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Naturel-Online.de, Bildschirmfoto vom Oktober 2004
Wenn Weizen krank macht
Autor:Christiane Thomas (24.09.2005)

Weizen: Weizen besteht zu 7% bis 15% aus Eiweiß, 90% davon bestehen aus Gluten.
Weizen: Weizen besteht zu 7% bis 15% aus Eiweiß, 90% davon bestehen aus Gluten.
Gluten in einheimischem Getreide ist Auslöser für Zöliakie und Sprue

Klaus K. (Name von der Red. geändert), ein Mann in den besten Jahren, hatte kaum Gründe, über seine Gesundheit nachzudenken. Er trieb regelmäßig Sport, ernährte sich einigermaßen gesund und war bis auf eine jährliche kleine Erkältung nie krank gewesen. Nur in den letzten zwei Jahren waren einige Dinge anders geworden: er aß viel ohne zuzunehmen – nicht gerade besorgniserregend
er besuchte vier oder fünf mal täglich das kleine Zimmer zu großen Geschäften – er hatte sich daran gewöhnt; die Geschäfte liefen gut – wie schön, wenigstens dabei keine Anstrengungen mehr; feiern bis in den Morgen oder Arbeiten am Schreibtisch bis um Mitternacht waren kaum noch möglich, zu groß war die abendliche Müdigkeit – eine Frage des Alters, dachte er. Klaus K. hatte sich daran gewöhnt, dies alles waren keine großen Probleme, wenn auch manchmal lästig. Doch dann offenbarte eine Blutprobe des Pudels Kern. Während einer Blutspende wurde Klaus K. gebeten an einer Studie zur Entwicklung eines Antikörper-Bluttests zur Zöliakie-Diagnose teilzunehmen. Seine Blutwerte waren positiv und so wurde er zu weiteren Untersuchungen eingeladen. Die beschriebenen Symptome und eine abschließende Dünndarmbiopsie brachten Sicherheit
Klaus K. litt an einer Glutenunverträglichkeit, im Kindesalter oft Zöliakie und bei Erwachsenen auch Sprue genannt.


Mit so leicht übersehbaren Symptomen leben sehr viele, aber nicht alle Betroffenen. Kinder, die an einer Glutenunverträglichkeit leiden, entwickeln sich oft körperlich wesentlich langsamer als ihre Altersgefährten. Sie haben einen typischen vorgewölbten Blähbauch, ständige oder oft wiederkehrende Durchfälle, sind blass, schwach und ohne Appetit und leiden unter häufigem Erbrechen. Eine Glutenunverträglichkeit kann auch im Erwachsenenalter erstmals auftreten und wird dann oft als Sprue bezeichnet. Die Anzeichen dafür können ähnlich sein wie die der betroffenen Kinder, häufig deuten ein plötzlicher Gewichtsverlust und anhaltende Durchfälle auf die Krankheit hin. Schwierig wird es dann, wenn - wie bei Klaus K. - nur wenige der Anzeichen oder gar keines zutreffen. Immerhin 80 bis 90 Prozent aller Fälle verlaufen so „untypisch“. Dank verbesserter Diagnosemöglichkeiten wurden in den letzten Jahren immer mehr Fälle entdeckt, bei denen eine sog. stille Sprue ohne Symptome oder nur mit unklarer Blutarmut oder einem Eisenmangel vorlag. Dennoch wird diese Form der Zöliakie oder Sprue von Ärzten auch jetzt noch sehr spät diagnostiziert. Oft müssen Patienten sogar bei deutlichen Anzeichen unzählige Ärzte konsultieren, ohne wirklich Hilfe zu bekommen. Ehe die richtige Diagnose gestellt wird, kann es mitunter mehrere Jahrzehnte dauern.

Ganz gleich wie ausgereift sich die Symptome darstellen, allen Fällen ist eines gemein. Die Dünndarmschleimhaut der Patienten wird so angegriffen, dass es zu einer heftigen Entzündung kommt, in deren Verlauf die Dünndarmzotten allmählich abflachen bis hin zu ihrem völligem Verschwinden.

Abbildung 1: Gewebeschnitt durch eine normale Dünndarmschleimhaut
Abbildung 1: Gewebeschnitt durch eine normale Dünndarmschleimhaut
Dünndarmschleimhaut und Darmzotten

Der Dünndarm hat die Aufgabe, aufgenommene und bereits aufgespaltene Nahrung aufzunehmen und sie dem Körper so über das Blut zugänglich zu machen. Damit dies effizient geschehen kann, vergrößert der Dünndarm seine Oberfläche mit Hilfe zahlloser zarter, bis 0,3 mm hoher Ausstülpungen, den Dünndarmzotten (siehe Abb. 1)Auf ihnen befinden sich die Nahrungsaufnahmezellen, die Enterozyten, die wiederum winzigste Faltungen aufweisen. Aller 2-5 Tage werden die Enterozyten abgestoßen und neu gebildet. Durch die Faltungen der Dünndarmschleimhaut ist es möglich, dass deren Oberfläche bei einem Erwachsenen gut einen Tennisplatz bedecken könnte. So ist es auch verständlich, dass die Nährstoffe bei abgeflachten oder gar fehlenden Dünndarmzotten nur bedingt oder kaum noch aufgenommen werden können. Wenn sich die zur Verfügung stehende Oberfläche drastisch verkleinert und zudem noch permanent entzündet ist, wird der Körper nicht mehr ausreichend mit Eiweiß, Fetten, Kohlenhydraten, aber auch Vitaminen, Spurenelementen und Mineralien versorgt.

