Eine Krankheit erstzu behandeln,
nachdem sie ausgebrochen ist,
ist genauso dumm,
als würde man einen Brunnen graben,
wenn man schon durstig ist.
Nei Jing - Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin
Ein freies Strömen von Ch’i bedeutet seelisches, geistiges und körperliches Wohlbefinden. Ist der Energiefluß in unseren Meridianen gestört oder blockiert, zeigt sich diese Disharmonie in emotionalen Befindlichkeiten und in unserer Gesundheit, wir fühlen uns vielleicht müde, matt und kraftlos, deprimiert, unruhig, schlaflos, ängstlich, sind häufig erkältet oder sogar körperlich krank.
Shiatsu setzt genau an dieser Disharmonie an und hilft, das ins Ungleichgewicht geratene Energiesystem auszugleichen und die Einheit von Körper, Geist und Seele wieder in Balance zu bringen. Shiatsu ist somit ausgleichende Energiearbeit. Volle und leere Energiezustände, YIN und YANG werden berührt. Energiekreisläufe, die unterbrochen waren, werden verbunden.
Dies geschieht durch gezielten, mitfühlenden Druck entlang der Meridiane, die für unsere Hände an der Körperoberfläche erreichbar sind. Das Halten und Stimulieren von Akupressurpunkten an bestimmten Stellen der Meridiane unterstützen die Wirkung auf wundervolle Weise.
Mit Hara, Herz und Händen
In der Shiatsu-Praxis ist das Hara – unsere Körpermitte - das Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Hara ist jedoch weit mehr als unser physikalisches Zentrum der Schwerkraft, vielmehr ist es der Sitz unserer konstitutionellen Lebenskraft. „Im Hara“ oder „in seiner Mitte“ zu sein, bedeutet, im Einklang mit sich selbst zu sein. Ein „gutes Hara“ steht in Japan für Gesundheit und Vitalität und einen Zustand von entspannter Gelassenheit.
Der Inbegriff eines guten Shiatsu ist die „Bewegung aus dem Hara“ heraus. Von der eigenen Mitte ausgehend wird in ökonomischen, leichten, fließenden Bewegungen durch Gewichts- verlagerung Shiatsu gegeben: mit Daumen, Handballen, Ellenbogen oder Knie. Jeder Bereich des Körpers fühlt sich anders an und verrät dem aufmerksam Gebenden, mit welcher Druckstärke er berührt werden möchte. Dehnungen, Lockerungen und Rotationen fügen sich spielerisch in den Ablauf ein. Dies geschieht ganz ohne Anstrengung und bewsstes Wollen. Vielmehr stehen Intuition, mitfühlende Berührung und Achtsamkeit im Mittelpunkt einer guten Shiatsu-Session.
In dieser Atmosphäre kann sich der Shiatsu-Empfangende sicher und frei fühlen, sich leichter den Händen des Gebenden anvertrauen, loslassen und entspannen. In einem entspannten und wachen Zustand zugleich gestaltet sich eine liebevolle Kommunikation ohne Worte. Er fühlt sich mit „Hara, Herz und Händen“ in seiner wahren Natur berührt.
Natürlich haben verschiedene Arten von Körperarbeit trotz aller Verschiedenheit auch etliche Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten. In einem Punkt unterscheidet sich aber Shiatsu ganz wesentlich von allen anderen. Shiatsu findet der Tradition folgend auf einer Liegefläche auf dem Boden statt, einer Tatami Matte oder einem Futon. Gebender und Empfangender begegnen sich auf dem gleichen Niveau.
Dieser Aspekt ist bedeutsam, da er große Nähe ermöglicht. Entfaltet sich der „Zauber“ von Shiatsu, gleichen die Bewegungen der beiden Körper einem anmutigen Tanz. Durch diese Anordnung sind einige Techniken, die für Shiatsu einmalig und typisch sind, sogar erst möglich.
Die Wunderwelt der Meridiane
Mit dem Modell der fünf Wandlungsphasen und der Theorie der Fünf Elemente HOLZ – FEUER – ERDE – METALL – WASSER erschuf die chinesische Medizin ein System, das die Verbindungen zwischen Körper, Geist und Seele auf anschauliche und praktische Weise erklärt. Diese Weltanschauung lehrt auch, dass mit der Entstehung der Organe nicht nur deren Funktion, sondern auch entsprechende Gefühle und intellektuelle Fähigkeiten verknüpft sind.
Die Berührung der verschiedenen Meridiane, die mit den entsprechenden Organen verbunden sind, begünstigt daher auch ganz bestimmte Stimmungen und Gefühle. In unserem west-lichen Kultur- und Sprachkreis haben wir Redewendungen, die uns diesen Zusammenhang von Organen und Gefühlsregungen sehr leicht nachvollziehbar machen: „Mir läuft die Galle über“, „Mir ist eine Laus über die Leber gelaufen“ oder „Gift und Galle spucken“ sind Beispiele für ein Ungleichgewicht in den Meridianen Leber und Gallenblase (HOLZ), die mit der Emotion Wut in Verbindung stehen. Durch Shiatsu auf diesen Meridianen können sich lange angestaute Gefühle Bahn brechen.
So hat jedes Element und jeder Meridian die dazugehörenden Gefühle, inneren Zustände und vor allem auch Fähigkeiten, die im Gleichgewicht und Ungleichgewicht sein können.
Je tiefer der Shiatsu-Praktiker in die Welt der östlichen Heilkunst eintaucht, um so mehr kann er sich über aufmerksames und wertfreies Betrachten und Sehen, Hören und Riechen, Erfragen, Ertasten und Fühlen auf seinen Klienten einstellen, den effektivsten Ansatz für den Ausgleich der Disharmonie für sein Shiatsu finden.... und vielleicht öffnet sich eine Tür zu neuen Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten der Existenz.
Petra Rebha Kaiser ist ShenDo® Shiatsu Lehrbeauftragte und leitet die SHENDO® Institute Dresden – Meißen – Leipzig. „Shen“ bezeichnet eine dem Herzen zugeordnete Kraft der Bewusstheit, der Freude und der Begeisterung. „Do“ ist der Weg: „Shiatsu als Weg der essentiellen Berührung von Körper, Geist und Seele“.
Energie, in Japan spricht man von Ki und in China von Ch’i, ist die feinstoffliche vitale Lebenskraft, die alles Lebende nährt und jeden lebendigen Ausdruck in der menschlichen Körper–Geist–Seele-Einheit begleitet und bedingt.
Ch’i bewegt sich im Körper nach klaren Gesetzmäßigkeiten und fließt durch Energiebahnen, den sogenannten Meridianen. Sie bilden an der Oberfläche und in der Tiefe des Körpers ein weit verzweigtes und vernetztes System, in denen Ch’i zu allen Regionen und Organen strömt.






