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Mythos Krebsvorsorge
Autor:Markus Muehler (18.05.2005)

Dekolleté sonnenbadend
Dekolleté sonnenbadend
„Besser Vorsorge als Nachsorge“ heißt es. Und: „Man kann gar nicht früh genug an später denken!“ Oder: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!“ Diese Volksweisheiten können gewiss so manchem von uns helfen, mit den Schwierigkeiten des Lebens besser zurechtzukommen. Gelten sie aber auch uneingeschränkt für unser Verhältnis zur Krebskrankheit? Die Befürworter der verschiedensten Früherkennungsprogramme argumentieren jedenfalls so und meinen in diesem Sinne sogar: „Früh erkannt – geheilt!“ Stimmt das? Ist ein frühes Wissen darum, an Krebs erkrankt zu sein, immer von Vorteil? Oder kann es uns auch zum Nachteil gereichen? „Mythos Krebsvorsorge. Schaden und Nutzen der Früherkennung“ betiteln Klaus Koch und Christian Weymayr ein Buch, in dem sie sehr sorgsam und verantwortungsvoll diesen Fragen nachgehen. Unser Autor Markus Muehler sprach darüber in Tübingen mit einem der beiden Verfasser.

naturel: Herr Dr. Weymayr, Sie setzen sich in Ihrem Buch sehr eingehend mit vielen Für und Wider zu Maßnahmen der Krebsfrüherkennung auseinander. Kann man wenigstens das Haupt-argument der Befürworter gelten lassen, wonach bei früh erkanntem Krebs die Heilungschancen größer sind?

Dr. Weymayr: Nicht unbedingt, denn eine frühe Diagnose von Tumoren bringt den Betroffenen nicht automatisch einen Vorteil. Das Problem ist: Auch frühe, kleine Tumore können bereits metastasiert, also unheilbar sein, und umgekehrt können spät erkannte, große Tumore sehr wohl noch geheilt werden. Der Hodenkrebs beispielweise gilt mittlerweile als Modell für einen heilbaren Krebs, selbst wenn er spät erkannt wird. Deshalb wird das Abtasten der Hoden von internationalen Experten nicht mehr empfohlen. Eine wirkungsvolle Früherkennung muss einen Krebs also in einem mehr oder weniger engen Zeitfenster aufspüren. Setzt sie zu früh oder zu spät an, schadet sie.

naturel: Lässt sich überhaupt zum frühen oder aber späten Zeitpunkt einer Diagnose sagen, wie lange der Patient schon mit seinem Krebs gelebt hat, ohne es zu wissen oder zu vermuten?

Krebsvorsorge mit Mammographie
Krebsvorsorge mit Mammographie
Dr. Weymayr: Nein, darüber kann man auch heute noch keine zuverlässigen Aussagen machen. Die Größe des diagnostizierten Tumors lässt nur recht vage Rückschlüsse zu. Wenn so mancher, der wegen unterlassenem Screening angeblich nun zu spät gekommen ist, dem Krebs möglicherweise schon nach nur drei oder sechs Monaten erliegt, hingegen bei Frühdiagnostizierten es die Therapie oft schafft, zwei, drei, vier oder gar mehr Jahre „herauszuschinden“, so kann das im Hinblick darauf, wieviel Lebenszeit wirklich gewonnen wurde, eine Milchmädchenrechnung sein. Denn die scheinbar gerettete, oft mit aggressiver Behandlung und Angst ausgefüllte Überlebenszeit der Frühdiagnostizierten hat bei den „Zu-spät-Gekommenen“ unter Umständen in jenem Abschnitt gelegen, welcher der Diagnose vorausging. Und da haben sich die Betreffenden meist gesund und sehr wohl gefühlt. Zugespitzt gesagt: Die Vorverlegung der Diagnose durch Früherkennungsmaßnahmen kann auch nicht mehr Lebens-, sondern nur mehr Krankheitszeit bringen.

naturel: Wenn das Screening, wie zum Glück noch immer in den meisten Fällen, Entwarnung gibt, dann lässt sich gewiss unbeschwerter leben. Sind die heutigen Früherkennungsverfahren hinreichend treffsicher?

