All das hat etwas mit âgeringerem Einlassenâ zu tun: man hält sich alle Optionen möglichst lange offen. Es geht dabei vordergründig um Freiheit, aber es kommt hintergründig eine ganz eigenartige Form von Freiheit dabei heraus. Die Schattenseite enthüllt der ganze Bereich der Beziehungsindustrie für Singles. Es gibt schon Zeitungen für und Partys, Reisen werden organisiert und alles zu dem einen Zweck nur nicht Single bleiben zu müssen, jedenfalls kurzfristig nicht. Es wird ein ziemlicher Wirbel geschlagen, um die Singles bei Stimmung zu halten und natürlich um an ihnen zu verdienen. Aber ersteres ist gar nicht so leicht. Wenn man mit Singles spricht, was Therapeuten und Beratern ja zunehmend möglich wird, spürt man die große Sehnsucht nach Beziehung.
Betrachtet man das Thema mit etwas Distanz, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die, die keine Beziehung haben, unbedingt eine wollen, während die, die eine haben, unbedingt da heraus wollen, oder jedenfalls oft schwer damit und darum kämpfen.
In einer Gesellschaft wie unserer, wo alle uralt werden wollen, dann aber niemand alt sein will, ist natürlich Unglück vorprogrammiert. Wenn alle etwas werden wollen, was nachher niemand sein will, kann das nicht gutgehen.Wären wir in unseren Partnerschaften tatsächlich entwicklungsfreundlich, wäre das eine wunderbare Möglichkeit. Der eine wächst ein Stück, der andere noch mehr. Und so schaukelt sich das wunderbar auf. Die meisten Menschen leben aber nach dem Konzept: Hoffentlich geschieht nichts! Hoffentlich passiert nichts! So verabschieden sich Partner oft, wenn sie irgendwo hinreisen oder einen Therapieversuch machen. Wer das ernst meint, könnte gleich zu Hause bleiben. Warum sollen sie denn irgendwo hinfahren oder eine Therapie versuchen, wenn sie ohnehin nicht wollen, dass etwas geschieht. Dieses Muster überträgt sich auf alle möglichen Lebensstrukturen. Viele aber leben nach dem Konzept: âIch liebe dich so, wie du bist. Dann bleib gefälligst auch so, wie du bist. Und du liebst mich ja auch so, wie ich bin. Also bleibe auch ich so, wie ich bin.â Man macht außen einen Zaun herum und dann bleibt alles so wie es ist. Das ist natürlich sehr entwicklungsfeindlich und funktioniert zum Glück nicht.
Wenn einer von beiden anfängt, sich zu entwickeln, beginnt nicht selten auch schon die Krise. Häufig ist es das Mädchen, das ein Kind will. Im Idealfall entwickeln natürlich beide diesen Wunsch. Das Mädchen wird bei der Geburt nicht nur rechtlich Mutter, sondern auch in übertragener und seelischer Hinsicht und damit eine erwachsene Frau. Ihr Bub wird aber nur rechtlich Vater und im allgemeinen nicht seelisch erwachsen. Jedenfalls ist der Weg für ihn viel schwieriger. Die Geburt bringt den Jungen in eine schwierige Situation. Wenn es eine Geburt im modernen Sinne der französischen Gynäkologie nach Lebojer oder Michel Odent ist, wird sie aus der Kraft heraus einem Kind das Leben schenken. Das ist ein unglaubliches Erlebnis, das sie total verändern wird. Wenn er dafür die Offenheit nicht hat und nicht wirklich mit ihr verbunden bleibt, sondern - wie das viele Buben machen - nach unten hinschauen, dorthin wo die Musik spielt, wo etwas passiert, dann wird er eher ungute Gefühle entwickeln. Das Geburtsgeschehen ist ihm natürlich gänzlich fremd und meist gar nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Er ist folglich nicht in seiner Kraft und unter Umständen geht es ihm nicht einmal gut dabei.
