Wie die Strahlen eines Fächers laufen seit dem Mittelalter die verschiedenen Routen des Pilgerweges durch Frankreich, um sich an den Pyrenäen zu vereinen und nach Überschreitung des Gebirges durch den Norden Spaniens zu führen nach Santiago de Compostela an der Atlantikküste. Vor über tausend Jahren wurde dort das Grab des heiligen Jakob gefunden. Jakob war einer der Apostel von Jesus. Warum er in Spanien begraben wurde, wo er doch in Jerusalem gelebt und dort als Märtyrer gestorben ist - erzählt die Heiligenlegende: Engel legten den toten Jakob in ein Boot mit Segeln, ließen die Winde so wehen, dass es durchs Mittelmeer in den Atlantik und dann bis zur nördlichen Küste Spaniens fuhr, wo der heilige Jakob endlich begraben wurde.
Die Zeit verging. Nach 800 Jahren wusste niemand mehr, wo sich das Grab befand.
Darum schickte Gott ein Zeichen: Nachts leuchteten die Sterne überirdisch hell und ein Lichtstrahl wies geradewegs auf ein Feld, auf dem ein Hirte mit seiner Schafherde lagerte. Nacht für Nacht wiederholte sich die Erscheinung. Der Schäfer fürchtete sich sehr. Schließlich schickte er dem Bischof eine Nachricht. Der Bischof kam sogleich mit seinem Gefolge und ließ die Grabstätte von Gestrüpp, Erde und Steinen freilegen. Über dem Grab wurde eine Kirche gebaut. Menschen errichteten an der heiligen Stätte ihre Häuser und eine Stadt entstand. Die Stadt des Jakob, denn Jakob heißt auf Spanisch: Santiago, und Compostela
bedeutet: Sternenfeld.
| Brücke am Jakobsweg |
Seit einigen Jahren sind es wieder viele Menschen, die nach Santiago wandern,
mit der Muschel am Rucksack. Ob die Menschen heute noch glauben, dass Jakob sie von ihren Sorgen befreit? Vielleicht. In Wirklichkeit helfen sie sich selbst, denn während der langen Wanderung haben sie viel Zeit über alles genau und tief nachzudenken, und plötzlich ergibt sich die Lösung ihrer Probleme wie von selbst. Irgendwie hat der heilige Jakob aber doch damit zu tun, denn gäbe es sein Grab nicht, würde sich kein Mensch auf den Weg machen.
Schon einmal bin ich nach Santiago gepilgert auf dem camino real, von den Pyrenäen bis zum Atlantik - fast 900 Kilometer. Diesmal wollte ich die via podiensis, eine Strecke von 800 Kilometern, von Le Puy bis zu den Pyrenäen in Begleitung eines Esels zurücklegen.
Es war nicht einfach, einen Züchter zu finden, der mir für so lange Zeit ein Tier vermieten wollte. Doch als ich Choco sah, gab es für mich kein Zögern mehr. Ich wusste sofort - er ist der passende Weggefährte für mich.
Die schwarze Madonna
Im Marien-Wallfahrtsort Le Puy begann unsere Wanderung. Die historische Altstadt stimmte mich auf den Pilgerweg ein. In der Kathedrale Notre-Dame wird die „Schwarze Madonna“ verehrt.
Die berühmte vierge noire hat König Ludwig VII, der Heilige, von seinem Kreuzzug aus Ägypten mitgebracht.
Der Jungfrau zu Ehren wurde die Kathedrale gebaut und in ihrem Namen geweiht.
| Carmen Rohrbach im Mohnfeld |
Es war im Jahr 1794 zur Zeit der französischen Revolution. Die Jakobiner wollten das Volk zu mündigen Bürgern erziehen, ihnen geistige Freiheit lehren und den Aberglauben austreiben. Deshalb vernichtete man die schwarze Madonna als Zeichen dafür, dass der Verstand über den Glauben
triumphiere. Die heutige Marienstatue ist eine wertvolle Kopie, die in einer abgelegenen Kapelle vor den Wirren der Revolution verschont geblieben ist. Wer heute mit Sorgen und Nöten beladen zu ihr betet, dem spendet sie Hilfe, so als sei die gnadenbringende Wirkung von der alten Figur aus Ägypten auf die Kopie übergegangen.
