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Naturel-Online.de, Bildschirmfoto vom Oktober 2004
Moshé Feldenkrais - und sein Weg zum reifen Selbst
Autor:Wolfgang Nützenadel (23.06.2004)

Moshé Feldenkrais
Moshé Feldenkrais

Die „Feldenkrais-Methode“ – ein Weg zur Wiederentdeckung der eigenen Kraft – hat internationale Verbreitung gefunden. Schwerpunkte liegen in den USA, Kanada, Europa, Israel und Australien. Sein Begründer, Moshé Feldenkrais, wurde 1904 in Russland geboren. Mit 14 Jahren emigrierte er nach Palästina und begeisterte sich für Fußball und Jiu-Jitsu. 1928 ging Feldenkrais nach Paris. Mit dem Nobelpreisträger für Physik, Joliot-Curie, arbeitet er an der atomaren Teilchenforschung. 1940 musste Feldenkrais vor der Deutschen Wehrmacht nach Großbritannien flüchten. Im Kreis hochkarätiger Wissenschaftler arbeitete er im Auftrag der Alliierten an der militärischen Ortung und Abwehr von U-Booten. In dieser Zeit verschlimmerte sich eine alte Fußballverletzung am Knie. Feldenkrais begann, mit sich selbst zu experimentieren. Er studierte seine Körperbewegungen und verfeinerte systematisch sein kinästhetisches Empfinden. So brachte er sich nach und nach bei, auf eine neue Weise, effizient und ohne Schmerzen zu gehen. Der Erfolg dieser Selbsterziehung führte dazu, dass Feldenkrais seine Entdeckungen im Bekanntenkreis ausprobierte und später zu einer Lernmethode weiterentwickelte. 1968 begann er in Israel mit der Vermittlung seiner Erfahrung an eine Ausbildungsgruppe. Es folgten legendär gewordene Kurse in den USA und internationale Anerkennung. Einer seiner berühmten Schüler, der Geiger Yehudi Menuhin, schrieb: „Das geniale Denken von Moshé Feldenkrais besteht darin, im Teilchen das Ganze zu sehen. Für ihn gab es keine isolierten Erscheinungen und seine Therapie bestand darin, zwischen Teil und Ganzem die Wechselwirkung wieder herzustellen!“ Moshé Feldenkrais starb 1984 in Israel. In einem fiktiven Interview antwortet Feldenkrais vermittels seiner Schriften auf Fragen von Wolfgang Nützenadel.

„Ich glaube, dass die latenten Fähigkeiten eines jeden von uns beträchtlich größer sind als die, mit denen wir leben.“ So lautet einer der vielzitierten Sprüche des Moshé Feldenkrais. Dem ist kaum zu widersprechen. Wohl alle Therapiekonzepte gehen davon aus, dass der potentielle Reichtum des Menschen größer ist als das, was er im Alltag realisiert. Die Krankheit, das Ungenügen, besteht also u.a. in einem Komplex von ungelebtem Leben. Worin besteht nach Ihrer Erfahrung die Ursache dieser Behinderung?

Das Ich-Bild

Schauen wir auf die Dynamik unseres eigenen Tuns. Wir handeln dem Bilde nach, das wir von uns selbst machen. Ich esse, gehe, denke, beobachte, liebe nach der Art, wie ich mich empfinde. Dieses Ich-Bild, das einer von sich macht, ist teils ererbt, teils anerzogen und zu einem dritten Teil kommt es durch Selbsterziehung zustande. Nun ist dieses Ich-Bild beim einen mehr, beim anderen etwas weniger ein eingeschränktes, verzerrtes und oft verdrehtes Ding. Ein Zerrspiegel unserer Illusionen und Ängste, der nicht unsere latenten Fähigkeiten widerspiegelt. Solange wir darin unsere Realität und unser Potential sehen, bleiben wir Opfer einer Selbsttäuschung. Darin sehe ich die wesentliche Ursache der Behinderung.

Am 1. Anteil des Ich-Bildes (dem ererbten) können wir nicht viel verändern?

Verändern nicht, da es sich um Erbgut handelt. Aber wir können unsere Wahrnehmung dafür schärfen, dass unser Erbteil viel größer und reicher ist, als uns glauben gemacht wird. Darin liegt der Reichtum unserer ganzen Entwicklungsgeschichte und Menschheitserfahrung. Ein Riesenpotential, das wir nur eingeschränkt nutzen.

Warum?

