Ganz gleich wie ausgereift sich die Symptome darstellen, allen Fällen ist eines gemein. Die Dünndarmschleimhaut der Patienten wird so angegriffen, dass es zu einer heftigen Entzündung kommt, in deren Verlauf die Dünndarmzotten allmählich abflachen bis hin zu ihrem völligem Verschwinden.
| Abbildung 1: Gewebeschnitt durch eine normale Dünndarmschleimhaut |
Der Dünndarm hat die Aufgabe, aufgenommene und bereits aufgespaltene Nahrung aufzunehmen und sie dem Körper so über das Blut zugänglich zu machen. Damit dies effizient geschehen kann, vergrößert der Dünndarm seine Oberfläche mit Hilfe zahlloser zarter, bis 0,3 mm hoher Ausstülpungen, den Dünndarmzotten (siehe Abb. 1)Auf ihnen befinden sich die Nahrungsaufnahmezellen, die Enterozyten, die wiederum winzigste Faltungen aufweisen. Aller 2-5 Tage werden die Enterozyten abgestoßen und neu gebildet. Durch die Faltungen der Dünndarmschleimhaut ist es möglich, dass deren Oberfläche bei einem Erwachsenen gut einen Tennisplatz bedecken könnte. So ist es auch verständlich, dass die Nährstoffe bei abgeflachten oder gar fehlenden Dünndarmzotten nur bedingt oder kaum noch aufgenommen werden können. Wenn sich die zur Verfügung stehende Oberfläche drastisch verkleinert und zudem noch permanent entzündet ist, wird der Körper nicht mehr ausreichend mit Eiweiß, Fetten, Kohlenhydraten, aber auch Vitaminen, Spurenelementen und Mineralien versorgt.
Klebereiweiß Gluten
Wer schon einmal einen Kuchen aus Mais- oder Kartoffelmehl gebacken hat, der weiß, dass dieses krümelige Gebäck leicht zerfällt und staubt im Mund. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Kuchen aus Weizenmehl fehlt ersterem ein für den Geschmack unerheblicher, für die Konsistenz aber sehr entscheidender Eiweißbestandteil: Das Klebereiweiß Gluten weist schon mit seinem Namen auf die bindende Funktion bei der Verarbeitung der einheimischen Getreidesorten Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel und Grünkern hin. Weizen besteht zu 7-15 % aus Eiweiß, 90 % davon bestehen aus Gluten. Hafer enthält das Protein Avenin, weshalb es nach neuesten Erkenntnissen für Zöliakiepatienten nicht schädlich ist. Allerdings kann es durch seinen Verarbeitungsweg in der Getreidemühle verunreinigt sein. Die Nahrungsmittelindustrie nutzt die guten Bindungseigenschaften des Glutens und setzt es gern als Emulgator, Stabilisator oder Trägersubstanz für Aromen und dergleichen ein, ohne dass es auf der Zutatenliste als solches erkennbar ist. Diese Tatsache machte es bisher Betroffenen sehr schwer, schädliche von unschädlichen Nahrungsmitteln zu unterscheiden. Die neuen EU-Richtlinien zur Kennzeichnungspflicht von glutenhaltigen Produkten ab November 2005 wird ihnen die Auswahl deutlich erleichtern.
Krankheitsauslöser Gluten
| Abbildung 2: Gewebeschnitt durch eine flache, zottenlose Dünndarmschleimhaut |
Unter dem Einfluss des Glutens verändert sich die Dünndarmschleimhaut in der oben bereits beschriebenen Weise bis zur völligen Abflachung (siehe Abb. 2). Neben ihrer Unfähigkeit, dem Körper nun genügend Nährstoffe zuzuführen, steigt das Risiko eines bösartigen Tumors im Bereich der Verdauungsorgane, insbesondere im Dünndarm deutlich an, wenn die Krankheit nicht behandelt wird. Nun würde so ziemlich jeder Europäer an Zöliakie/Sprue leiden, wäre das Gluten der einzige Auslöser der Krankheit.
Voraussetzung für eine Glutenunverträglichkeit ist neben dem Gluten eine bestimmte Genstruktur, die allerdings auch etwa 25 % der gesunden Bevölkerung in sich trägt. Sie wird dominant vererbt, d.h. an jedes 2. Kind der nächsten Generation weitergegeben. Längst nicht alle, die diese Genstruktur besitzen, erkranken aber nach der Aufnahme von glutenhaltiger Nahrung. Deshalb müssen noch andere Umweltfaktoren eine Rolle spielen bei der Frage, warum bei dem einen die Krankheit ausbricht und bei dem anderen nicht. Fakt ist jedoch, dass Zöliakie/Sprue wesentlich häufiger vorkommt als ursprünglich angenommen. Nach neuesten Untersuchungen soll auf 200 bis 400 Einwohner ein Krankheitsfall kommen, was für Deutschland eine Zahl von 200.000 bis 400.000 Zöliakiekranken bedeutete.
