Begriffliche Klarheit
Ein erster Schritt für eine wissenschaftliche Untersuchung muss zunächst sein, den umfangreichen Begriffskatalog von nicht schulmedizinischen Heilmethoden zu strukturieren. Teilweise erhebliche Differenzen bei Befragungen in Deutschland machen deutlich, dass es unter den Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen gibt, was unter dem Begriff „alternative Medizin“ zu verstehen ist. Mediziner sind dabei mit eingeschlossen. Die WHO machte jetzt einen ersten strukturierenden Vorstoß und unterscheidet zwischen traditioneller Medizin, Komplementär- bzw. Alternativmedizin und Pflanzen- sowie Kräutermedizin.
Traditionelle Medizin: Summe von Wissen, Fähigkeiten und Praktiken, die auf Theorien, Glaubensgrundsätzen und Erfahrungen von einheimischen und anderen Kulturen basiert und in der Gesundheitsversorgung, Prävention, Diagnose und Behandlung von physischen und psychischen Erkrankungen genutzt wird.
Komplementär- bzw. Alternativmedizin: breites Spektrum derjenigen Gesundheitspraktiken, die nicht Bestandteil der eigenen Tradition und somit nicht in das herrschende Gesundheitssystem integriert sind.
Pflanzen- bzw. Kräutermedizin: Heilverfahren, die auf der Nutzung von groben Pflanzenmaterial, wie Blätter, Blüten, Früchte, Samen, Stängel, Gehölz, Rinde, Wurzeln, basieren, als Ganzes, zerteilt oder als Pulver verwendet, Herstellung von Kräutermaterialien, Säfte, Öle, Harze und Puder mit Hilfe unterschiedlicher Verfahren, wie Dämpfen, Rösten, Einkochen.
Kontroversen im deutschen Gesundheitssystem
Trotz steigender Nachfrage unter deutschen Patienten stehen viele Ärzte und ihre Verbände sowie Krankenkassen immer noch ablehnend selbst den alternativen Heilverfahren gegenüber, deren Wirksamkeit bereits vielfach nachgewiesen wurde. So formulierte noch 1997 der Deutsche Ärztetag: „Diese Verfahren halten einer Prüfung auf Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit nicht stand und sprengen somit die Grenzen des ohnehin bis an den Rand der Leistungsfähigkeit strapazierten Sozialversicherungssystems.“ Dass sich dabei die Katze in den Schwanz beißt, dürfte jedoch selbst nicht medizinisch gebildeten Außenstehenden auffallen. Denn Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit, ja vielleicht sogar Kostensenkung sind nur dann nachweisbar, wenn man den Patienten die zu untersuchenden Heilverfahren auch ermöglicht. Unser Nachbarland, die Schweiz, ist da schon einen Schritt weiter und bietet seinen Bürgern bereits seit dem 1. Juli 1999 zeitlich befristet bis zum 30. Juni 2005 zahlreiche alternative Heilverfahren als ärztliche Pflichtleistungen an. Dieses langfristige Forschungsprojekt wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet.
Glücklicherweise wuchs in den letzten 10 Jahren auch in Deutschland die Zahl derjenigen Ärzte, die alternative Untersuchungs- und Heilmethoden in ihrer Praxis einsetzen. Etwa 10 Prozent der im Jahr 2000 in Deutschland praktizierenden Ärzte führen eine Zusatzbezeichnung im Umfeld alternativer Heilmethoden, wie beispielsweise „Naturheilverfahren“, „Homöopathie“ oder „anthroposophische Medizin“. So stieg die Anzahl der Ärzte mit der Zusatzbezeichnung „Naturheilverfahren“ von 5.680 im Jahr 1995 auf 10.746 im Jahr 2000. Ähnliche Relationen sind bei der Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ zu verzeichnen, die Zahl der Ärzte stieg auf diesem Gebiet von etwa 2.400 im Jahre 1994 auf 4.490 im Jahr 2000. Die Einzelmethoden mit der größten Nachfrage unter deutschen Patienten ist die Akupunktur. Dementsprechend wenden nach Schätzungen der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur rund 20.000 bis 30.000 Ärzte in Deutschland zumindest gelegentlich Akupunktur an.