Vor allem wegen des 2. Anteils des Ich-Bildes, den wir durch Erziehung und gesellschaftliche Anpassung erworben haben. Diese Konditionierungen, denen wir uns mehr oder weniger unterworfen haben, schränken unsere Freiheit, zu sein wer und wie wir sind, enorm ein.
Was uns also auf dem Weg der Veränderung zum reifen Selbst bleibt, ist der 3. Anteil des Ich-Bildes, den wir durch Selbsterziehung erwerben. Hier sind wir sozusagen Herr im eigenen Hause und können eigenverantwortlich handeln?
Das ist die Chance, unser Ich-Bild und damit unser Tun und Sein in der Welt zu verändern.

Die Maske und der Hunger nach Bestätigung

Sie sprechen vom Teufelskreis der normierten Wahrnehmung und Bewegungen. Was steht dahinter?

Infolge der Erziehung und Anpassung an gesellschaftliche Normen und Gewohnheiten leben die meisten Menschen hinter einer Maske. Diese Maske ist das Gesicht, das einer vor dem anderen haben möchte, wie vor sich selbst. Der Hunger, von seinen Mitmenschen immer wieder bestätigt zu werden, ist so groß, dass die meisten Menschen ein ganzes Leben damit zubringen, ihre Masken zu verstärken. Oder auch manchmal zu wechseln, wenn der Hunger nach Bestätigung nach einer Veränderung der Maske verlangt. Oft genug lebt sich ein Mensch so sehr in seine Maske hinein, dass er sie vollends für sich selber hält. Aber dieses Leben spielt sich vorwiegend im Kopf ab, denn der Körper kann weniger gut täuschen. So werden organische Triebe der körperlichen Ganzheit kaum mehr empfunden und organische Befriedigungen nicht mehr erlebt. Störungen des Familien- und Geschlechtslebens sind die Folge davon. Damit leben die meisten zu ihrer leidlichen Zufriedenheit und können sich daher – die einen leichter, die anderen schwerer – über das Gefühl der Leere hinwegsetzen, das sie überkommen mag, wenn sie einmal innehalten, um in sich hineinzuhorchen oder um sich den Spiegel hinter die Maske zu schieben und sich dort darin anzuschauen.

Dabei mag es dem einen oder anderen gruselig werden.

Schon möglich. Aber es kann zu einer heilsamen Erfahrung werden. Es gibt uns die große Chance, das Bild von uns zu ändern, das wir in uns tragen. Und das verändert die Art und Weise unseres Tuns, unser ganzes Leben.

„Erkenne dich selbst“ – das ist ein Grundprinzip der meisten Therapien. Ob Psychotherapie oder Reinkarnationstherapie, immer gilt das Erkennen des Selbst als Ausgangspunkt von Heilung.
Wenn dabei auch sehr unterschiedliche Wege gegangen werden. Worin besteht der besondere Weg der Feldenkrais-Methode?


Im Ich-Bild realisieren sich vier Komponenten, die an jedem Tun beteiligt sind: Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken. Sie sind Bestandteile jeder Handlung. Während andere Therapien ihren Ansatzpunkt im Denken oder im Gefühl oder in der Sinnesempfindung suchen, geht die Feldenkrais-Methode einen anderen Weg. Sie setzt bewusst und gezielt bei dem Element Bewegung an.

Warum?

Ich kann denken, ohne mich zu bewegen. Ich kann fühlen, ohne mich zu bewegen. Ich kann Sinnesempfindungen haben, ohne mich zu bewegen.
Aber ich kann mich nicht bewegen, ohne gleichzeitig zu fühlen, zu denken und Sinnesempfindungen wahrzunehmen. Darum konzentrieren wir uns bei der Analyse, wie bei der Veränderung des Ich-Bildes auf den Teil, der mit Bewegung zusammenhängt. Die drei anderen Bestandteile: Sinnesempfindungen, Gefühl und Denken sind, wie wir gesehen haben, mit Bewegung verbunden. Und so werden sich die Rollen, welche sie bei der Entstehung des Ich-Bildes spielen, gleichzeitig mit derjenigen der Bewegung herausstellen. Lernen ist kein fundamental intellektueller Prozess. Lernen ist primär ein sensomotorischer Prozess, der das ganze Selbst betrifft und aus „Tun“ folgt.

