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naturel>Leser>Archiv>Ausgabe 03/05 |
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Tabula Rasa
Autor:Wolfgang Nützenadel (07.03.2005)
Galerie Gaia – die Galerie für spirituelle Kunst – zeigt erstmals Werke von Michael Podszun. Wolfgang Nützenadel spricht mit dem Maler und Grafiker über die Verbindung und Wechselwirkung von Leben und Kunst und die heilende Wirkung des Malens. Deine Bilder tragen so etwas wie ein Geheimnis in sich und entziehen sich der gegenständlichen Deutung. Trotzdem wäre es sicher nicht treffend, sie in das Schubfach „Abstrakte Kunst“ einzuordnen. Schubfächer und Etiketten sind ja ohnehin für Charakterisierung von Kunst und Leben eine fragwürdige Sache. Wie geht es dir persönlich mit der Überschrift „Spirituelle Kunst“ im Bezug auf deine Bilder? Nicht so gut, wenn man es als Etikett betrachtet. Ich halte es da lieber mit einem Spruch des Landschaftsmalers Wolfgang Kühne, der dazu sagte: „Kunst ist immer spirituell – oder es ist keine Kunst.“ Das hat schon angefangen bei der Höhlenmalerei vor 20.000 Jahren.
Mir fällt beim Ansehen deiner Bilder ein anderer Gedankenzusammenhang ein, für den die Worte „Tabula rasa“ stehen. Aus dem Lateinischen übersetzt, bezeichnet das den unberührten Anfangszustand des Bewusstseins oder der Seele bei der Geburt. Also das „unbeschriebene Blatt“ als Anfangszustand, in welches Eindrücke und Erlebnisse „eingetragen“ werden. Ich stelle mir vor, dass damit die Art deines Malens umschrieben ist – wie du vom Anfangszustand der weißen Leinwand im Prozess des Malens zum Endpunkt des fertigen Bildes kommst. Jedes Bild ist wie eine Neugeburt innerer Welten, die im vollendeten Werk einen äußeren, materialisierten Ausdruck in Form und Farbe erhalten. Kannst du mit dieser Beschreibung deines schöpferischen Wirkens im Atelier etwas anfangen?
Danke, ich fühle mich verstanden. Wenn ich ein Bild beginne, dann stehe ich vor dem Nichts. Tabula rasa – wie du sagst. Es gibt keine Pläne und keine Vorstellungen. Es gibt nur den Moment, in dem ich anfange, mit Farben und Formen als Urelemente des Bildnerischen einen inneren Vorgang auf die Leinwand zu transformieren. Das sind Ausgrabungen in Stunden der Suche nach inneren Wahrheiten. Was sich dabei für mich beim Malen ereignet, ist so etwas wie „Seelenarchäologie“, ein oft langwieriger Prozess im Bewusstsein, bei dem ich nach innen gehe und bei jedem einzelnen Bild einen anderen Weg. Irgendwann habe ich dann das Ziel gefunden und ich weiß, jetzt muss ich den Pinsel aus der Hand legen und darf keinen Strich mehr an diesem Bild machen. Das Quadrat ist eines deiner bevorzugten Bildformate. Damit negierst du schon in der Wahl deiner Projektionsfläche jede Vorgabe an Bildformen und Tendenzen, wie sie, beispielsweise im rechteckigen Format, die Sehgewohnheiten und das Gestaltungsprinzip des Goldenen Schnittes nahe legen. Das Quadrat ist für mein Malen die Urform, in der nichts vorgegeben und alles möglich ist. Wer meine Bilder anschaut, wird zunächst bemerken, dass in ihnen das 100% harmonische Quadrat durch Farbe und Form äußerlich gesehen ganz unharmonisch gefüllt ist. Wer dann jedoch tiefer sieht, wird erkennen, dass dieses äußerlich unharmonisch gefüllte Quadrat in seinem inneren Ausdruck, in seiner tieferen imaginären Schicht, die nicht mehr verbal zu beschreiben ist, eine neue Form von Harmonie gefunden hat. Darin liegt für mich auch etwas Geheimnisvolles. Was sich da im Bild ereignet hat, das ereignet sich auch in mir. Ich finde in mir eine neue Ordnung und eine geistige Dimension, die über die biografische Existenz meines