße (02.12.2003)

Weihnachtsbaum: Festlicher Schmuck zum Julfest
Weihnachtsbaum: Festlicher Schmuck zum Julfest
Wissen sie eigentlich, was Sie da feiern?

Seien Sie mal ehrlich – den Begriff Julfest kennen wir doch erst seitdem ein großes schwedisches Möbelhaus aus Fenstern fallende Weihnachtsbäume in der Fernsehwerbung zeigt. Dass dieses Fest im Jahreskreis unserer keltischen Vorfahren gefeiert wurde und inwieweit es bei uns von christlichen Bräuchen überlagert oder vermischt wurde – das wollen wir Ihnen kurz erzählen

Weihnachten ist ein altes deutsches Wort. Das Wort „wjh“ bedeutet ursprünglich „heilig“, daher die analoge Bezeichnung „Heilige Nacht“. Im mittelhochdeutschen heißt die Mehrzahl „wihen nachten“ – geweihte Nächte. Das ist darauf zurückzuführen, dass eigentlich mehrere Nächte, nämlich die Zwölften, gefeiert wurden. Die Nächte um den 21. Dezember erschienen unseren Vorfahren „geweiht“, weil in dieser dunkelsten Zeit des Jahres der lebenssichernde Wechsel erfolgt: die Wintersonnenwende, mit der sich der Sieg von Licht und Wärme über Kälte und Dunkelheit wieder neu anbahnt.

Das Weihnachtsfest wurde auch „Jul“ genannt, Fest des Rades. Der Kreis des alten Jahres wird geschlossen, der des neuen aufgetan. Die Wortwurzel „Jul“ ist in vielen und zum Teil alten Sprachen zu finden, z.B. engl. wheel, aber auch joel, yule, hvel und hveól. Andere Quellen verweisen auf die lateinischen Wörter joculus (fröhlich) und iugulare (schlachten). Das finnische Joulu mit der ur-nordischen und vor-literarischen Plural- bildung ist bereits zur Wikingerzeit von den germanischen Nachbarn entlehnt worden. Offensichtlich ist auch der Bezug der Radsymbolik zur Sonnenverehrung. Sonnenräder, Sonnenwagen, und Swastika legen ein vielfältiges Zeugnis davon ab. Das mittelhochdeutsche Wort „sunngiht“ (Sonnenwende) trägt den Hinweis auf den magischen Inhalt des Festes in seiner Komponente „giht“, was übersetzt soviel heisst wie Verzauberung.
Den Höhepunkt der Dunklen Zeit bildet Jul, das Weihnachtsfest. In dieser längsten Nacht des Jahres erfüllt sich das Versprechen der Wiedergeburt.

Noch ist die Welt ringsum augenscheinlich tot und regungslos. Die Wasser sind zu Eis erstarrt und regen sich nicht mehr, die Bäume stehen kahl und leblos in der stillen Natur. Der Schnee bedeckt alles wie ein Leichentuch. Doch in dieser Nacht beginnt alles von vorn. Die „geweihten Nächte“ verheißen das Wissen um die große Umkehr, um den Wiederaufstieg des Lichtes und um die Geburt des neuen Lebens.
An Jul ist die Dunkelheit gebannt, die Nächte werden wieder kürzer, und was tot schien und verloren, wird wieder erwachen. Das Julfest ist ein harmonisches Netzwerk ineinandergreifender Sonnen-, Toten- und Fruchtbarkeitsriten und symbolischer Handlungen zur Neuaktivierung menschlicher und natürlicher Kraft. In früherer Zeit, als die umgebende Natur noch viel unmittelbarer erlebt wurde, hatten die verschiedenen Rituale große lebenspraktische Bedeutung für die Menschen. Auch heute noch zeugt davon ein reichhaltiges Weihnachtsbrauchtum. Das Julfest war und ist ein Fest des Lichtes, der Freude und der Hoffnung. Den Tieren im Wald wurde Futter gestreut, Streitereien und Kämpfe wurden ausgesetzt – eine Verhaltensbotschaft, die der Julfrieden („Julafred“) genannt wurde – mit deutlicher Parallele zur späteren christlichen Friedensbotschaft. Wenn Julfrieden herrscht, dann ruht auch die Arbeit. Kein „Thing“ wird geboten, keine Spindel darf sich drehen, wie ja auch das Rad des Jahres stillzustehen scheint.