Einige gesetzliche Krankenkassen erkannten die steigenden Bedürfnisse ihrer Mitglieder nach solchen Verfahren, die nicht im Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) aufgeführt sind und suchten nach Wegen, auch solche Verfahren erstatten zu können. Neben einer besonderen Ausprägung eines naturheil-kundlichen Profils, wie es beispielsweise die Securvita BKK anstrebt, nutzen zahlreiche andere Krankenkassen seit Mitte der 90iger Jahre das gesundheitspolitische Instrument der Modellvorhaben. Besonders Betriebs- und Innungskrankenkassen haben auf diese Weise in den letzten Jahren einige Naturheilverfahren angeboten. Problematisch für eine objektive Auswertung der Projektergebnisse ist allerdings die Tatsache, dass für die meisten Modellprojekte bestimmte Zugangsvoraussetzungen nötig waren, um daran teilnehmen zu dürfen. Über die nötigen „Voraussetzungen“ verfügten demnach beispielsweise nur chronisch erkrankte Patienten oder gar „schulmedizinisch austherapierte chronische Erkrankte“. Dass diese Patienten einen erhöhten Bedarf an ärztlicher Versorgung und damit auch einen höheren Kostenbedarf haben, ist nur allzu verständlich. Nur die wenigsten Modellvorhaben standen allen Versicherten offen, so dass ein realistisches Bild von Ergebnissen, Zufriedenheitsgrad und Kosten entstehen konnte. Dennoch konnte bei der Auswertung der Modellvorhaben der Betriebs- und Innungskrankenkassen festgestellt werden, dass die Zahl der Tage, an denen die beobachtete Patientengruppe arbeitsunfähig war, im ausgewerteten Modellzeitraum deutlich und nachhaltig abnahm. Auch unter den Langzeitarbeitsunfähigen sank die Quote kontinuierlich, von anfangs 19 Prozent aller Patienten auf 12 Prozent bis 13 Prozent drei bis vier Jahre nach Behandlungsbeginn. Komplett frei von arbeitsunfähigen Tagen blieben 47 Prozent der beobachteten Arbeitnehmer im Gegensatz zu 36 Prozent zu Beginn des Modellvorhabens. Besonders deutlich verbesserte sich der Gesundheitszustand bei Patienten mit Kopfschmerzen und Migräne, Rückenleiden, Magen-Darm-Beschwerden, chronischer Nasennebenhöhlenentzündung und Neurodermitis.Zweifellos bilden diese Modellprojekte einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Für eine tiefgreifende Analyse und Bewertung der einzelnen Heilverfahren, wie es auch die Weltgesundheitsorganisation fordert, sind diese in vielfacher Hinsicht begrenzten Modelle unzureichend. Defizite in der wissenschaftlichen Aufbereitung sind auch den Patienten bewusst: 61 Prozent der Bevölkerung finden unkonventionelle Heilverfahren oft besser als Schulmedizin, gleichzeitig denken 71 Prozent, dass diese Verfahren im Vergleich zu schulmedizinischen wissenschaftlich weniger abgesichert sind. Hier ersetzt derzeit noch das Erfahrungswissen von Ärzten und Patienten die fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Skeptiker unter der schulmedizinischen Ärzteschaft müssen auch zukünftig keine Angst um ihren Berufsstand haben. Die gängigen schulmedizinischen Praktiken werden, auch wenn der Ruf nach alternativen Heilverfahren immer lauter wird, weiterhin ihre volle Berechtigung haben. 72 Prozent der Deutschen wünschen sich alternative Heilverfahren nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Schulmedizin. In diesem Sinne fordern Gesundheitswissenschaftler auch in Deutschland, die ebenso populären wie auch strittigen Diagnose- und Therapieansätze in größerem Umfang als bisher wissenschaftlich zu erforschen. „Ziel sollte es sein“, so der Gesundheitsbericht des Bundes, „Transparenz zu schaffen im Hinblick darauf, welche Patientengruppen unter welchen Voraussetzungen von welchen Verfahren profitieren bzw. nicht profitieren.“ Ganz davon abgesehen, dass der mündige Patient auch selbstbestimmt über ihm helfende Therapien entscheiden möchte, praktische Schritte in Richtung dieser Zielsetzung sind derzeit leider kaum zu beobachten. Das laufende Regierungsprogramm „Gesundheitsforschung 2000“ hat eine eigenständige Erforschung von alternativen Heilmethoden nicht zum Inhalt. Worauf, so fragt man sich, warten wir noch? Die Nachfrage ist da, die Einsicht unter Medizinern und Krankenversicherern scheint zu wachsen, die globale Forderung besteht. Wem das Warten auf politische Reaktionen zu lang und für seine Gesundheit möglicherweise schädlich wird, dem kann man nur raten, die Ärzte und Kassen zu unterstützen, die sich bereits jetzt für Alternativen in der Medizin stark machen. Scheuen Sie sich nicht, auf Kongressen oder öffentlichen Diskussionen und Foren zu diesem Thema ihre Meinung zu äußern. Naturel wird die Entwicklung in der Gesundheitspolitik weiter für Sie unter die Lupe nehmen.
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