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Traumland Jemen
Autor:Carmen Rohrbach (26.01.2004)

Noch immer weckt der klingende Name des Landes Sehnsüchte und lässt Träume wachsen. Auch ich wollte den geheimnisvollen Jemen für mich entdecken. Ich suchte die Vergangenheit und fand sie vor allem in abgelegenen Gebirgsgegenden: im Audhali-Gebirge nahe der ehemaligen Grenze zwischen Nord- und Südjemen, auf den einsamen Hochplateau des Jol und in den Tälern des Wadi Hadramaut. Drei Monate bin ich mehr als 1000 Kilometer mit meinem Dromedar Al Wasim gewandert, bis meine Expedition in der sagenhaften Lehmhochhausstadt Shibam ihr Endziel fand. Über diese Erlebnisse und Erfahrungen habe ich in meinem Buch berichtet. An dieser Stelle soll der Schwerpunkt auf den Begegnungen mit den Menschen und ihren heute noch lebendigen Traditionen liegen.

Das Hammelopfer schützt das Leben von Mutter und Kind

Erschöpft von der Geburt liegt Nasara auf dem Polster und hält ihr Baby im Arm. Die Stille im Raum wird plötzlich gestört durch gewaltigen Lärm vor der Tür. Rauhe Männerstimmen schreien durcheinander, es poltert und rumpelt, trampelt und scharrt. Da drängen sie schon ins Zimmer: Die Männer des Stammes schleppen einen mächtigen Hammel herein. Sie zerren das sich heftig wehrende Tier zum Lager der Mutter mit ihrem Kind. Die Männer betten den Hammel auf das Lager. Der muskulöse Tierkörper liegt auf Nasara und dem Neugeborenen. Das ist der schwierigste und gefährlichste Teil des Rituals. Die Männer mühen sich, den zuckenden Hammel fest im Griff zu halten, damit er weder Frau noch Kind mit seinen scharfkantigen Klauen verletzen kann. Hastig werden Suren aus dem Koran gesprochen und der Hammel wieder hinausgetragen.

Das Schlacht-Opferritual erlebte ich nicht nur in abgelegener Beduinensiedlung, sondern auch in der jemenitischen Hauptstadt Sana´a. Dort mußte der Hammel die Treppen hoch in das oberste Stockwerke geschleppt werden. Der Vater des neugeborenen Mädchens, der im Ausland studiert und gearbeitet hatte, sagte verlegen: „Es gibt Traditionen, die sind nicht unbedingt erhaltenswert.“

Noch halten die Jemeniten aber an diesem und anderen Ritualen fest, die weit in vorislamischer Zeit entstanden sind. Seit altersher fühlten sich Menschen von bösen Mächten ständig umlauert, denen sie in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Namen gaben. In arabischen Ländern nennt man die Dämonen djinn. Mit Amuletten, Opfergaben und Gebeten wird versucht, die unheilvollen Geister abzuwehren. Auch Tiere eignen sich dazu, ihnen wird das Böse aufgeladen, dann werden sie geschlachtet oder in die Wüste gejagt, damit sich das Schlechte von den Menschen abwendet.