Klebereiweiß Gluten

Wer schon einmal einen Kuchen aus Mais- oder Kartoffelmehl gebacken hat, der weiß, dass dieses krümelige Gebäck leicht zerfällt und staubt im Mund. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Kuchen aus Weizenmehl fehlt ersterem ein für den Geschmack unerheblicher, für die Konsistenz aber sehr entscheidender Eiweißbestandteil: Das Klebereiweiß Gluten weist schon mit seinem Namen auf die bindende Funktion bei der Verarbeitung der einheimischen Getreidesorten Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel und Grünkern hin. Weizen besteht zu 7-15 % aus Eiweiß, 90 % davon bestehen aus Gluten. Hafer enthält das Protein Avenin, weshalb es nach neuesten Erkenntnissen für Zöliakiepatienten nicht schädlich ist. Allerdings kann es durch seinen Verarbeitungsweg in der Getreidemühle verunreinigt sein. Die Nahrungsmittelindustrie nutzt die guten Bindungseigenschaften des Glutens und setzt es gern als Emulgator, Stabilisator oder Trägersubstanz für Aromen und dergleichen ein, ohne dass es auf der Zutatenliste als solches erkennbar ist. Diese Tatsache machte es bisher Betroffenen sehr schwer, schädliche von unschädlichen Nahrungsmitteln zu unterscheiden. Die neuen EU-Richtlinien zur Kennzeichnungspflicht von glutenhaltigen Produkten ab November 2005 wird ihnen die Auswahl deutlich erleichtern.

Krankheitsauslöser Gluten

Abbildung 2: Gewebeschnitt durch eine flache, zottenlose Dünndarmschleimhaut
Abbildung 2: Gewebeschnitt durch eine flache, zottenlose Dünndarmschleimhaut
Obwohl die Krankheit bereits um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. von einem römischen Arzt beschrieben wurde, gelang es erst 1950 dem holländischen Kinderarzt W. K. Dicke den Auslöser der Zöliakie und Sprue zu finden. Er entdeckte, dass ein in den herkömmlichen Getreidesorten vorkommendes Eiweißbestandteil die beschriebenen Symptome verursacht. Mieden die betroffenen Patienten dieses sog. Klebereiweiß oder auch Gluten (sprich: Glutèen), ließen die Beschwerden schnell nach und auch die Dünndarmschleimhaut regenerierte sich.

Unter dem Einfluss des Glutens verändert sich die Dünndarmschleimhaut in der oben bereits beschriebenen Weise bis zur völligen Abflachung (siehe Abb. 2). Neben ihrer Unfähigkeit, dem Körper nun genügend Nährstoffe zuzuführen, steigt das Risiko eines bösartigen Tumors im Bereich der Verdauungsorgane, insbesondere im Dünndarm deutlich an, wenn die Krankheit nicht behandelt wird. Nun würde so ziemlich jeder Europäer an Zöliakie/Sprue leiden, wäre das Gluten der einzige Auslöser der Krankheit.

Voraussetzung für eine Glutenunverträglichkeit ist neben dem Gluten eine bestimmte Genstruktur, die allerdings auch etwa 25 % der gesunden Bevölkerung in sich trägt. Sie wird dominant vererbt, d.h. an jedes 2. Kind der nächsten Generation weitergegeben. Längst nicht alle, die diese Genstruktur besitzen, erkranken aber nach der Aufnahme von glutenhaltiger Nahrung. Deshalb müssen noch andere Umweltfaktoren eine Rolle spielen bei der Frage, warum bei dem einen die Krankheit ausbricht und bei dem anderen nicht. Fakt ist jedoch, dass Zöliakie/Sprue wesentlich häufiger vorkommt als ursprünglich angenommen. Nach neuesten Untersuchungen soll auf 200 bis 400 Einwohner ein Krankheitsfall kommen, was für Deutschland eine Zahl von 200.000 bis 400.000 Zöliakiekranken bedeutete.

Klaus K. ließ einige Zeit nach seiner Diagnose auf Anraten des Arztes auch seine beiden Kinder auf Zöliakie testen. Durch ein Antikörper-Screening über das Blut stellte man fest, dass auch seine jüngste Tochter mit großer Wahrscheinlichkeit an einer Glutenunverträglichkeit leidet. Eine Dünndarmbiopsie, bei der ein winziges Gewebeteilchen aus der Dünndarmschleimhaut entnommen und untersucht wurde, gab Gewissheit über das Vorliegen und den Fortschritt der Krankheit.

Verdacht auf Zöliakie – was tun?