Steile Höhen und tiefe Täler
Die via podiensis führt über das Massif Central und gilt als der landschaftlich schönste aller Jakobswege, aber auch als der schwierigste, wegen der steilen Auf- und Abstiege. Natürlich machte ich mir Sorgen wegen Choco, würde es nicht zu anstrengend für ihn werden? War er den Strapazen eines so weiten Weges gewachsen? Sein Besitzer hatte mir gesagt, Chocolat sei im Wandern geübt, dennoch wollte ich Ruhetage einschieben, wenn ich Anzeichen von Schwäche bemerken sollte. Choco belohnte meine gute Meinung von ihm, morgens konnte er es nicht erwarten, dass es losging. Ungeduldig zerrte er an der Leine, und sobald er gesattelt und beladen war, stürmte er auch schon los. Besonders wenn es bergauf ging, konnte ich kaum mit ihm Schritt halten. Ihm machte das Bergsteigen sichtlich Spaß, ich aber musste aufpassen, damit er sich nicht dickköpfig durch jede Engstelle zwängte. Ob das Gepäck dabei aufgespießt, zerrissen und zerfetzt würde, kümmerte ihn nicht. War der Weg gut passierbar, hielt ich das Ende der Führungsleine locker in der Hand und ging vor ihm her. Waren Felsen und Bäume im Weg, griff ich ins Halfter und führte ihn um das Hindernis herum.
Wir übernachteten meist im Freien. Ich schlief im Zelt und Choco legte sich wie ein Wachhund davor. In Frankreich ist es gar nicht so einfach, einen Platz zum Zelten zu finden, da große Gebiete als Privatbesitz eingezäunt sind. An Pilgerherbergen und Wanderunterkünften war kein Mangel, aber ich konnte uns nur dort einquartieren, wo auch für Chocolat eine Weide dabei war.
Oft beneidete ich meinen Esel, er konnte einfach fressen, was er am Weg fand: saftige Blätter, köstliche Rispen und schmackhafte Gräser. Ich dagegen musste erst in einem Laden einkaufen, dann den Kocher anwerfen und mir eine Suppe bereiten.
Jeder Tag ein neues Abenteuer
Es passierten viele dramatische Situationen, eigentlich verging kein Tag ohne Abenteuer. Einmal versank mein Esel bis zum Bauch im Morast. Es hatte tagelang geregnet und der Boden war aufgeweicht. Ich wollte Chocolat auf einem Erddamm an der sumpfigen Stelle vorbeiführen. Da ihm mein Schieben und Drücken lästig und der schmale Steg wohl zu glatt war, stakste er trotzig mitten hinein in den Sumpf. Sofort versank er samt Gepäck. Schon steckte er bis zum Bauch im Schlick. Vor Schreck war ich wie gelähmt. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, sammelte Chocolat seine Kräfte und schnellte sich mit ein, zwei, drei Sprüngen aus dem Sumpfloch heraus. Von den Hufen bis zu den Ohren war er mit Schlamm bedeckt. Doch ihn schien das nicht zu bekümmern. In seinen Augen war keine Angst.