Dr. Weymayr: Leider nicht. Teils übersehen sie bösartige Gewebsveränderungen, teils weisen sie gutartige Veränderungen als bösartig aus. Anders gesagt: Wenn Teilnehmern an der Krebs-Früherkennung ein beruhigender Befund mitgeteilt wird, dann ist der manchmal falsch und die Betreffenden wiegen sich zu Unrecht in Sicherheit. Ergibt sich aber ein Verdacht, so ist der sogar meistens falsch. Früherkennung löst eben wesentlich häufiger Fehlalarm bei Gesunden aus, als sie tatsächlich an Krebs Erkrankte frühzeitig warnt. Man sollte zwar jede Tumorart und jede Diagnosemethode separat betrachten, aber im Durchschnitt stellt sich heraus, dass von 10 Verdachtsfällen nur ein bis zwei wirklich begründet sind.

naturel: Die anderen 80 bis 90 Prozent werden demnach ohne Not in schlimme Ängste gestürzt?

Dr. Weymayr: Ja. Die Leute werden oft monatelang verunsichert. Hinzu kommen die Belastungen und nicht selten auch Schäden der nachfolgenden nunmehr meist unumgänglichen Abklärungen. Die Folgeuntersuchungen sind zeitaufwendig, zudem teuer und mit handfesten gesundheitlichen Risiken verbunden. Vor allem dann, wenn chirurgische Eingriffe zur Entnahme von Gewebeproben vorgenommen werden. Geradezu ein Schulbeispiel ist die Kette an Risiken und Leid, die die Bestimmung eines erhöhten PSA-Wertes zur Prostatakrebs-Früherkennung nach sich ziehen kann. Der erhöhte PSA-Wert gilt auf jeden Fall als Alarmzeichen, und weil es sich aber in vielen Fällen um einen Fehlalarm handelt, hinterfragt man die Sache. Womit? – Mit einer oder sogar mehreren Gewebeentnahmen! Mitunter führen diese zu Infektionen oder gar zu Blutvergiftungen oder schweren Blutungen. Solche Risiken werden aber meist verharmlost.

naturel: Ist das verständlich, wenn es darum geht, das Risiko zu verringern, an Krebs früher zu sterben?

Krebsvorsorge mit Computertomographie
Krebsvorsorge mit Computertomographie
Dr. Weymayr: Hier geht es im Grunde um einen Tauschhandel. Man tauscht ein Risiko gegen ein Bündel anderer ein. Ob man sich darauf einlassen sollte, kann nur jeder für sich entscheiden. Nur der Einzelne sollte bestimmen, was für ihn persönlich im Leben zählt. Die Gesellschaft jedoch ist meiner Ansicht nach nicht berechtigt, die Möglichkeit, einige wenige Leben zu retten, als hinreichende Begründung dafür zu nehmen, bei einer viel größeren Anzahl Menschen Schäden in Kauf zu nehmen.

naturel: Risiken und Nebenwirkungen – haben die meisten von uns diese Redensart auf dem Gebiet der medizinischen Aktivitäten nicht schon verinnerlicht?

Dr. Weymayr: Vielleicht. Bei kranken Menschen wäre ich allenfalls noch bereit, den Risikotausch und die „Nebenwirkungen“ in bestimmten Fällen zu akzeptieren. Bei der Krebsfrüherkennung handelt es sich aber in der übergroßen Mehrheit um völlig gesunde Menschen. Man setzt Gesunde erheblichen Risiken aus und fügt ihnen gar nicht so selten auch Schaden zu. Körperlich, vor allem aber auch psychisch. Für eine vermeintliche Sicherheit zahlen nicht wenige einen hohen Preis. Sie werden in Lebenskrisen gestürzt, die es für sie ohne Früherkennung nicht gegeben hätte. Oft ist dann das unbeschwerte Lebensgefühl, gesund zu sein, dahin.

naturel: Vielleicht nehmen auch viele Gesunde vor allem deshalb Nachteile oder sogar Schäden in Kauf, weil Krebs allgemein als tödliche Krankheit gilt und man meint, es müsse immer sofort und möglichst radikal etwas dagegen unternommen werden.

Dr. Weymayr: Ja, wenn man schon etwas gefunden hat, will man es auch loswerden, das ist eine verständliche Reaktion. Ich nehme nochmals das Beispiel Früherkennung von Prostatatumoren. Pathologen haben schon lange erkannt, dass von den über 50jährigen Männern fast jeder dritte ein Prostatakarzinom hat. Von den über 80jährigen ist das sogar etwa jeder zweite.

