Herr Richter, als Paar- und Familientherapeut sind sie Ansprechpartner für Männer und Frauen, die ihren Weg zu erfüllter und gelebter Liebe finden wollen und dabei möglicherweise in eine Sackgasse geraten sind, aus der sie einen Ausweg suchen. Viele versuchen heute eine Lösung für sich zu finden, indem sie ohne feste Bindung zu einem Partner leben. Als alleinerziehende Mütter oder Väter, als Single, als getrennt lebende Ehepartner etc. Aber erfüllt und glücklich fühlen sich unsere Zeitgenossen dabei meistens auch nicht, wenn sie ehrlich vor sich selbst sind – und die Sehnsucht bleibt. Andere halten fest an jenen Sicherheiten, die sie sich mit Haus und Heim und familiären Zusammenleben geschaffen haben. Aber auch dort ist oft die Enttäuschung zu Hause. Man arrangiert sich, aber die Sehnsucht nach tiefer Verbundenheit bleibt weitgehend oder teilweise unerfüllt. Was macht es uns heute so schwer, ein erfülltes Leben als Paar zu finden?
Wir suchen heute auf alte Konflikte neue Antworten. Ob früher, zu Zeiten unserer Eltern und Großeltern oder heute – es war schon immer ein Thema, ein erfülltes Leben als Paar zu finden. Ich denke, im Bezug auf die Liebe bildet sich eine neue Wahrnehmung und ein neues Bewusstsein heraus. Und bei allen Irritationen, die damit einhergehen, sehe ich diese Entwicklung positiv.
Neue Wahrnehmung, ein neues Bewusstsein – was meinen sie damit?
Ich meine damit das Bewusstsein dafür, das Liebe nur in Freiheit leben kann und nicht in der Norm festgefügter Vorsätze. Für mich ist Menschsein, Mannsein und Frausein ein Mysterium. Ein Geheimnis des Lebens, dass sich für den Menschen in dem Maße offenbaren kann, wie er seine Vorurteile und festgefügten Erwartungen ablegt. Ich glaube, wir haben in der Liebe verloren, wenn wir an Mustern festhalten, die wir übernehmen und eingelernt haben und die uns sagen, was und wie es sein soll. Dann gibt es kein Geheimnis und keine Überraschungen mehr, und es wird fad. Wer kann von sich behaupten, daß er dieser Art von Enttäuschung an der Liebe noch nicht begegnet ist. Wenn wir andererseits der Liebe die Freiheit zugestehen, wenn wir offen bleiben für das Unterwartete ...
dann könnten wir zum ewigen Träumer werden. Endstation Sehnsucht. Oder: es fährt ein Zug nach Nirgendwo.
Das wäre dann eine Falle. Aber ich habe einen anderen Vorschlag. Werden wir offen für das Unerwartete in uns selbst und in den Menschen, die uns nah sind. Dafür plädiere ich.
Loslassen von Vorurteilen, die uns bis in das Unterbewusstsein hinein konditioniert haben. Offen sein für neue Erfahrungen. Nicht mehr an alte Muster gefesselt, nebeneinander, sondern in größerer Freiheit miteinander lieben und leben lernen. Meinen Sie das, wenn Sie von einem neuen Bewusstsein in der Liebe sprechen, mit dem wir unser Mannsein und Frau-sein neu erfahren können?
Ja. Das ist ein Ziel. Welche Wege dahin führen können, das ist eine andere Frage. Die Wege sind vielfältig und unter den Menschen ist jeder nach seiner Art. Darum muss jeder die Antwort auf seine Fragen selbst suchen und finden. Als Therapeut und Gesprächspartner kann und darf ich dabei nur Hilfestellung leisten.
Was ist bei dieser Selbstfindung, auf welchem Weg auch immer, unabdingbar wichtig?
Erstens, der Wille zur Veränderung. Und zweitens die Wahrhaftigkeit vor sich selbst und dem Anderen. Das kann zunächst schmerzhaft sein und auf großen inneren Wiederstand stoßen. Aber aus dem Netz der Verstrickungen und dem Nebel falscher Bilder führt uns nur die Wahrhaftigkeit heraus.