Menschseins hinausgeht. Deswegen ist für mich das Malen – so merkwürdig wie das klingen mag – lebensnotwendig, wenn ich nicht in meiner inneren Entwicklung stagnieren will. In deiner biografischen Existenz gibt es ein tragisches Ereignis, das dein Werden als Maler prägend beeinflusst hat. Als Maler und Mensch, muss ich ergänzen. Du sprichst vom tödlichen Verkehrsunfall meiner 6-jährigen Tochter Jule. Dieser Verlust hat mich verändert. Unsere Tochter hat nach dem Unfall noch beinahe zwei Jahre im Koma auf der Intensivstation gelegen. Viele, viele Tage und Nächte war ich in dieser Zeit bei ihr. Keines meiner Worte konnte sie, nach unserem üblichen Verständnis, erreichen. Doch in dieser Zeit der schweren Krise habe ich eine tiefe Erfahrung machen dürfen. Das war die unbedingte Erfahrung von der Existenz der Seele, im Kontakt mit Jules Kinderseele, die trotz des körperlichen Zusammenbruchs immer da war. Ohne dieses tiefe Erlebnis würde ich heute nicht auf gleiche Weise wissen und sagen können, dass die Malerei ein mir heiliges und mich heilendes Tun ist. Diese Erfahrung des heilenden Tuns möchtest du an andere weitergeben. Denn du arbeitest ja nicht nur in der Stille des Ateliers an deinen eigenen Bildern. Du begleitest auch im therapeutischen Sinn Menschen, die oftmals in ihrer Existenz verunsichert sind und einen Ausdruck für ihr inneres Sein in eigenen Bildern suchen. Warum ist Ausdrucksmalen so wertvoll für den Prozess der inneren Heilung? In der Kunstwissenschaft gilt das Kunstwerk als Diktat der unbewussten Regungen seines Schöpfers. Ähnliches gilt für die Kunsttherapie. Malen ist ein Ereignis im Hier und Jetzt, eine besondere Seinsform in der Begegnung mit mir selbst. Nichts bringt die Menschen so in Kontakt mit vergessenen Dingen, wie das Malen. Denn in der Konfrontation mit dem Bild kann ich mich selbst nicht täuschen. So arbeite ich in der Maltherapie meine eigene Biografie auf und treffe auf meine eigene Persönlichkeitsstruktur. Die archäologische Arbeit im Bereich des Unbewussten lässt an die Methodik der Psychoanalyse und Psychotherapie denken. Es gibt einen Zusammenhang. Aber wir leben in einer Zeit, in der der Kopf überbetont ist. Die Psychotherapie arbeitet vorrangig über das Gespräch. Nun denken die Leute schon genug im Leben, oft zuviel und oft in einer Kreisbewegung wie der Hamster im Laufrad. Denn das, was der Mensch denken und sagen kann, das weiß er schon. Beim Malen ist man nicht reflektierend, sondern produzierend, fühlend und handelnd. Und so komme ich mit neuen Ressourcen in Verbindung, die ich mir anders nicht erschließen kann. Das beschreibt zunächst mehr den erkennenden Aspekt. Was ist darüber hinaus zum heilenden Aspekt der Maltherapie zu sagen. Das Selbsterkennen ist an sich schon von heilender Wirkung. Aus dieser Perspektive kann ich mein bisher verborgenes und ungelebtes Potential erschließen und finde Zugang zu bisher blockierter Lebensenergie. Denn die Einschränkungen, die wir uns auferlegen, bestehen ja hauptsächlich darin, dass wir uns selbst klein machen und abwerten. Wenn wir sehen lernen, dass wir in unserer inneren Wirklichkeit viel reicher und vielfältiger sind, als wir uns zu leben gewagt hatten, dann eröffnen sich auf heilende Weise neue Wege. Wir haben über das „Tabula rasa“ gesprochen, das unbeschriebene Blatt in unserem Leben, das immer wieder eine Aufforderung zu Wachstum und Erneuerung ist – zum Beispiel, indem wir die Verbindung unserer eigenen „Ich-Form“ mit unserer universellen „Ich-Form“ erkennen und leben lernen. Autor:Wolfgang Nützenadel (07.03.2005) |
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