Doch nur ein sehr kleiner Teil der Betroffenen stirbt an diesem Krebs. Viele erfahren zeit ihres Lebens nie, dass sie einen solchen in sich tragen und leben gut mit ihm. Warum also, das frage ich Sie, soll ich mich zum Beispiel bei dieser Krebsart durch Früherkennung dem Risiko belastender oder auch gefährlicher Diagnosen aussetzen und mich dann auf Anraten der Mediziner operieren lassen? Wenn ich aber nun wirklich einen ganz aggressiven Prostatakrebs hätte, erwiese sich die Medizin sowieso noch immer als machtlos.

naturel: Die Situation wäre wohl anders, wenn man bereits bei frühen Diagnosen bestimmen könnte, ob ein Krebs aggressiv ist oder nicht. Wie weit gibt es bereits Untersuchungen, aufgrund derer sich solche Aussagen treffen ließen?

Dr. Weymayr: Meines Wissens gibt es die bis jetzt leider nicht. Das führt dazu, dass die Ärzte oft radikaler behandeln, als es notwendig wäre, nach dem Motto: Sicher ist sicher! Man forscht aber an diesem Problem. Aus Rotterdam z. B. wird von Wissenschaftlern vermeldet, dass man aus unterschiedlichen Genprofilen von Tumorzellen jetzt ableiten konnte, ob der Tumor später Fernmetastasen haben wird oder nicht. Gesichert scheint das aber noch nicht zu sein. Was bis heute praktikabel bleibt, ist die althergebrachte Verlaufskontrolle. Jedoch möchten sich viele, Therapeuten wie Patienten, eben darauf nicht einlassen. Keiner weiß, ob und wann ein Tumor metastasieren wird. Das ist auch im Hinblick auf die Potenzen von Screenings bedauerlich. Genau bei jenen Tumoren nämlich, die kurz vor der Metastasierung stehen, hätten die Patienten sehr wahrscheinlich einen echten Nutzen von der Früherkennung und einer dann meist wirklich notwendigen Operation.

naturel: Wie steht es bei der Mammographie um das Verhältnis von Schaden und Nutzen? Es heißt, regelmäßige Röntgenuntersuchung der Brust könne nicht wenigen Frauen das Leben retten. Was sagen die Statistiken?

Dr. Weymayr: Die Mammographie ist sicher die am besten untersuchte Früherkennungsmethode. Dennoch lässt sich über ihren Nutzen noch immer keine klare Aussage treffen. Vor einiger Zeit wurden acht größere Studien dazu von dänischen Wissenschaftlern gründlich unter die Lupe genommen. Sechs beurteilten sie als fehlerhaft, und die beiden, die sie als verlässlich gelten ließen, wiesen eben keinen Überlebensvorteil aus. Allerdings ist auch diese Analyse umstritten. Als Faustregel – die etwa auch von dem Programm in Holland bestätigt wird – gilt heute: Von 1000 Frauen sterben ohne Mammographie vier und mit Mammographie drei an Brustkrebs. Ob für die eine Gerettete dafür eine andere in der Folge des Screenens frühzeitig an etwas anderem stirbt, lässt sich nicht sagen. Ohne dass die Mammographie hierzulande in qualitätskontrollierte Programme eingebunden war, wird sie bis heute gleichsam stereotyp propagiert. Jetzt hat sich hier aber endlich etwas zum Positiven verändert: Ab 2007 soll allen Frauen ab 50 eine Mammographie angeboten werden, die internationale Standards erfüllt. Zum Brustkrebs ist noch Folgendes zu sagen: Bei einem Teil der durch Früherkennung entdeckten und dann meist aggressiv therapierten Tumore handelt es sich um so genannte In-situ-Karzinome. Aus ihnen entwickelt sich in vielen Fällen niemals ein lebensbedrohender Krebs. Es ist also sehr fraglich, ob hier Früherkennung wirklich Leben rettet. Sie scheint lediglich die Zahl der Brustoperationen und der Chemotherapien zu erhöhen.

naturel: Wie weit ist heute das gesamte Instrumentarium der Früherkennungsmaßnahmen wissenschaftlich fundiert?