Verliebt – Verlobt – Verheiratet
Im Lebensalltag geht es ja oft eher prosaisch zu. Nehmen wir ein Fallbeispiel – das sprichwörtliche Paar von nebenan. Die Poesie der Verliebtheit – das war einmal und lebt in Sphären der Erinnerung. Sie haben vielleicht ein Haus gebaut, zwei Kinder in die Welt gesetzt, und nach außen hin scheint alles ganz gut eingerichtet. Doch innen drin wohnt Unzufriedenheit. Im Bett passiert nichts mehr oder es macht keinen rechten Spaß. Man kann über die praktischen Dinge reden, aber wenn es um das gemeinsame Gefühlsleben geht, scheinen Sie und Er in einer anderen Sprache zu sprechen. Und im Inneren der Seele ist so etwas wie Leere oder auch ein nagender Wurm, der flüstert oder schreit voller Enttäuschung und Sehnsucht: „Ach, es könnte doch alles viel schöner sein!“ Ein seltener Fall?
Im Gegenteil. In unterschiedlichen Variationen werden wir dieser Fallbeschreibung immer wieder begegnen.
Auch die Dramen, Romane und Filme aus Geschichte und Gegenwart sind voll davon. Und in den Familiengeschichten unserer Vorfahren werden wir meistens diese Art von Fallbeispiel in unterschiedlicher Instrumentierung auch wiederfinden. Manche sagen darum (laut oder leise), so ist es nun mal, und sie geben sich damit zufrieden.
Es sind heut eher die Männer, die meinen, eine gute Partnerschaft zu haben. „Es ist doch alles in Ordnung“, sagen sie zu ihren unzufriedenen Frauen, „was willst du denn eigentlich noch mehr?“ Frauen sehen ihre Partnerschaft oft kritischer. Sie sagen dann: „So will ich mit dir nicht mehr weiter zusammenleben. Ich bin unzufrieden.“ Der Impuls zur Veränderung geht heute oft noch in der Mehrzahl der mir bekannten Fälle von den Frauen aus. Wenn sich die Männer dann nicht einigeln und in die Defensive gehen, sondern dem Impuls folgen, dann bekommen beide gemeinsam und jeder für sich eine neue Chance.
Mars und Venus
Wenn eine Frau oder ein Mann oder beide zusammen (was sicher das beste ist) zu Ihnenkommen und sagen: „Wir haben ein partnerschaftliches Problem, können Sie uns helfen?“ – was ist für Sie auffallend hinsichtlich der Frage, wie das Problem benannt wird?
Auffallend ist, dass beide (scheinbar) von ganz verschiedenen Sachen reden. Das ist charakteristisch. Als ob jeder auf einem anderen Planeten lebt. Obgleich sie Tisch und Bett miteinander teilen.
Über das Bett wird ja nicht immer gern offen und ungeschminkt gesprochen. Aber gerade dort findet die Paarkrise am deutlichsten ihren Ausdruck?
Liebe braucht auch Worte. Aber in der Körpersprache drückt sie sich noch unmittelbarer aus. Wenn es dort nicht stimmt oder wenn dort wenig Harmonie da ist, dann kann es in allen anderen Bereichen der Paarbeziehung auch nicht so recht zum Blühen kommen. Es wird nach außen hin so viel über Sexualität und Eros geredet. Jeder hat es im Kopf, fast jeder führt es im Mund und jeder hat sein eigenes Bild davon. Aber das, was scheinbar so klar ist, erweist sich im intimen Raum der Partnerschaft oft als vollkommen unklar.
Dort, wo wir am verletzlichsten sind, ist die Kommunikation am tiefsten gestört?
Ja. Dort fällt es am schwersten, ganz offen zu sein.