Aus dieser Situation leiten sich häufig Beziehungsprobleme ab, über die man allerdings bei uns nicht sehr viel redet. Sie werden auf andere, häufig körperliche Dinge projiziert. Da wird dann plötzlich von männlicher Seite das Stillen dafür angeschuldigt, daß die Beziehung nicht gut weitergeht, die Konkurrenz um die Brust ist sicherlich vorhanden, aber sie ließe sich schon irgendwie regeln. Auch die angeblich veränderte Anatomie im Scheidenbereich, die nicht selten für den Verfall des Sexuallebens haftbar gemacht wird, ist ein halbes Jahr nach der Geburt gar kein Thema mehr. Was sich wirklich verändert hat, ist die Tatsache, daß sie jetzt eine erwachsene Frau ist. Er konnte zwar sexuell seinem Mädchen gut begegnen, aber mit einer erwachsenen Frau wird er nicht unbedingt fertig. Daraus entstehen Probleme, insbesondere dann, wenn er flüchtet statt standzuhalten und versucht, ein neues Mädchen zu finden. Daraus entsteht in der Regel Leid für alle vier Beteiligten.
Wenn wir schauen, wie Beziehungen entstehen, sieht man, daß das oft aus der Hoffnung heraus geschieht, sich damit das Leben leichter zu machen. Das ist natürlich mit dem Konzept, das ich jetzt angedeutet habe, nicht mehr sinnvoll. Wer eine Beziehung will, um sich das Leben leichter zu machen, dürfte nicht auf die Beziehung zum Heil, sondern müßte auf die zum Wohl zielen. Dann stellt sich natürlich gleich die Frage, ob man sich nicht lieber eine Haushälterin oder einen Butler suchen sollte. Wenn man die Beziehung zum Heil will, muss man sich auch klar machen, dass da Wachstum gefordert ist. Vollständiger, heiler werde ich nur, wenn ich Fehler eingestehe und Fehlendes integriere. Dann könnte ich in jeder Enttäuschung das Ende einer Täuschung erkennen und daraus eine Chance machen.
Tatsächlich sind wir aber eher relativ schnell genervt von Enttäuschungen. Wir wollen uns nicht täuschen und auch keine Fehler machen. Und wenn wir welche machen, gestehen wir sie uns nicht ein. Wenn wir uns getäuscht haben, verdrängen wir die Enttäuschung. Wir wollen uns ja auch möglichst nie entschuldigen. Wenn wir auf den eigentlichen Sinn dieser Worte schauen würden, wäre alles so einfach. Der Fehler bringt uns Fehlendes, die Enttäuschung beendet eine Täuschung, und die Entschuldigung würde uns von der Schuld befreien. Wir entschuld(ig)en uns damit ja tatsächlich. Aber natürlich auch nur, wenn wir uns wirklich richtig entschuldigen und das in unsrem Innersten auch so meinen. Nur so pauschal dahingesagt bringt es natürlich wieder gar nichts oder sogar das Gegenteil. Das verschärft sogar den Konflikt und das Problem oft genug noch. Wenn ich den Fehler oder das Problem aber wirklich eingestehe und mich dafür ehrlich entschuldige, hat das etwas Erleichterndes. Der andere kann es in aller Regel auch annehmen.
| Rüdiger Dahlke: Portrait |
Arbeitsschwerpunkte: Seminare und Ausbildungen in Psychosomatik (Archetypische Medizin), Atem- und Psychotherapie, Fasten und Bilder-Meditation; Vorträge und Trainings im deutschsprachigen Raum und in Italien.
Interessenschwerpunkte: Entwicklung einer ganzheitlichen Psychosomatik unter Einbezug spiritueller Themen wie sie sich in den Bestsellern Krankheit als Weg, Krankheit als Symbol, Krankheit als Sprache der Seele und Frauen-Heil- Kunde und zuletzt Aggression als Chance und den dazugehörigen CD-Programmen ausdrückt.
Über 100 Buchübersetzungen in 18 Sprachen.
Weitere Informationen: www.dahlke.at.
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