Das Milchopfer

Das Neugeborene wird sorgfältig in einer flachen Wanne gebadet. Der Schwiegermutter von Nasara obliegt diese Handlung. Sie hält das kleine Mädchen in ihren derben Bäuerinnenhänden, trocknet es ab und reibt seinen Körper mit Sesamöl ein. Ohren, Nase und Mund werden besonders sorgfältig eingeölt. Dann tunkt sie den Zeigefinger mehrmals in die Flüssigkeit und tröpfelt sie der Kleinen in den Mund. Ich bin entsetzt, denn Öl bewirkt Durchfall. Für ein Neugeborenes bedeutet es Lebensgefahr. Nasara, die Mutter des Babys, will mich beruhigen: „Das Öl ist wichtig, es löst das Darmpech.“
„Du solltest das Kind stillen“, empfehle ich ihr,“ denn die erste Milch ist sehr fetthaltig und entleert den Darm deiner Kleinen.“
„Nein!“ entsetzt sie sich. „Die erste Milch ist doch unrein!“
„Was meinst du mit unrein?“
Nasara zuckt die Schultern: „Das ist nun einmal so.“
„Gebt ihr denn jedem Neugeborenen Öl?“
„Ja, selbstverständlich!“
Die Vielzahl der Kinder beweist, dass sie die rabiate Ölkur überlebt haben. Dennoch sorge ich mich um das kleine Mädchen, zumal das Immunsystem Neugeborener sich erst allmählich entwickelt, deshalb erhalten sie die nötigen Antikörper mit der Muttermilch. Babys, denen diese wichtige erste Milch vorenthalten wird, sind schutzlos den Krankheitskeimen der Umwelt ausgeliefert.
Die Großmutter wickelt das Kind fest ein. Arme und Beine eng an den Körper gepreßt, steckt es bewegungslos wie eine Mumie in den Wickeltüchern. Dem Baby scheint das zu behagen.
Es hört auf zu weinen, vielleicht weil die Wickelung ihm ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, wie im Mutterleib.
Jeder möchte das kleine Mädchen in den Arm nehmen. Von einem zum anderen wird es weitergereicht wie eine Puppe, auch die Kinder dürfen es halten. Fast alle sind erkältet. Durch das ständige Husten und Niesen wird das Neugeborene mit Bakterien geradezu überflutet.
Da Nasaras Milch als unrein gilt, muß das Baby an einer Flasche mit Zuckerwasser nuckeln. Doch nicht genug - um das Böse zu bannen, wird unentwegt Weihrauch verbrannt. Schon nach wenigen Tagen sind die Augen des Babys schlimm entzündet, die man außerdem mit Khol schwarz umrandet hat. Dass man Babys schminkt ist ebenfalls eine sehr alte Tradition, so schützt man sie vor dem „bösen Blick“.

Die Angehörigen sind überzeugt, nur das Beste für das Kind zu tun und allen Schaden von ihm abzuwenden. Niemand käme auf den Gedanken, etwas anzuzweifeln, was immer schon so gemacht wurde. Von Generation zu Generation werden Informationen weiter- gegeben und gelten als richtig, ohne sie zu hinterfragen. Deshalb kann auch niemand begründen, warum die erste Muttermilch unrein sein soll. Selbst der Koran, der sonst alle Regeln des Alltagsleben der Muslime bestimmt, gibt keine Auskunft. Vielleicht war früher einmal ein sinnvoller Grund vorhanden, der längst in Vergessenheit geriet. Ich könnte mir vorstellen, dass es einst zu einem archaischen Opferritual gehörte, die ersten Tropfen Milch einer Fruchtbarkeitsgöttin zu widmen, zum Dank für die glückliche Geburt. Doch dann kam der Islam, hat die alten Götter verteufelt und Fruchtbarkeitsriten verboten. Den Müttern aber war das Leben und die Gesundheit ihrer Kinder das Wichtigste und sie wollten vom Milchopfer nicht lassen. Deshalb versuchte man, ihnen Angst zu machen. Vielleicht hieß es, wenn sie weiterhin ihre Milch den verbotenen Göttern opfern, wäre ihre Milch fortan unrein. Der Vorwurf der Unreinheit hatte natürlich eine gewaltige abschreckende Wirkung auf die Psyche der Frauen.

Heute - losgelöst vom ursprünglichen Hintergrund - blieb nur noch die Vorstellung von der Unreinheit erhalten. So könnte es gewesen sein.

Bilqis - Königin von Saba

Mündlich überlieferte Legenden hielten die Erinnerung an eine Frau wach, die vor 3 000 Jahren gelebt haben soll. Der erste schriftliche Bericht über eine Königin von Saba findet sich in der Bibel. Die Königin aus dem Land des Weihrauches besuchte Salomo, den König der Juden, brachte ihm kostbare Geschenke und stellte ihm knifflige Rätselfragen. Auch im Koran wird das Treffen erwähnt. Ein Vogel, der Wiedehopf, flog mit Botschaften zwischen Sulayman (Salomon) und Bilqis hin und her, bis sich die Königin dazu entschloss, den weisen Sulayman zu besuchen, damit er sie im „rechten Glauben“ unterweise.

