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Naturel-Online.de, Bildschirmfoto vom Oktober 2004
Selbsterfahrung mit Avatar – Teil 2
Autor:Joe Romanski (10.11.2004)

Harry Palmer und die Frage nach dem Primären: Materie oder Bewusstsein
Anders als in der Vergangenheit treibt die Sehnsucht nach heiler Welt und das Unbehagen an der täglich erlebten die Menschen nicht mehr auf Straßen und Barrikaden, sondern lässt sie Antworten und Wege im eigenen Inneren suchen. Selbsterfahrungsseminare, Bewussteinsarbeit und Kurse für spirituelle Entwicklung boomen deshalb wie nie zuvor. Da diese Angebote der weltanschaulichen Konkurrenz, den Kirchen, ein Dorn im Auge sind, wurde und wird immer wieder versucht, sie in die Sektenecke abzudrängen und so zu diskreditieren. Eine der weltweit bekanntesten konfessionslosen und glaubensunabhängigen Methoden für spirituelle Entwicklung und Bewussteinsmanagement ist der Avatar-Kurs von Harry Palmer. Er wird von lizensierten Trainern nach einheitlichen Standards in derzeit 66 Ländern auch als „Kompaktkurs Mystik“ angeboten. Unser Autor Joe Romanski hat ihn getestet. Hier Teil 2 seines Berichtes.

Die Geschichte von Harry Palmers Avatar-System beginnt 1962 mit einem klassischen indischen Guru in einem Wohnwagen. Palmer war damals Stipendiat an einem College of Technology und fühlte sich in der Welt „wie ein intelligenter Affe auf der Kommandobrücke eines Raumschiffes“, wie er in seinem Buch „Die Kunst befreit zu leben“ schreibt – was meint, dass er zwar alle möglichen metaphorischen Schalter und Knöpfe in seinem Lebensbereich bedienen konnte, doch absolut keine Ahnung hatte, wie und warum „das Ganze“ wirklich funktioniert. Bis ein grüner Dogde Baujahr 1940 neben ihm hält und ein behandschuhte Frauenhand einen Zettel herausreicht. Aufschrift: Die letzte Weltreise des Swami Ananda! Erlebe die letzte Audienz mit Swami Ananda, bevor er sich mit der himmlischen Verzückung des Universums vereint. Nur mit Einladung, $ 5,00.
Zu seinem eigenen Erstaunen kramt der Student seine letzten fünf Dollar hervor und steigt ein. „Als meine Augen sich an das flackernde Kerzenlicht gewöhnt hatten, sah ich einen himmlischen alten Mann, der auf einem Klappstuhl saß. Seine Augen waren geschlossen und scheinbar schlief er – oder war er vielleicht tot! Ich erinnerte mich an die Schauermärchen aus meiner Schulzeit – von einer mumifizierten Leiche in einem Wandschrank im oberen Stock der Odd Fellows Halle... Oh Gott, dachte ich, ein toter heiliger Mann, der in einem Wohnwagen herumgefahren wird, und ich habe dafür bezahlt ihn zu sehen.“
Wie die mit einer gehörigen Portion Selbstironie erzählte Geschichte weiter geht, kann im Buch nachgelesen werden.
Hier sei nur soviel verraten, dass der die „großen Antworten“ suchende Student für seine fünf Dollar vom Swami nur einen Zettel mit einer Zeichnung erhielt, die zu deuten er zumindest damals nicht in der Lage war.
Es folgten Jahre der spirituellen Suche, in verschiedenen Jobs, mit allerlei Drogen und diversen Psycho-Experimenten, die zu mehr oder weniger tiefen Erkenntnissen führen. Eine, die man auch als Quintessenz von Avatar ansehen kann, lautet: Die Vergangenheit beeinflusst einen nur so lange, wie man es zulässt. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht, solange ich nicht freiwillig (oder durch verborgene Muster beeinflusst) entscheide, eine Erinnerung oder ein Bild davon im gegenwärtigen Moment zu erschaffen. Die Vergangenheit ist nicht Ursprung der Gegenwart; die Gegenwart jedoch ist der Ursprung der Vergangenheit und der Zukunft!
Den damit verbundenen Effekt im alltäglichen Leben beschreibt Palmer so: „Die Indoktrinationen, wie man sich zu fühlen und wie man zu funktionieren hat, bröckelten allmählich ab. Ein wahres Gefühl persönlicher Verantwortung erwachte. Nach zehn Jahren spiritueller Suche wurde mir klar, dass alles, was ich gelernt hatte, die Überzeugungen anderer waren... gedankliche Drachen, die mich von meinem eigenen, göttlichen Zentrum fernhielten.“
Die Aussage zeigt gleichzeitig ein Problem auf, das viele Suchende zunächst haben: Sie erwarten Vorgaben und Erklärungen, wie die Welt wirklich ist, Enthüllungen von Geheimnissen, die Offenbarung verborgener esoterischer Wahrheiten, möglicherweise Beschwörungsformeln und magische Rituale .
Harry Palmers Avatarkurs liefert all dieses nicht. Wenn es eine Zauberformel gibt, dann lautet die: Ich erschaffe meine Erfahrungen entsprechend dem, was ich glaube. Überzeugungen formen Realitäten, nicht umgekehrt.
Erkenntnistheoretisch und philosophisch ist das die Position des sogenannten Konstruktivismus, der sich wesentlich auf die Grundposition der Transzendentalphilosophie seit Platon bezieht. Dessen prominenteste Gegner waren wohl Marx, Engels und Lenin. Sie erhoben die Frage, was das Primäre sei, Materie oder Bewusstein, gar zur „Grundfrage der Philosophie“. Befasst man sich eingehender mit den Konsequenzen, liegen sie damit gar nicht so falsch. Denn letztendlich folgt aus dem Palmer`schen Postulat, dass man nur seine Überzeugungen verändern muss, um die Welt zu verändern. Joseph Murphy und Bärbel Mohr lassen grüßen.