| Der Esel will nicht ins Wasser |
Vor Wasser aber fürchtete er sich. Ein wasserscheuer Esel ist ziemlich ärgerlich, wenn man fast täglich Bäche durchqueren muss. Ich zeigte ihm, dass es ungefährlich ist, watete vor ihm durch die Furt hin und her, erfolglos. Er schaute nicht einmal zu, widmete sich derweil lieber dem saftigen Gras. Ich lockte ihn mit Äpfeln und Mohrrüben, denen er sonst nicht widerstehen konnte. Umsonst - bockbeinig rührte er sich nicht von der Stelle. Nein, mein Esel war nicht störrisch, er hatte Angst! Das ist etwas völlig anderes. Der Bach kam aus einem Moor und war dunkelbraun. Deshalb konnte
Chocolat nicht erkennen, wie tief das Wasser war oder ob sich ein gefährliches Tier darin versteckte, vielleicht ein Krokodil, dass ihn verschlingen würde. Ich erzählte ihm, dass es Krokodile nur in Afrika gibt und nicht in Frankreich. Es nützte nichts, denn Esel sind vorsichtige Tiere und riskieren nicht gern ihr Leben. Choco ging nicht durch das dunkle Moorwasser, wir mussten umkehren und einen weiten Umweg machen. War der Bach dagegen klar und durchsichtig bis zum Grund, folgte Chocolat mir willig. Mein Esel war also weder wasserscheu noch störrisch, sondern klug. Er überlegte sich jeden Schritt genau und er wusste immer, was er wollte und was nicht.
Verrückt nach Pferden
Er war verrückt nach Pferden. Und Pferde gab es überall auf den Koppeln. Mein Esel war jedesmal ganz aufgeregt und wollte durchbrennen. Bei seinem Besitzer hatte er mehrmals Stuten decken dürfen, daran erinnerte er sich, wenn ihm Pferdegeruch die Nase kitzelte. Zu Beginn sprach ich mit ihm nur französisch, aber Choco lernte schnell Deutsch.
Anweisungen wie: „Komm zu mir! Los gehts! Halt! Weiter!“, verstand er bald problemlos. Nur beimBefehl: „Kopf hoch!“ hatte er selbst nach Wochen noch seine Schwierigkeiten. Ich war mir allerdings sicher, dass er mich längst verstand, mir aber aus gutem Grund nicht gehorchen wollte, wenn Pferdeäpfel auf dem Weg lagen, an denen er mit Leidenschaft schnüffelte. Er spürte sie auf, selbst wenn
sie vom Regen aufgeweicht oder von der Sonne getrocknet waren. Wenn ich nicht rechtzeitig seinen Kopf hochzog, tauchte er genüsslich sein Maul hinein. Ich hätte ihm ja das Vergnügen gegönnt, aber wenn ich an die Wurmeier und
Krankheitserreger im Pferdemist dachte, war ich lieber eine strenge Eselführerin.
Mir schien, mit seinem scharfen Geruchssinn konnte er sogar Spuren verfolgen, die mehrere Tage alt waren. Wenn er beim Gehen seine Nase dicht über den Boden hielt, erinnerte er mich an einen Hund.
Oft wurden wir von Pilgern überholt, die schneller vorankamen. Das störte mich zuerst, doch dann erkannte ich, dass Chocolat mir ein kostbares Geschenk machte: die Langsamkeit.
Er zwang mich zur Muße, so dass ich die Umwelt mit allen Sinnen besser wahrnehmen konnte. Nicht nur, dass sein Schritt kürzer war, als der eines Wanderers, er brauchte auch regelmäßige Pausen, um seinen Magen zu füllen.
Bei allen Abenteuern und den eindringlichen Naturerlebnissen stand die Erfahrung des Pilgerns, die Begegnungen und Gespräche mit anderen Pilgern und die einmaligen Bauwerke der Romanik im Mittelpunkt.
Ein besonderer Höhepunkt für mich war Conques, ein geschichts- und sagenreicher Ort mit der berühmten Klosterkirche Sainte Foy.
| Romanisches Portal in Conques, Klosterki |
Der Pfad war feucht, der hinunter nach Conques führte, der Wald dunkel und die Bäume waren dicht mit Efeu bewachsen. Wie grüner Pelz hingen Luftwurzeln und Kletterpflanzen von Ästen und Zweigen. Nur selten hörte ich einen Vogellaut. Für Chocolat war der steile Abstieg auf lockerem Geröll und schmieriger Erde schwierig. Seine Augen wanderten hin und her, sondierten den Boden, und wenn er dann seine Hufe aufsetzte, standen sie fest und sicher.