In der äthiopischen Variante waren der Königin Eselsfüße angehext worden. Die Königin reiste zu Salomo, der sie heilte. Sie verliebten sich ineinander und die Königin gebar nach der Rückkehr in ihr äthiopisches Königreich einen Sohn: Menelik, der eine 3000 Jahre dauernde Dynastie begründete; denn die äthiopischen Kaiser behaupteten, von diesem Sohn des Königs Salomo und der Königin von Saba abzustammen, deswegen gaben sie sich auch den Beinamen „Löwe von Juda“.

Ob es die Königin von Saba wirklich gegeben hat? Bis heute ist sie die ideale Gestalt für Märchen und Träume geblieben - eine Frau, an der sich die Phantasien der Menschen entzünden, deren Konturen sich aber im mystischen Dunkel verwischen. Beweise für ihre Existenz wurden bisher nicht entdeckt. In Marib soll die schöne und kluge Bilqis vor 3 000 Jahren geherrscht haben. Doch in den Ruinen der einstigen Hauptstadt der Sabäer fand sich kein einziger Hinweis dafür.

Marib liegt östlich von Sana´a in der Wüste Ramlat as Sabatayn. Schon im Morgengrauen war ich aufgebrochen, um noch vor der Bruthitze des Mittags anzukommen. Ein unwirkliches Gefühl erfüllte mich, als ich mitten in den Ruinen einer jahrtausendealten Kultur stand und der heiße Wüstensand mir ins Gesicht blies. Wie mochte es hier früher ausgesehen haben, als Marib die mächtigste Stadt in Südarabien war und ein riesiger Stausee mitten in der Wüste das Land erblühen ließ?

Im Jahr 1951 schien es, als würde sich ein Fenster in die Vergangenheit öffnen. Damals hatte ein Forscher zum ersten Mal die Genehmigung erhalten, in Marib zu graben. Dem Amerikaner Wendell Phillips mit seinem Team gelang es, den tief im Wüstensand verschütteten Tempel des Mondgottes Almaqah zu entdecken und freizulegen. Aber bald regte sich Argwohn bei den einheimischen Arbeitern, die bei den Ausgrabungen halfen. Es kam zum Aufruhr. Stützpfeiler wurden eingerissen und als Phillips gar von geheimen Mordplänen hörte, flüchteten er und seine Mitarbeiter Hals über Kopf. In der Panik ließen sie nicht nur ihre wertvolle Ausrüstung zurück, sondern auch sämtliche Fundstücke: Abgüsse von Inschriften, Bronzestatuen, Alabaster-figuren, Keramik.

Der Tempelbezirk, den Phillips damals freilegte, hatte einen ovalen Grundriß. Die Außenmauern waren neun Meter hoch und vier Meter dick. Acht monolithische Pfeiler von sieben Meter Höhe stellten den Eingang zum Tempel dar. Nur diese Pfeiler ragten noch immer aus dem Sand heraus, als ich die Ausgrabungsstätte besichtigte. Die Größe der gesamten Anlage konnte ich nur erahnen, denn inzwischen bedeckte der Sand die Ruinen wieder. Außerdem waren die freigelegten Mauern mit ihren glattgeschiffenen Steinquadern eine willkommene Beute gewesen - entweder wurden sie zum Bau neuer Häuser benutzt, oder auf Kamele geladen und in alle Gegenden verkauft.

Rotglühend neigte sich die Sonne dem Abend zu. Die Schatten der Pfeiler wurden immer länger. Die letzten Sonnenstrahlen warfen einen warmen Schein auf den im Sand versunkenen Tempel. Wie viele Geheimnisse sich wohl unter der dicken Sandschicht verbergen? Die zauberhafte Stimmung regte meine Phantasie an. Welche Szenen mögen sich hier vor Jahrtausenden abgespielt haben?

Sicher war der Awam-Tempel zu seiner Zeit ein berühmtes Wallfahrtsziel. Ich stellte mir lebhaft vor, wie sich Scharen von Pilgern vor dem Eingangsportal versammelten und geduldig warteten, bis die Priester ihnen Einlaß gewährten.
Von Almaqah, dem Mondgott erflehten sie die Fruchtbarkeit ihrer Felder, reiche Ernten und Wohlergehen ihrer Familien. Andere baten um Vergebung für Verfehlungen. Sie brachten Opfer, damit der Gott ihnen Segen spendete. Hoheitsvoll schritten Priester die mit Kupferplatten belegten Stufen hinab. Sie schürten das Feuer für das Rauchopfer, und bei besonderen Anlässen opferten sie Tiere auf dem Altar. Orakel wurden befragt und die Zukunft gedeutet.