Dr. Weymayr: Recht unzureichend. Das wird auch von Befürwortern der Früherkennungsmaßnahmen eingestanden – was sie aber nicht daran hindert, den Nutzen der Maßnahmen nach außen hin als gesichert darzustellen. Zu manchen Screening-Programmen gibt es überhaupt keine ernst zu nehmenden Studien, wie zum Beispiel zum Pap-Abstrich zur Früherkennung des Gebärmutterhals-Tumors. Dennoch gilt der Abstrich als die größte Erfolgsgeschichte der Krebsvorsorge.

naturel: Wie wichten Sie die Angaben über jene Fälle, bei denen ein rechtzeitig erkannter Krebs tatsächlich geheilt wurde.

Dr. Weymayr: Man kann sich über jeden geheilten Krebspatienten nur freuen. Statistiken hingegen sind eine andere Sache. In die dort ausgewiesene Überlebensrate fließen eben auch jene Tumore mit ein, die für die Betreffenden nie zu einem Problem geworden wären. Sie sind in der Regel aber trotzdem - „für alle Fälle“ - aggres-siv behandelt worden. Falls der Patient die Folgen der Therapie übersteht, wird er zu den Geheilten gezählt. Damit erscheint er auf dem Beweiskonto für die Sinnhaftigkeit von Früherkennung. Das ist aber recht zweifelhaft. In keinem dieser Fälle lässt sich nämlich ausschließen, dass nicht doch unnötig operiert, bestrahlt, chemotherapiert und damit eigentlich mehr geschadet wurde. Wenn also in Studien, wie gerade in einer großen Untersuchung zum Hautkrebsscreening in Schleswig-Holstein, nur ausgewertet wird, wie viele Tumore gefunden werden, sagt das nichts über die Bilanz des Verfahrens aus.

Denn es könnte sein, dass etliche Tumore gefunden wurden, die man gar nicht hätte finden müssen oder auf die man ohnehin rechtzeitig gestoßen wäre, auch wenn man nicht gezielt danach gesucht hätte.

naturel: Insofern dürfte auch die Behauptung, dass Krebsfrüherkennung den Krankenkassen und damit der Gesellschaft erhebliche Mittel einspart, gar nicht so sicher sein, wie es den Anschein hat.

Dr. Weymayr: Ja. Man argumentiert, früh erkannte Tumore müssten weniger intensiv behandelt werden, und deshalb seien die Therapien auch billiger. Das mag für Tumore zutreffen, die sich zu ausgesprochen bösartigen weiterentwickelt hätten. Die Behandlung von Tumoren aber, die unentdeckt harmlos geblieben wären, beschert nicht nur den betroffenen Patienten viel Leid, sondern den Kassen immense Ausgaben. Zudem verschlingt die Abklärung der falschen und unklaren Befunde viele Mittel. Vergessen werden darf auch nicht: Mit Krebsvorsorge wird auch viel Geld verdient. Und das sogar weniger von der Diagnostikbranche als von der Pharmaindustrie, der das Screening Patienten liefert.

naturel: Der Normalbürger wird weder die wissenschaftliche Absicherung von Tests noch das Verhältnis von Schaden und Nutzen noch die Kosten einschätzen können. Da er meist Schwierigkeiten hat sich zu entscheiden, macht er einfach, was ihm sein Arzt rät.

Neue Krebsdiagnostik mit dem sog. Biogra
Neue Krebsdiagnostik mit dem sog. Biogra
Dr. Weymayr: So ist die Realität. Doch Ärzte mögen zwar in der Durchführung von Diagnose und Therapie Experten sein, nicht aber, wenn sie beurteilen sollen, ob eine Vorsorgeuntersuchung generell angezeigt und deshalb anzuraten ist oder nicht. Über die Grenzen von Diagnoseverfahren haben sie an den Universitäten nur wenig oder gar nichts erfahren. In dieser Frage liegt die Kompetenz eindeutig bei den Epidemiologen und Statistikern. Leider haben die nur wenig Einfluss auf die Öffentlichkeit, im Gegensatz zu den so genannten Meinungsbildnern, führenden Professoren von Universitäten und großen Kliniken. Von ihnen ist die Notwendigkeit einer Krebsfrüherkennung zum Dogma gemacht worden. In ihrem Fahrwasser bewegen sich auch die meisten Informationsbroschüren der Fachgesellschaften und der Krankenkassen. Diese Art der Aufklärung erzeugt bei den Leuten mehr Angst als Sicherheit.

naturel: Sicherlich aber aus bester Absicht heraus.