Die vitalen Bedürfnisse und Konflikte bleiben unter der Bettdecke verborgen. Sie äußern sich dann in Verkleidungen an ganz anderen Stellen, wo sie natürlich nicht gelöst werden können. Laut oder leise formulierte Vorwürfe. „Warum bist du so schlecht gelaunt! Blumen schenkst du mir nur noch zum Geburtstag! Musst du denn immer so lange arbeiten! Kannst du mir nicht wenigstens einmal richtig zuhören!“
Es können Vorwürfe sein. Es kann auch resigniertes Schweigen und bedachtsames Ausdemweggehen sein. Das hilft natürlich nicht. Sie und Er werden überrascht sein, wenn sie zu einer Zwiesprache kommen, bei der offen von beiden Seiten über die tiefsten Wünsche, Empfindungen und Ängste vertrauensvoll gesprochen werden darf. Was bedeutet Sexualität für mich? Was macht mich an – und was schaltet mich ab? Was wünsche ich mir von dir? Was wünsche ich mir, möglicherweise, von anderen Menschen? Geheime Wünsche braucht es in einer von Aufrichtigkeit und Liebe getragenen Partnerschaft nicht geben.
Dann werden wir mit Freude und Lust wahrnehmen, dass Mars und Venus doch nicht so fern voneinander sind und vieles zwischen Erde und Himmel gemeinsam haben, das sie miteinander und in Liebe zueinander leben können?
Dem stimme ich zu.
Das Unvollkommene ist das Normale
Ich komme zurück zum Fallbeispiel. Sie oder er oder alle beide betrachten ihr Beziehung als unbefriedigend und suchen Veränderung. Man könnte das Heil in einer Trennung suchen. Nur ahnen oder fürchten sie auch, dass bei äußerer Veränderung ohne innere Heilung in einer späteren, neuen Partnerschaft die alten Probleme und Konflikte wieder auferstehen.
Diese Ahnung bestätigt sich oft, und die Angst davor ist berechtigt. Sehr oft wird das neue Glück auch nicht das halten, was die erste Zeit der Verliebtheit verspricht. Die Zeit der Verliebtheit kann drei Monate dauern, oder - sehr hoch gerechnet - 3 Jahre. Im Durchschnitt, so sagen es Untersuchungen, dauert sie ein Jahre und acht Monate.
Der Zustand der Verliebtheit ist schön und erregend. Aber er beinhaltet auch eine gewisse Blindheit gegenüber den Schattenseiten bei sich selbst und beim anderen. Wenn zwei Menschen als Paar miteinander leben, wachsen und reifen wollen, muss ihre Liebe die Schattenseiten mit einbegreifen.
Darauf kommt es an.
Wie kommen wir dahin?
Wie schon einmal gesagt, nur über den Weg der inneren Wahrhaftigkeit. Offen legen, das ist die eigentlich heilende Arbeit. Und das schafft Vertrauen. Ohne Vertrauen kann Liebe nicht leben. Wenn ich meine eigenen Begrenzungen offen legen kann, dann eröffnet sich etwas, was zu echter innerer Anteilnahme und Liebe führen kann. Und ich kann mich frei machen vom lähmenden Zwang der Kontrolle, die ich heimlich und unheimlich mir selbst und dem anderen auferlege. Ich und Du – wir dürfen so sein, wie wir sind. Dann hat die Liebe eine Chance.
Wenn die Kontrolle fällt, steigt die Lust?
Ja. Auch die Lust an der eigenen Unvollkommenheit. Die Vorstellung, immer ein vollkommener Mensch sein zu müssen, ist doch geradezu schreckenerregend.
Der Weg vom Schein zum Sein?
So kann man es ausdrücken.
Hinter der Kontrolle steht die Angst, ungeschützt zu sein. Hat das Schutzbedürfnis nicht auch seine Berechtigung?
Jeder muss für sich immer wieder neu entscheiden, wie weit er gehen will und kann. Was gestern noch lebensnotwendig gewesen sein mag, das kann sich morgen als Fessel erweisen, die eine persönliche Entwicklung behindert. Das Leben und die Liebe ist ein Weg, auf dem wir mit viel Bereitschaft zur Veränderung gehen müssen, um neue Entdeckungen zu machen.