Festschmaus

Das Festessen für die ganze Sippe, der Julschmaus – dieser Brauch ist bis heute unverändert. Er geht zurück auf das altgermanische Opferfest, dessen Kern das heilige, den Sippenfrieden bestätigende und erneuernde Mahl der Gemeinschaft bildete. Noch heute kommt aus diesem Anlass in Schweden der „Julgalt“ (Weihnachtseber) oder der „Jultupp“ (Weihnachtshahn) auf den Tisch. Das feierliche Mahl bot außerdem tiefe und ruhige Besinnung in der Gemeinschaft und bildete den Mittelpunkt des Ahnengedenkens. Vom kultischen Mahle, dem „blot“, weihte man den toten Vorfahren einen Teil. Danach wurde mit Julbier (Met) gefeiert. Den rituellen Julbier-Trunk finden wir heute im Brauch der „Johannisminne“. Die Minne trinkt man zu Weihnachten auf das Gedächtnis der Toten.


Adventskranz

Im heutigen Adventskranz ist die germanische Totenverehrung rituell – wenn auch unbewusst – erhalten geblieben. Adventskränze und Grabkränze sind kaum zu unterscheiden. Das Kranzwinden ist Sinnbild für den Zyklus von Leben und Tod, entweder den Menschen oder die Sonne betreffend. Seine Kreisform steht für das Zusammenfallen von Anfang und Ende des Jahres, für Niedergang und Erneuerung, für das ewig Zyklische der Natur. Die grüne farbe, vor allem das Immergrün der Tannenzweige symbolisiert Fruchtbarkeit und Leben, vor allem in Bezug auf den erhofften Frühling. Die vier Kerzen stehen für die vier Wochen des Julmondes sowie für die vier Jahreszeiten.

Die Anzahl der Kerzen steht weiterhin für die vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer), entsprechend den vier Himmelsrichtungen.
Das Kerzenfeuer selbst bedeutet das Sonnenlicht, welches zunächst immer spärlicher wird. Es werden erst vier, dann drei, dann zwei und schließlich nur eine Kerze angezündet, als Symbol für die abnehmende Sonnenkraft. Zur Wintersonnenwende werden dann feierlich wieder alle Lichter entzündet. Heute ist es eher üblich, mit einer Kerze zu beginnen, dann kommt jede Woche eine weitere hinzu, ein weiterer Schritt durch den Lebenskreis. Wenn am 21. Dezember schließlich alle vier Kerzen brennen, haben die Menschen den Kreislauf von Leben und Tod bis zum Ende durchlaufen und befinden sich nun, mit der Neugeburt des Lichtes, am Anfang eines neuen Zyklus.


Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsbaum bildet ohne Zweifel den Mittelpunkt den Festes. Drei Wesensmerkmale kennzeichnen unseren Weihnachtsbaum: Grünsymbol, Licht und die Eigenschaft als Gabenbaum. Alle drei sind bereits aus der Antike überliefert. Immergrüne Zweige und Misteln als Symbol der Fruchtbarkeit, Licht und neues Leben zur Ehre der Sonne sowie Äpfel, Nüsse und Gebäck als Gaben vom Weltenbaum, Geschenk und Opfer zugleich. Über Ruten, Kränze und Lichterreihen entstand der lichtergeschmückte Tannenbaum.
Ein Vorläufer des Weihnachtsbaumes in der heutigen Form ist sicher auch die stilisierte hölzerne Pyramide, die mit Äpfeln, Tannenzweigen und Kerzen geschmückt wurde.


Baumspitze

Üblicherweise wird die Spitze des Weihnachtsbaumes mit einem großen goldenen, meist achtstrahligen Stern geschmückt. Die acht Strahlen stellen die acht Speichen des natürlichen Jahresrades dar, der Stern selbst als Sonnensymbol hat ebenfalls astronomische Bedeutung. Licht, Glanz und Leben der neuen Sonne sollen auch die Festge-meinschaft
erfassen.


