Bis in das 19. Jahrhundert hinein war das Leben der Menschen noch stark vom Rhythmus der Natur und des Kosmos geprägt. Obwohl viele Dinge beschwerlicher waren als heute, stellte der ausgeglichene Wechsel von Arbeit und Ruhe eine Kraftquelle dar.
Wir Menschen haben es geschafft, uns über viele Rhythmen der Natur hinwegzusetzen: Im Winter machen wir alle die Nacht zum Tag, indem wir das Licht anschalten. Durch die Medizin werden die Rhythmen von Altern und Krankheit beeinflusst. Die künstliche Begradigung der Flüsse zwingt diese dazu, bei großen Wassermengen aus ihrem gemauerten Bett zu fließen. Als Menschen haben wir durch die Emanzipation von natürlichen Rhythmen und Umwelteinflüssen viel Freiheit gewonnen. Wir haben aber auch den Bezug zu vielen natürlichen Vorgängen verloren und dadurch Schaden angerichtet. Ich betrachte es als wesentliche Aufgabe der Gegenwart, dass wir wieder Anschluss an die Natur bekommen und Bedingungen schaffen, um Rhythmen neu zu ermöglichen.
Was charakterisiert rhythmische Vorgänge?
Es werden fortlaufend Gegensätze in ein Verhältnis zueinander gebracht. Sie wirken dann in gesunder Weise, wenn sie sich gegenseitig immer wieder ausgleichen. Ich möchte das am Beispiel der Atmung erläutern: Ein- und Ausatmung verhalten sich in ihrer Bewegung und Funktion völlig polar zueinander. Nach jeder Einatmung findet nun ein kurzer Moment des Innehaltens statt, damit sich die Bewegung umkehren kann. Deutlicher wird das nach der Ausatmung, wo diese Umkehr auch häufig als Pause beschrieben wird. In diesen Umkehrmomenten werden die Polaritäten von Ein- und Ausatmung ausgeglichen. Es ergibt sich daher ein erstes Merkmal von Rhythmus: Polarität und Ausgleich.
Mit jedem Atemzug holen wir neue Luft ein und geben immer neu verbrauchte Luft nach außen ab. Sind sie auch immer ähnlich, so ist doch kein Atemzug gleich dam vorherigen.
Diese stetige Erneuerung sorgt dafür, dass die Atmung kräftigend und belebend wirkt. Wir haben hier ein weiteres Merkmal von Rhythmus: Die stetige Erneuerung des Ähnlichen.
Das dritte Merkmal ist die elastische Anpassung: Wenn Sie mit Einkaufstaschen bepackt die Treppen hochsteigen oder vor einer Prüfung aufgeregt sind, atmen Sie schneller, als wenn Sie z. B. diese Zeitschrift lesend ruhig auf einem Stuhl sitzen. Ihre Atmung passt sich an die Erfordernisse elastisch an. So tun das auch Ebbe und Flut oder die zur Zeit immer länger werdenden Tage.
Rhythmus ist eine ordnende Kraft, die aber im Unterschied zum Takt nicht immer eintönig dasselbe wiederholt. Diese Kraft lebt weisheitsvoll in allen natürlichen Vorgängen. Wird das labile Gleichgewicht gestört, so entsteht Krankheit.
Um wieder einen Bezug zu den Kräften des Rhythmus zu finden, muss mit der Suche nach Umkehrmomenten, d. h. nach Zwischenräumen und Stille begonnen werden. Sie sind Voraussetzung für die erneuernde, belebende Wirkung eines rhythmischen Vorgangs.
Was kann das für die eigene Lebensweise bedeuten?
Bringen Sie Rhythmus in die Tagesgestaltung, wo es möglich ist.
Die Mahlzeiten sind bekömmlicher, wenn sie regelmäßig, d. h. täglich immer um etwa die gleiche Zeit, eingenommen werden.
Der Tag kann dauerhaft kraftvoller ergriffen werden, wenn er immer zur selben Zeit beginnt. Um morgens frisch aufzuwachen, ist es auch erforderlich, zu einer regelmäßigen Zeit abends zu Bett zu gehen. Dadurch wird wiederum der Schlaf-Wach-Rhythmus gestärkt.
Geistige und körperliche Aktivität sollten sich abwechseln. Scheint dies durch einseitige berufliche Beschäftigung zunächst nicht möglich, so können doch kleine Pausen eingelegt werden. Sonst kann es Ihnen wie dem erschöpften Holzfäller ergehen, „der Zeit und Kraft verschwendete, weil er mit einer stumpfen Axt einschlug. Denn wie er sagte, habe er keine Zeit, die Schneide zu schärfen.“ (Anthony de Mello) Ein kurzes Sammeln der Kräfte, ein Innehalten gibt Ihnen die Zügel wieder in die Hand und läßt Sie zum Gestalter Ihres Tuns werden.
Ruhepausen, wie zum Beispiel eine Mittagsruhe, gelten als Schwäche oder Luxus. Dabei sind es gerade diese Pausen, in denen Sie die Kräfte und Ideen für eine fruchtbare Arbeit sammeln können. Besonders eindrucksvoll ist die Wirkung, die eine geschlafene Nacht auf die Lebenskräfte oder auch auf die Bearbeitung einer Frage haben kann.
Ein guter Rhythmus lebt von seiner Beständigkeit und kann von Zeit zu Zeit durchbrochen werden.
Räumen Sie sich Zeit ein, um Erlebnisse zu verarbeiten.
Im 20. Jahrhundert ist das Übertönen der Stille mehr und mehr zur Mode und zum Bedürfnis geworden. Radio oder Fernseher dudeln im Hintergrund.
Die Fortbewegungsmittel werden schneller und schneller, die Zerstreuungsangebote raffinierter und vielfältiger. Es ist eine Flucht vor der Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der Zukunft und letztlich mit dem Tod.
Eine Folge dieser Entwicklung sind verschiedene Krankheiten. Die Herz-Kreislauf- Erkrankungen stehen dabei an oberster Stelle. Das ist verständlich, wenn man Blut und Herz als Urbilder rhythmischer Vorgänge im menschlichen Organismus betrachtet.
Suchen Sie sich Momente zum Innehalten, zum Reflektieren und Verarbeiten. Das kann auch im Fahrstuhl oder beim Warten an der roten Ampel sein. Oder lassen Sie abends vor dem Einschlafen den Tag noch einmal an sich vorüberziehen. Immer mehr Menschen machen sich auch in Meditation und Religion auf den Weg zu sich selbst und damit in die Welt. Das Wissen um bestimmte Rhythmen kann alle Bereiche des Lebens beeinflussen, z.B.: Landwirtschaft, Medizin und Erziehung. So ist auch die allgemeine Schul-pflichtigkeit nicht willkürlich auf das Alter von 6-7 Jahren festgelegt. In dieser Zeit werden Kräfte des Kindes frei, die bisher auf Entwicklung und Wachstum der körperlichen Organe gerichtet waren und nun immer mehr für intellektuelle Tätigkeit zur Verfügung stehen.
Einen Rhythmus in seiner Tagesordnung einzuhalten, ist für viele Menschen heute nicht leicht. Auch das Innehalten kommt häufig zu kurz und trotz guten Vorsatzes fallen die Augen meistens schon vor dem abendlichen Rückblick zu. Lassen Sie sich nicht entmutigen! Es kommt darauf an, es immer wieder zu versuchen. Nehmen sie sich kleine „Rhythmusprojekte“ vor. Sie werden sich positiv auf alle andern Tätigkeiten auswirken.
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