Liebe braucht nicht nur Nähe, sondern auch Distanz – oder?
Liebe ist nicht etwas Statisches, sondern etwas Kommendes und Gehendes. Kann ja so sein: Ein Paar lebt eine Zeit mit Lust, gemeinsamer Begegnung, eine Zeit der Nähe. Darauf folgt eine Zeit des Abstandes, in der jeder ein Stück eigenen Weges geht. Und dann vielleicht wieder das zueinander Zurückfinden.
Auch sonst ist unausgesetzte Nähe in der Liebe für mich nicht so recht denkbar. Wir brauchen das Atmen der Liebe zwischen Nähe und Distanz und je größer dieser Spannungsbogen ist, desto lebendiger ist es. Jedes Paar muss für sich herausfinden, wie groß dieser Spannungsbogen sein kann. Für manche ziemlich klein, weil große Ängste auftauchen. Für manche groß, und sie können dabei auch annehmen, dass der Partner einen anderen Menschen hat, den er liebt. Wie auch immer das im einzelnen Fall ausgestaltet sein mag.
Würden Sie sagen, dass für eine gute Partnerschaft die sexuelle Treue unbedingte Voraussetzung ist?
Das würde ich überhaupt nicht sagen. Weil das Leben etwas anderes zeigt. Wichtig ist, wie ich mit einer größeren Freiheit in der Liebe umgehe. Wenn ich so eine Begegnung hatte, steht sie dann zwischen mir und meinem Partner – oder bereichert sie sogar alle Beteiligten in ihrem menschlichen Miteinander.
Die Frage, wie geht mein Partner damit um, spielt die auch eine Rolle?
Spielt eine wesentliche Rolle. Es ist die Frage, ob wir offen und ehrlich miteinander umgehen wollen und können. Wenn ich fühle, es gehört zu meiner Person, dann sollte es auch der Partner wissen.
Da fängt es an, wo ich den anderen in der Liebe nicht mehr als Besitz begreife?
Ja. Das ist eine große Herausforderung. Und ich denke, sie liegt in unserer Zeit.
Anthropologisch gesehen, ist es noch nicht so lange her, dass wir in Horden und Sippen gelebt haben ...
... wo Sexualität nicht paargebunden ausgelebt wurde. Mit unserer kulturellen Entwicklung ist folgerichtig die Paarbeziehung in den Vordergrund getreten. Mit ihren ethischen Geboten und auch mit ihrer Scheinmoral.
Die Entwicklung geht weiter?
Ich denke, wir werden uns unserer Konflikte und unserer Möglichkeiten stärker bewusst. Mehr Offenheit in der Liebe, weniger Besitzanspruch an den Partner. Neben der Konstellation „Mutter-Vater-Kind“ wächst die Bedeutung der „Sippe“ als soziale Größe. Und zu dem neuen Bewusstsein gehören sicher auch das Wiederentdecken alter Weisheiten, wie sie zum Beispiel in der Kultur des Tantra überliefert sind. Dort gilt ja Sexualität als religiöse Handlung. Der Mann ehrt in der Frau alles Weibliche der Welt, und die Frau huldigt im Mann das männliche Prinzip des Universums. Das ist in ein Ritual eingebunden. Dieses Ritual hilft mir, Grenzen abzustecken. Es hilft mir, bei mir zu bleiben und trotzdem beim anderen zu sein.
P.S.: Die Liebe ist ein weites Feld. Mag sein, dass die hier geäußerten Gedanken bei manchen LeserInnen auf Wiederspruch stoßen. Warum auch nicht? Denn in der Liebe ist und bleibt die Wahrheit etwas sehr Subjektives. Selten gehen die Erfahrungen, Wünsche und Meinungen so weit auseinander, wie bei den Fragen und Antworten zum Thema Liebe und Partnerschaft. Wer eigene Gedanken dazu äußern möchte, ist dazu herzlich eingeladen.
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