Die im ersten Teil beschriebenen Symptome können, müssen jedoch nicht durch eine Glutenunverträglichkeit verursacht sein. Besteht der Verdacht, dass es sich um eine Zöliakie/Sprue handeln könnte, sprechen Sie am besten mit Ihrem Hausarzt darüber. Dieser sollte einen entsprechenden Bluttest veranlassen, der die Transglutaminase-Antikörper (TGA) als Antikörper der Immunklasse IgA und zusätzlich die der Immunklasse G (IgG) bestimmt. Wie auch im Beispiel von Klaus K. beschrieben, sollte sich bei einem positiven Befund der Antikörperbestimmung eine Dünndarmbiopsie anschließen, um die Diagnose abzusichern und den Krankheitszustand zu dokumentieren. Dabei sollten Sie keinesfalls vor diesen beide Diagnoseverfahren mit einer glutenfreien Diät beginnen, da so die Testergebnisse verfälscht werden können.

Glutenfrei leben

Nach der eindeutigen Diagnose Zöliakie gibt es derzeit nur eine, als solche sehr wirksame Behandlungsform: das Gluten rigoros und ein Leben lang aus der Ernährung streichen. Was zunächst einfach klingt, erweist sich in der Praxis zumindest zu Beginn als äußerst problematisch: kein Brot, kein Kuchen, kein Bier und dazu noch auf die versteckten Glutenzusätze achten!

Diese Vorstellung schreckte auch Klaus K. ab, als er von der Diagnose hörte. Zu groß erschien ihm die Einschränkung seiner Lebensqualität, denn essen und trinken spielen dabei eine wesentliche Rolle. Und zu gering war der Leidensdruck, lebte er doch schon etliche Jahre mit den Symptomen und war an sie gewöhnt. Daher lehnte er eine glutenfreie Diät zunächst ab, bis ihm sein Hausarzt noch einmal ins Gewissen redete und ihm die Bilder seiner abgeflachten Darmschleimhaut zeigte. Brot und Gebäck auszutauschen war nach einer ausführlichen Ernährungsberatung und der Anschaffung eines Brotbackautomaten relativ einfach. Entsprechende Backmischungen gibt es in Reformhäusern oder Direktvertrieb in vielen schmackhaften und weniger schmackhaften Varianten. Das Weglassen von Panaden & Co. war ein kleines, das des geliebten Bieres zunächst ein größeres Problem. Für alle industriell hergestellten Lebensmittel empfahl ihm die Ernährungsberaterin die lange Liste der glutenfreien Produkte, die jedes Jahr die Deutsche Zöliakiegesellschaft herausgibt.

Symbol der durchgestrichenen Ähre: International anerkanntes Zeichen für glutenfreie Produkte.
Symbol der durchgestrichenen Ähre: International anerkanntes Zeichen für glutenfreie Produkte.
Den Einkauf glutenfreier Produkte erleichtert außerdem das international anerkanntes Symbol der durchgestrichenen Ähre, das mittlerweile auf etlichen Produktverpackungen zu finden ist. Gerade in den letzten Monaten ist das Angebot an glutenfreien Lebensmitteln auch in den Supermärkten deutlich besser geworden. Herkömmliches Gebäck wird dabei ersetzt durch Produkte aus Reis, Mais, Hirse, Buchweizen oder Kartoffeln. Auch Hülsenfrüchte und Soja sind erlaubt, so wie alle anderen naturbelassenen Nahrungsmittel. Letztlich sind die Beschränkungen zwar gravierend, aber immer noch können Betroffene wesentlich mehr essen als sie meiden müssen. Und der Aufwand lohnt sich, denn bereits nach 2 bis 4 Wochen kann sich der Patient deutlich besser fühlen. Symptome wie Durchfall, Gewichtsverlust oder rascher Leistungsabfall verschwinden, wenn die Diät eingehalten wird und keine weiteren Unverträglichkeiten bestehen. Schnell erreicht der Dünndarm seine volle Funktionsfähigkeit und nach ca. einem Jahr unter glutenfreier Diät hat sich die Dünndarmschleimhaut vollständig regeneriert.


Deutsche Zöliakiegesellschaft DZG

Die DZG ist ein gemeinnütziger Verein, der es sich seit seiner Gründung 1974 zur Aufgabe gemacht hat, Zöliakie- und Sprue-Betroffene über alle wichtigen Belange rund um diese Krankheit zu informieren. Dazu erscheint vierteljährlich eine Vereinszeitschrift mit den aktuellen Entwicklungen rund um das Thema, Informationen zu regionalen und überregionalen Gesprächskreisen und Veranstaltungen, Reisetipps und vieles mehr. Die DZG ist direkter Ansprechpartner für alle Betroffenen und Familienangehörigen. Als wichtige Einkaufshilfe gibt sie jährlich eine Liste der glutenfreien Lebensmittel heraus und steht in ständigem Kontakt mit vielen Lebensmittelherstellern. Auch international bestehen enge Verbindungen mit ähnlichen Gesellschaften in anderen Ländern.

Information und Kontakt: www.dzg-online.de


Autor:Christiane Thomas (24.09.2005)

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