Zwischen dem Blätterdach unter uns tauchten die spitzen Helme von drei Kirchtürmen auf. Der Pfad fiel weiter steil bergab und allmählich schälten sich aus dem Grün die Mauern eines Kirchenschiffes und die gestaffelten Dächer der Häuser ringsum. Eng an die Flanke des tiefen Waldtales gepresst, lagen das Städtchen Conques und die Abteikirche.
Auf abschüssigen, mit braunen Flusskieseln gepflasterten Gassen betrat ich andächtig den heiligen Ort. Die Art meiner Fortbewegung zu Fuß und mit Esel weckte in mir das Gefühl, der Vergangenheit zu begegnen. Die engen Straßen mit ihren aus Feldsteinen gemauerten Häusern vermitteln noch heute die Atmosphäre einer mittelalterlichen Stadt.
Nach einer Straßenbiegung öffnete sich unvermittelt ein Platz - und ich stand vor dem Portal. Mir stockte der Atem. Im Tympanon, dem Bogenfeld über dem Eingang, fesselte mich ein Bildwerk, plastisch und figurenreich, wie ich keines zuvor gesehen hatte. Der Eindruck war überwältigend. Über 120 Figuren sind abgebildet und veranschaulichen christliche Weltvorstellung und Heilsgeschichte, mittelalterliche Moral und den unerschütterlichen Glauben, dass gute Taten belohnt und böse bestraft werden.
Die heilige Fides oder Sainte Foy, deren Reliquie hier verehrt wird, war erst zwölf Jahre alt, als sie sterben musste. Gallien, das heutige Frankreich, war damals von den Römern besetzt. Wer sich weigerte, ihre Götter anzubeten, wurde zur Zeit von Kaiser Diokletian gnadenlos verfolgt. Fides, die Tochter einer wohlhabenden gallo-römischen Familie, widersetzte sich dem Dekret und ließ sich taufen. Ihr Schicksal erfüllte sich schnell. Zum Tode verurteilt sollte sie zuerst den Feuertod auf dem Rost sterben wie der heilige Laurentius. Weil die Flammen sie verschonten und zur Seite wichen, schlug ihr der Henker mit dem
Schwert den Kopf ab. Ihre Seele verwandelte sich in eine weiße Taube und stieg hinauf in den Himmel. So geschehen im Jahr 303.
Schritt um Schritt nähern wir uns dem Ziel
40 Tage dauerte unsere Pilgerreise, fast 800 Kilometer von Le Puy bis zu den Pyrenäen. In Saint-Jean-Pied-de-Port war ich einst zu meiner ersten Pilgerwanderung durch Spanien aufgebrochen, diesmal war der Ort unser Endziel. Ich telefonierte mit dem Eselzüchter, er kam mit seinem Transporter und fuhr uns zurück. Choco schien sofort zu wissen, dass er wieder zu Hause war. Freudig begrüßte er seinen Freund Pedro, einen grauen Esel. Sie berührten sich sanft mit den Mäulern, legten die Hälse aneinander und standen einen Moment ganz still.
Dann machte Chocolat einen Luftsprung und galoppierte davon, Pedro setzte hinterher. Ausgelassen tollten sie über die Wiese. Laut rief ich seinen Namen. Choco blieb stehen, blickte zu mir herüber und verabschiedete sich mit einem
kräftigen I-AAH-AAH.
Die Erlebnisse mit meinem Esel habe ich in meinem Buch beschrieben und vielleicht ist es mir gelungen, Sie anzuregen und Ihnen Mut zu machen, diesen Abschnitt des Jakobsweges durch Frankreich einmal selbst zu erleben, es muss ja nicht unbedingt mit einem Esel sein.
Carmen Rohrbach „MUSCHELN AM WEG - Mit dem Esel auf dem Jakobsweg durch Frankreich“,
Buch: Muscheln am Weg
214 S,. 39 Farbfotos, geb. mit SU, Verlag Frederking & Thaler,
MÜNCHEN 2002, EUR 24,- ISBN 3-89 405-603-7
Jakobsweg, Wandern auf dem Himmelspfad. (Taschenbuch), Euro 11,00. V. Frederking
und Thaler München, S. 296, 2. Auflage 2000.
ISBN 3-89 405-081-0