Felsgravuren und Menhire

Über die Vorgeschichte des Jemen ist wenig bekannt. Erstmals werden wahrscheinlich Menschen vor 8 000 Jahren während des Neolithikums (Jungsteinzeit) eingewandert sein, wie Funde von Pfeilspitzen, Werkzeugen und Knochen beweisen. Sie jagten Tiere, bauten Feldfrüchte an und zogen mit ihren Herden als Nomaden umher.
An geeigneten glatten Felswänden findet man an mehreren Orten im Jemen Felsgravuren, z. B. im Norden bei Saada, bei Sana´a im Wadi Darr und im Audhali Gebirge bei Al Bayda. Dargestellt sind besonders häufig Steinböcke und Jäger.
Es mögen die halbmondförmigen Hörner des Tieres gewesen sein, die den Steinbock zum Sinnbild des Mondes prädestinierten.

Der seine Gestalt wandelnde Mond konnte Fruchtbarkeit schenken oder Verderbnis bringen. Für die damaligen Menschen war es lebenswichtig, den Mondgott durch Riten gütig zu stimmen. Ein wichtiges Fest zu Ehren des Gottes war die Steinbockjagd, die Opferung der Tiere auf dem Altar des Gottes, kultische Tänze und Gesänge, bei denen die Jagd dargestellt und verherrlicht wurde.
Diese Tänze und Lieder sind bis heute überliefert, und viele Häuser, vor allem im Süden des Jemen, sind an ihrer Außenwand mit Steinbockhörnern geschmückt. Die Trophäen gelten als Glücksbringer und sollen den Fortbestand der Familien sichern. Die alten Götter sind nicht tot. In leicht veränderter Gestalt herrschen sie weiter in neuen Religionen. Der Halbmond, heute zwar ein Symbol des Islam, ist das Abbild des Mondgottes Almaqah, des mächtigsten Gottes in frühen Zeiten.
Nur die Steinböcke haben nicht überlebt. Ihre Fruchtbarkeit war der Potenz moderner Waffen unterlegen. In der Mitte unseres Jahrhunderts wurde der letzte Steinbock des Jemen getötet.
Im Gebiet von Al Bayda entdeckte ich Steinstelen (Menhire), die im Kreis angeordet sind - ich sah zwei Kreise, wenige Meter entfernt voneinander.

Die Steine stehen aufrecht, die meisten übermannshoch und umschließen einen Kreis von ca. 5 Meter im Durchmesser.
Diese ehemalige Kultstätte, die wahrscheinlich aus der Bronzezeit stammt, liegt heute in einer einsamen Gegend. Hin und wieder ziehen Beduinen mit ihren Ziegenherden durch die Steinwüste, in der nur wenige Sträucher ein kümmerliches Dasein fristen. Sie erzählten mir die Sage von einem unglücklichen Liebespaar, deren Grabstätte die Steinkreise bezeichnen.

Die Rabenfestung Husn al Ghurab

Bei Bir Ali an der äußersten Spitze einer Landzunge ragt ein Vulkanberg aus der Küstenebene wie ein Monolith, an dem sich die Meereswogen brechen. Für die Seefahrer früherer Zeiten war er das Zeichen, dass sie den Hafen von Qana erreicht hatten - hier begann die Weihrauchstraße.

Das im Durchmesser 400 Meter große Plateau auf dem schwarzen abweisenden Felsen bot reichlich Platz für die Rabenfestung Husn al Ghurab. Die einst mächtige Burg liegt in Trümmern, die Gebäude und Türme sind zerfallen und die Zysternen ausgetrocknet. Dennoch beeindruckt mich die Ruine durch ihre sorgfältig behauenen schwarzen Lavasteine, die fugendicht zusammengesetzt sind. Neugierig schaue ich hinab in die tief in den Fels geschlagenen Zysternen und folge den Zulaufrinnen, die das Plateau netzartig überziehen. Einst haben auf diesem hohen Felsplateau Menschen gelebt. Der Blick von oben war zur Überwachung von Land und Meer strategisch bestens geeignet, denn die Rabenfestung sollte die Hafenstadt Qana vor Überfällen schützen.