Klaus K. ließ einige Zeit nach seiner Diagnose auf Anraten des Arztes auch seine beiden Kinder auf Zöliakie testen. Durch ein Antikörper-Screening über das Blut stellte man fest, dass auch seine jüngste Tochter mit großer Wahrscheinlichkeit an einer Glutenunverträglichkeit leidet. Eine Dünndarmbiopsie, bei der ein winziges Gewebeteilchen aus der Dünndarmschleimhaut entnommen und untersucht wurde, gab Gewissheit über das Vorliegen und den Fortschritt der Krankheit.
Verdacht auf Zöliakie – was tun?
Die im ersten Teil beschriebenen Symptome können, müssen jedoch nicht durch eine Glutenunverträglichkeit verursacht sein. Besteht der Verdacht, dass es sich um eine Zöliakie/Sprue handeln könnte, sprechen Sie am besten mit Ihrem Hausarzt darüber. Dieser sollte einen entsprechenden Bluttest veranlassen, der die Transglutaminase-Antikörper (TGA) als Antikörper der Immunklasse IgA und zusätzlich die der Immunklasse G (IgG) bestimmt. Wie auch im Beispiel von Klaus K. beschrieben, sollte sich bei einem positiven Befund der Antikörperbestimmung eine Dünndarmbiopsie anschließen, um die Diagnose abzusichern und den Krankheitszustand zu dokumentieren. Dabei sollten Sie keinesfalls vor diesen beide Diagnoseverfahren mit einer glutenfreien Diät beginnen, da so die Testergebnisse verfälscht werden können.
Glutenfrei leben
Nach der eindeutigen Diagnose Zöliakie gibt es derzeit nur eine, als solche sehr wirksame Behandlungsform: das Gluten rigoros und ein Leben lang aus der Ernährung streichen. Was zunächst einfach klingt, erweist sich in der Praxis zumindest zu Beginn als äußerst problematisch: kein Brot, kein Kuchen, kein Bier und dazu noch auf die versteckten Glutenzusätze achten!
Diese Vorstellung schreckte auch Klaus K. ab, als er von der Diagnose hörte. Zu groß erschien ihm die Einschränkung seiner Lebensqualität, denn essen und trinken spielen dabei eine wesentliche Rolle. Und zu gering war der Leidensdruck, lebte er doch schon etliche Jahre mit den Symptomen und war an sie gewöhnt. Daher lehnte er eine glutenfreie Diät zunächst ab, bis ihm sein Hausarzt noch einmal ins Gewissen redete und ihm die Bilder seiner abgeflachten Darmschleimhaut zeigte. Brot und Gebäck auszutauschen war nach einer ausführlichen Ernährungsberatung und der Anschaffung eines Brotbackautomaten relativ einfach. Entsprechende Backmischungen gibt es in Reformhäusern oder Direktvertrieb in vielen schmackhaften und weniger schmackhaften Varianten. Das Weglassen von Panaden & Co. war ein kleines, das des geliebten Bieres zunächst ein größeres Problem. Für alle industriell hergestellten Lebensmittel empfahl ihm die Ernährungsberaterin die lange Liste der glutenfreien Produkte, die jedes Jahr die Deutsche Zöliakiegesellschaft herausgibt.
| Symbol der durchgestrichenen Ähre: International anerkanntes Zeichen für glutenfreie Produkte. |
Deutsche Zöliakiegesellschaft DZG
Die DZG ist ein gemeinnütziger Verein, der es sich seit seiner Gründung 1974 zur Aufgabe gemacht hat, Zöliakie- und Sprue-Betroffene über alle wichtigen Belange rund um diese Krankheit zu informieren. Dazu erscheint vierteljährlich eine Vereinszeitschrift mit den aktuellen Entwicklungen rund um das Thema, Informationen zu regionalen und überregionalen Gesprächskreisen und Veranstaltungen, Reisetipps und vieles mehr. Die DZG ist direkter Ansprechpartner für alle Betroffenen und Familienangehörigen. Als wichtige Einkaufshilfe gibt sie jährlich eine Liste der glutenfreien Lebensmittel heraus und steht in ständigem Kontakt mit vielen Lebensmittelherstellern. Auch international bestehen enge Verbindungen mit ähnlichen Gesellschaften in anderen Ländern.
Information und Kontakt: www.dzg-online.de