Lametta

Der Brauch, den Weihnachtsbaum zu versilbern oder auch zu vergolden, soll in erster Linie sein Leuchten, seinen Glanz und damit die Festlichkeit der Erscheinung erhöhen. Hintergründig ist auch der alte alchimistische Wunsch zu vermuten, Blei in Gold bzw. Silber verwandeln zu wollen – eine psychologische Absicht, die sich zuallererst auf den Geist des Goldmachers bezieht: Er muss in die Abgründe seiner eigenen Psyche hinabsteigen, den unbewussten, verdrängten Aspekten seines Selbst begegnen und diese „vergolden“ – transformieren, positiv auflösen, um als neuer, vervollkommneter Mensch wiederzuerstehen.


Weihnachtskugeln

Der Kugelschmuck ersetzt oder ergänzt die symbolischen Früchte des Weihnachtsbaumes. Die Form lässt den Apfel als Vorbild erkennen. Die immer wiederkehrenden Früchte sind oft vergoldet, um auf die Sonne oder die heiligen Feuer und Lichter hinzuweisen. Auch die anderen Grundfarben haben eigene Bedeutungen, z.B. Rot als Symbol für Feuer, Sonne und Leben.


Krippen

Die Vorstellung eines göttlichen Kindes gehört zu den religiösen Urideen der Menschheit. In vielen vorchristlichen Mythen wird ein solcher Gottessohn als „das Licht der Welt“ bzw. als „Licht des Lebens“ gepriesen, mit deutlichem Bezug zum Sonnenkult.

Und fast immer lag das Sonnenkind in einer Krippe, was vom Grundbegriff des Wortes her Flechtwerk bzw. Korb bedeutet. Dionysos, Hermes und Zeus z.B. wurden der Sage nach als Neugeborene in einem Korb liegend gefunden.
Auch das christliche Bild des guten Hirten, der ein Lamm (an Kindes Statt) trägt, war bereits in der Antike vorgeformt. Kind, Stern, Wiege und Krippe unter dem Weihnachtsbaum sind also kultur- und zeitübergreifende Symbole für die Neugeburt des Lebens, des Lichtes.


Kind

Sinnbildlich haben unsere Vorfahren also die neuerstehende Sonne mit einem neugeborenen Kind verglichen, das von Tag zu Tag größer und stärker wird. Als Kennzeichen der Sonne trug dieses Kind den Strahlenglanz des Lichtgestirns um sich – bis der neuen Lehre dieses Gleichnis eines Tages missfiel. Man nahm das Sonnenkindchen aus der Wiege und legte einen Knaben aus einem fremden Volk hinein. Der Sonnenkranz wurde zum Heiligenschein, Johannes (8, 12) lässt Jesus sagen: „Ich bin das Licht der Welt“. Noch heute besingen die Kinder „Alle Jahre wieder“ die Geburt der Sonne, obwohl Jesus ja nur einmal geboren wurde. Sie tun dies „ ... mitten im kalten Winter“, den es in Palästina in dieser Form ja gar nicht gibt.


Kerzen

Sinnvoll sind 12 Kerzen, eine für jeden Monat des nächsten Jahres. Die Kerzenfassungen symbolisieren Blütenkelche, Geburtsort der Frucht, des Lichtes. Das Kerzenlicht verleiht der Freude über die wiederkehrende Sonne und den Neubeginn des Lebens Ausdruck.


Tiere

Bei der heiligen Handlung der symbolhaften Lichtgeburt waren z.B. in den altindischen Veden zwei Tiere zugegen: ein Esel, der das Holz für den Feuerstoß herbeigetragen hatte, und eine Kuh, welche die Butter zur Salbung gab. Aus den Ur-Erinnerungen ist noch heute dem Hindu die Kuh heilig. Auch in unseren volkstümlichen Darstellungen des Stalles zu Bethlehem sind Esel und Kuh zugegen. Hätte man die Tiere eines zeitgenössischen Stalles um Jesu Geburt aufführen wollen, so müsste man auch Schafe, Ziegen und Kamele aufgenommen haben. Diese sind aber in keiner Version zu finden. Wir verwenden deshalb heimische Tierfiguren, um den Mythos der Geburt des Sonnenkindes zu illustrieren.
Anna-Maria Bloße

Literatur

Björn Ulbrich, Holger Gerwin: „Die geweihten Nächte“, Arun-Verlag 1999.

Autor:Anna-Maria Bloße (02.12.2003)

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