Es ist fast windstill. Der Ozean glänzt wie ein Silberspiegel. Am Horizont fließen Himmel und Meer Blau in Blau ineinander. Schiffe, die heutzutage durch das Gewässer kreuzen, fahren achtlos an der Festung vorbei, und kein einziges legt an in der Bucht, die einst der Hafen von Qana war.

Mein Blick schweift über Meer, Vulkane und Dünen, und es ist, als könnte ich weit zurücksehen in eine längst vergangene Zeit, als dhaus, die Segelschiffe der Antike, mit kostbaren Waren im Hafen von Qana ankerten und Flöße aus aufgeblasenen Tierhäuten mit Weihrauch beladen anlandeten. Ich stelle mir das bunte Bild vor, die betriebsame Fülle am Hafen, die Seefahrer aus den verschiedenen Ländern der Erde, ihre verwegenen Gestalten, die von Wind und Sonne verwitterten Gesichter und höre ihre rauhen Stimmen, mit denen sie sich laut überbieten. Lärm herrscht auch im Lager der Beduinen, die hier tagelang auf die Ankunft der Schiffe gewartet haben, jetzt die Waren in Ballen verschnüren und auf ihre Kamele verladen.
Sie transportieren die Schätze Asiens in die westliche Welt: Seide aus China, Perlen und Musselin aus Ceylon, Diamanten, Lapislazuli und Indigo und vor allem Pfeffer und Zimt aus Indien. Von der Ostküste Afrikas kommen Gold und Myrrhe, Elfenbein und Straußenfedern. Immer geht es laut zu beim Verteilen und Aufladen der Lasten. Die Beduinen streiten sich, wer welche und wieviel Waren transportieren darf. Sie ziehen sich heftig an den Ohren, keifen und kreischen und beschimpfen sich wüst, als würden sie gleich eine Keilerei anzetteln wollen. Die Kamele tragen das ihre zum Lärm bei, weil sie sich brüllend gegen die schwere Last empören. Allmählich kommt Ordnung in das Durcheinander, das Geschrei verebbt, der Trubel löst sich auf, und eine Karawane nach der anderen zieht davon über Gebirgspässe und Hochsteppen, durch Wadis und Wüsten, bis sie ihre Märkte am Mittelmeer erreichen.

Auf diesem Strom unzähliger dahinstapfender Füße von Menschen und Tieren erreichten die Schätze von fernen Ländern ihre Käufer. Dies war die große Weihrauchstraße, deren Nachruhm der Jemen noch heute den Beinamen felix arabia „Glückliches Arabien“ verdankt.
Schon lange ziehen keine Karawanen mehr auf den antiken Handelswegen, und die einst lebenspralle Hafenstadt Qana an der großen Bucht mit der Festung auf dem Berg ist vergangen. Armselig wirken nun die Umrisse der Grundmauern am Fuße des Rabenfelsens, und nichts erinnert an die einstige Pracht. Die Weihrauchstraße war überflüssig geworden, als die Seefahrer die Monsumwinde nutzten und das Rote Meer befahren werden konnte. Der Jemen verlor schlagartig seine Monopolstellung, war nicht mehr Stapelplatz kostbarer Schätze des Fernen Orients und Brücke zwischen den Völkern im Osten und Westen. Der Reichtum verrann, die Zolleinnahmen blieben aus. Nun zeigte sich, dass nicht eine blühende Wirtschaft den Fernhandel bedingt hatte, sondern umgekehrt: Die alten Königreiche in den Trockentälern und Wüsten konnten ohne die Weihrauchstraße nicht überleben.

Literatur

Carmen Rohrbach
„Im Reich der Königin von Saba - Auf Karawanenwegen im Jemen“
Verlag Frederking & Thaler, 5. Auflage 2001,
Euro 22,00 (auch als broschierte Ausgabe für Euro 11,00)
ISBN 3-89 405-396-8


Autor:Carmen Rohrbach (26.01.2004)

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