Geld und Erleuchtung

Und um das zu erlernen, soll man 2.300 Euro hinblättern?
Mitnichten, denn ganz so einfach ist die Sache in der Tat nicht. Weshalb die Positiv-Denken- und Wunschzettel-Systeme auch nur so selten funktionieren, wie ein einfacher Versuch zeigt: Täglich tausendmal zu wiederholen: „Ich bin Millionär“ bringt nur etwas, wenn das rund eine Million Lottospieler tun – von denen einer dann gewinnt.
Die Philosophie von Avatar sagt deshalb, dass auch die Überzeugungen gehandhabt werden müssen, die diesen (primären) Wünschen entgegen stehen. Diese Überzeugungen und Glaubensätze können offensichtlich und bekannt sein („Ich bin nun mal ein Pechvogel“) oder aber unsichtbar in den Abgründen des Selbst lagern. Dass die eine wesentliche Rolle für die persönliche Entwicklung spielen, hat auch die Schulpsychologie früh erkannt. Im Wesentlichen leistet die Psychoanalyse nichts anders, als im Gespräch auf der Couch nach solchen Überzeugungen zu graben. Wie schon im alten Griechenland lautet die Erfolgsformel auch hier „Gnothi Sauton“ – Erkenne dich selbst. Doch wenn er auch ähnliches bietet, ist der Avatar-Kurs keine Psychotherapie. Auch deshalb nicht, weil er mehr leistet bzw. mehr leisten kann. Der Hauptunterschied zu den meisten Weiterentwicklungssystemen (inklusive klassische Psychotherapie) besteht wahrscheinlich darin, dass das „Werkzeugsortiment“ variabler ist. Gefordert sind Gefühl (mehr) und Verstand (weniger), gearbeitet wird in prä- und in transrationalen Gefilden, kognitive Prozesse werden ergänzt durch energetische. Das Resultat ist natürlich immer individuell verschieden, beginnend bei tiefen Einsichten ins Ich bis zu ekstatischen Zuständen, die jedoch innerhalb der Kurse eher selten sind. Eigentliches Endziel sind aber weder besondere Bewussteinszustände noch Millionen auf dem Konto, sondern schlicht und einfach... Erleuchtung. Womit nicht zwingend die ewige Glückseligkeit im kosmischen Allbewusstsein gemeint ist, wie die Berliner Avatar-Trainerin Regina Hockwin-Thalmann betont. „Erleuchtung (engl. Enlightment) bedeutet auch Erleichterung oder im weitesten Sinne Transparenz, die uns für uns selbst erkennbar macht und so die Auflösung alter Muster und Begrenzungen ermöglicht. Der Grundkurs ist auf diesem Weg nur ein erster, doch wesentlicher Schritt.“
Damit der Weg später erfolgreich allein weitergegangen werden kann, braucht man zumindest auf den ersten Metern zwingend Anleitung. Ohne Trainer, so die Erfahrung des Autors, kann man schnell vom Weg abkommen, verliert sich in intellektuellen Betrachtungen und falschen Erwartungen und gibt dann womöglich enttäuscht auf.
Ein Coach ist auch deshalb erforderlich, weil das Avatar-Konzept an die Tradition der alten Mysterienschulen anknüpft.
Das bedeutet, viele Übungen und Informationen werden nicht publiziert, sondern sind vertraulich. Weniger, weil es sich um originäre neuge- oder erfundene Übungen handelt, sondern eher um auf diese Weise einen gewisses Qualitätslevel der Schulung zu gewährleisten – so ist zumindest auf der offiziellen Avatar-Web-Seite www.avatarpec.de zu lesen. Doch natürlich hat diese publizistische Zurückhaltung auch ökonomische Gründe. Avatar-Trainer verfügen damit über eine Art Exklusivwissen, und das ist nun mal nicht billig. Schließlich sollen die Trainer von ihrer Tätigkeit auch (gut) leben können, meint Palmer. Die Strategie „Erleuchtung mit Geld-zurück-Garantie“ kommt für den Düsseldorfer Avatar-Trainer Michael Mönks deshalb einem Paradigmenwechsel gleich. Tatsächlich ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Wissen über spirituelle Entwicklung nur gegen Spenden, nicht jedoch gegen Bezahlung weitgegeben werden sollte.
Die Basisüberzeugung dahinter betrachtet Geld als im Grunde etwas negatives. Geht man von der Utopie einer wirklich freien, auf Liebe, Vertrauen und gegenseitigem Verständnis beruhenden Gesellschaft aus, ist Geld in der Tat überflüssig. Zudem ist unser Geldsystem mit dem Zinsprinzip so konstruiert, dass es eher die Schattenseiten der menschlichen Psyche fördert. Dass sich ein Lehrsystem für spirituelle Entwicklung teilweise der Mechanismen und Mittel bedient, die es eigentlich überwinden will, ist durchaus ein Paradox. Anderseits, so argumentiert Palmer, gehe es darum im Interesse der Menschheit so schnell wie möglich handfeste Ergebnisse zu erzielen. Einen „Beitrag leisten zur Erschaffung einer planetarischen erleuchteten Zivilisation“, wie es in den Texten heißt. Und ein System, das die Lehrer anständig entlohnt, habe sich in der Vergangenheit immer als effizienter herausgestellt als spendenbasierte Systeme. Zumindest in dieser Hinsicht kann man dem „Avatar-Vater“ wohl nicht widersprechen.
Zudem hat die Strategie den positiven Effekt, sowohl Geld als auch psychisch-spirituelle Entwicklung zu entmystifizieren. Lernen, wie man tiefer an oder in seinen Ursprung und somit näher zu dem kommt, was man umgangsprachlich als Gott bezeichnet, ist letztendlich ein ganz normaler Akt persönlichen Wachstums – dafür sind wir schließlich auf der Welt.
Wie beim Fremdsprachen- oder Töpferkursen, so die Implikation, kann man sich dabei für verschiedenen Strategien entscheiden: Allein zu Hause, in der Volkshochschule oder gelegentlich bei einem „Bekannten“ gegen eine Spende in Form eines Abendessens. Oder man beauftragt eben gegen gutes Geld einen Spezialisten.