Sie zitieren gern einen alten chinesischen Spruch: „Ich höre und vergesse. Ich sehe und erinnere. Ich tue und verstehe.“

Aus diesem Grund bevorzuge ich Techniken, die die Störung einer übermäßigen bewussten Kontrolle reduzieren, zugunsten einer Bevorzugung gesunder, unbewusster autoregulativer Prozesse, die älter und verlässlicher als unser bewusstes Fühlen und Wollen sind. Entscheide nicht du, wie du diese Bewegung tust. Lass dein Nervensystem entscheiden. Es hat Millionen von Jahren an Erfahrung und weiß deshalb mehr als du. Die Geschichte ist ja bekannt: Einer fragt einen Tausendfüßler, in welcher Reihenfolge er seine vielen Füßen bewege. Darauf kam der Tausendfüßler nicht mehr vom Fleck.

Sie haben ein kritisches Verhältnis zur Abstraktion?

Die Entwicklung des abstrakten Denkens und des Sprachvermögens nimmt in der Wissenschaft und in allen gesellschaftlichen Leistungen den wichtigsten Platz ein. Zugleich aber werden Abstraktion und Sprache zu einer Gewalt, die uns von der unmittelbaren (körperlichen) Wirklichkeit trennt und sie uns förmlich entzieht. Das wiederum stört grundsätzlich die Harmonie der meisten menschlichen Tätigkeiten. Der Grad dieser Störung streift oft die Grenzen geistiger und körperlicher Gesundheit und führt zu vorzeitiger Vergreisung. Denken, das vom übrigen Menschen getrennt ist, dörrt nach und nach aus. Gleiches gilt für die Art der Beziehungen, wie viele sie täglich und gewohnheitsmäßig mit anderen unterhalten. Der falsche oder mangelnde Gebrauch des Körpers mit all seinen psychosomatischen Folgen muss als Resultat eines kulturellen Stress betrachtet werden. Das Ersetzen des eigenen Willens durch einen Fremden. Also der Verlust autonomer Funktionen. So entstehen Krankheiten aufgrund narzistischer Kränkung des Selbstwertgefühls, die mit Depressionen, psychosomatischen Störungen und im Extremfall mit Suizid enden können.

Immanuel Kant hat gesagt: „Die Hand ist das äußere Gehirn des Menschen. Wenn wir von dieser Gabe keinen rechten Gebrauch machen…“

Nicht nur die Hand. Wenn einer sich flach auf den Rücken legt und systematisch versucht, seinen Körper zu spüren, oder gleichsam versucht auf ihn zu hören, d.h. wenn er seine Aufmerksamkeit jedem Teil und Glied seines Körpers einem nach dem anderen zuwendet, so wird der feststellen, dass sich die einen Körperbereiche leicht erspüren lassen, während andere sozusagen stumm oder dumpf und außerhalb seiner Wahrnehmung bleiben. Die Körperteile, die er am deutlichsten wahrnimmt, sind auch die, deren er sich im Alltag am meisten bedient. Einer, der überhaupt nicht singt, wird diese Funktion auch in seinem Ich-Bild nicht fühlen können, außer, indem er sie nachdenkt, d.h. denkend rekonstruiert. Um ein vollständiges Ich-Bild zu haben, müsste sich einer der gesamten Oberfläche seines Körpers inne sein. Jeder kann sich selbst vergewissern, dass alles, was er tut, den Grenzen seines Ich-Bildes entspricht, und dass dieses Bild nur ein schmaler Ausschnitt aus dem Idealbild ist. Wie einer seinen Kopf hält, Schultern und Bauch, seine Körperhaltung und sein Auftreten: das alles beruht auf dem Bild, das er von sich macht. Er selbst kann – aber nur mit Anstrengung – erkennen, was an seinem Äußeren vorgetäuscht und was davon echt und er selbst ist. Die Wahrnehmung und Erfahrung anderer kann ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

Hilfe zur Veränderung?

Es geht im Grunde nicht um Veränderung, sondern es geht darum, derjenige zu werden, der wir sind. Den loszuwerden, der wir geworden sind, vom fehlgeleiteten Ich-Bild erlöst zu werden, den Verschütteten ins Leben zu bergen. Die verschiedenen Religionen und Heilslehren haben verschiedene Wege vorgeschlagen, um den Menschen zu sich selbst zu berichtigen. Suggestion, Einzel- und Massenhypnose werden nach einer Reihe verschiedener Methoden verwendet. Jede gilt ihren Anhängern als „die Methode“, als die einzig Wahre.

Sie plädieren für den Weg des „Tuns“, der Bewusstheit durch Bewegung?

Weil in jeder Zelle unseres Körpers der Extrakt von Jahrtausenden der menschlichen Entwicklungsgeschichte gespeichert ist. Der Körper ist das Gedächtnis der Menschheit und gleichzeitig der Hüter unserer biografischen Wahrheit. Und der Körper lügt nicht.

Autor:Wolfgang Nützenadel (23.06.2004)

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