Dr. Weymayr: Ohne Frage! Und das ist auch nachvollziehbar. Die engagiertesten Befürworter der Früherkennung sind Onkologen. Sie ringen täglich um das Leben von Krebspatienten, deren metastasierte Tumore man in der Regel sehr spät entdeckt hat. Aber gerade dieser Alltag, diese Hilflosigkeit gegen-über den aggressiven Formen des Krebses machen unfähig, ganz nüchtern Nutzen und Schaden von Screening-Projekten zu betrachten. Deshalb sind die meisten Krebsärzte geradezu programmiert, Früherkennung als harmlos anzusehen.

naturel: Können wir darauf hoffen, dass sich die Methoden der Früherkennung in naher Zukunft so entwickeln werden, dass der Nutzen die Schäden eindeutig übertrifft?

Dr. Weymayr: Schön wäre es. Leider wird das nicht so schnell gehen, wie wir es uns alle wünschten. Man sucht meines Wissens recht intensiv nach neuen Methoden auf diesem Gebiet. Der Trend geht derzeit hin zu automatisierten Labortests, beispielsweise zum Nachweis von Tumorproteinen. Dass damit aber das grundlegende Problem von Überdiagnose und Übertherapie gelöst werden kann, glaube ich nicht.

naturel: Könnten Sie sich trotz Ihrer kritischen Ansichten vorstellen, irgendwann selbst zur Krebs-Früherkennung zu gehen?

Dr. Weymayr: Für eine Entscheidung habe ich noch zehn Jahre Zeit. Wenn ich jetzt schon eine Prognose wagen soll: Zur Prostatakrebsvorsorge werde ich ziemlich sicher nicht gehen und zur Darmkrebsvorsorge wahrscheinlich auch nicht, obwohl der Blutstuhltest die Sterblichkeit nachweislich senken kann und die Darmspiegelung vermutlich zu den effektivsten Vorsorge-Methoden gehört. Da ich aber schon längere Zeit nicht mehr rauche und auch familiär nicht vorbelastet bin, rechne ich mich zu einer Niedrigrisikogruppe, wie ich sie nenne. Ich würde also ein relativ großes Risiko eingehen, frühzeitig einen Schaden zu erleiden, um ein relativ geringes Risiko, spät an einem Tumor zu sterben, zu vermindern.

Verstehen Sie mich aber bitte nicht so, als wollte ich meine ganz persönliche Schlussfolgerung anderen aufdrängen. Ich meine nur: Keinem sollte ein schlechtes Gewissen gemacht werden, wenn er es ablehnt, Früherkennungsprogramme in Anspruch zu nehmen Selbst wenn es auch gute Gründe gibt, sie zu nutzen. Niemand hat das Recht, moralischen Druck auszuüben, weder Ärzte, Kassenfunktionäre, Gesundheitspolitiker oder aber Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die aus persönlicher Betroffenheit heraus meinen, sich für Screenings engagieren zu müssen. Ein solcher Druck darf nicht in dem Vorwurf gipfeln: „Sie waren nicht zur Vorsorge? Dann sind Sie selber schuld, wenn Sie jetzt Krebs haben!“ Jeder sollte die Lebensweise wählen, die er für richtig hält.

naturel: Herr Dr. Weymayr, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Dr. Christian Weymayr
Dr. Christian Weymayr
Biographisches

Der studierte Biologe Dr. Christian Weymayr, Jahrgang 1961, befasst sich seit längerem mit Medizinthemen. Er arbeitete u. a. als Redakteur bei der „Zeit“, in einem Entwicklungsprojekt des BauerVerlags und als geschäftsführender Redakteur einer Stuttgarter Agentur. Heute lebt Christian Weymayr als freier Wissenschaftsjournalist in Tübingen und gibt dort den kostenlosen Newsletter „Krebsvorsorge aktuell“ heraus. (www.krebsvorsorge-aktuell.de). Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Im Eichborn-Verlag erschien von ihm und Klaus Koch das Buch „Mythos Krebsvorsorge“
(www.mythos-krebsvorsorge.de).

Buchtitel: Mythos Krebsvorsorge - Schaden und Nutzen der Früherkennung
Buchtitel: Mythos Krebsvorsorge - Schaden und Nutzen der Früherkennung


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Autor:Markus Muehler (18.05.2005)

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