Das Avatar-Geheimnis

Wie ein Blick z.B. in das frei zugängliche Resurfacing-Übungsbuch (Resurfacing: Wiederauftauchen) zeigt, sind zumindest die dort enthaltenen Übungen recht simpel. Keine Verrenkungen, keine komplizierten Rituale. Andere, nichtveröffentlichte wurden aus anderen Systemen adaptiert. Palmer bediente sich dabei sowohl im Westen (z.B. bei Roberto Assagioli) als auch im Osten (z.B. bei Tarthang Tulku). Dass man innerhalb nur weniger Tage sehr tiefgreifende Erfahrungen machen kann, ist deshalb weniger einer Sache der einzelner Übungen. Das „Geheimnis“ besteht vielmehr in der Synergie aus ausgefeilter und kluger Didaktik, die berücksichtigt, dass Menschen schrittweise lernen
qualifizierter Anleitung, die den Studenten dort abholt, wo er individuell in seiner Entwicklung steht; und kompakter Anwendung
80 bis 90 Stunden in 9 bis 10 Tagen.

Je nach dem wo man vorher stand, kann man deshalb als Avatar-Student oft schon während des Kurses einige interessante Erlebnisse machen, die über die alltäglichen hinausgehen. Das kann das vermehrte Auftreten sogenannter Synchronizitäten sein (Der Psychologe C. G. Jung bezeichnete damit das Zusammenfallen scheinbar nichtzusammenhängender Ereignisse
etwa man liest ein Buch zu einem bestimmten Thema und trifft dann „zufällig“ jemanden, der sich genau mit diesen Thema beschäftigt), das können aber auch paranormale Effekte, wie Out-of-Body-Erlebnisse oder veränderte Wahrnehmungen der Realität (selbst erlebt und eigentlich nicht beschreibbar
eine viertelstündige deutliche Vertiefung des 3D-Sehens; vergleichbar mit dem Umschalten eines Kinofilms von der zweidimensionalen Leinwand in den dreidimensionalen Raum.)

Doch wie schon oben gesagt sind das nur Nebeneffekte, die außerdem individuell ganz verschieden sein werden. Wie bei allen spirituellen Techniken und Übungen sind solche Effekte weder ein Muss noch das Ziel. Der Weg ist das Ziel.

Joe Romanski




Autor:Joe Romanski (10.11.2004)

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