PISA - Studie (Programme for International Student Assessment) wurde im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt. Sie ist eine international standardisierte Leistungsmessung, die von den Teilnehmerstaaten gemeinsam entwickelt wurde und an 15- jährigen Schülern in ihren Schulen durchgeführt wird. 250 000 Schüler aus 32 Ländern stellten in diesem Test ihr Wissen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft unter Beweis. Es soll nicht nur das Beherrschen des im Lehrplan vorgesehenen Lehrstoffes abgefragt, sondern auch wichtige Kenntnisse und Fähigkeiten, die man im Erwachsenenleben benötigt, erfasst werden. Die Untersuchung von fächerübergreifenden Kompetenzen ist integraler Bestandteil von PISA. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Beherrschung von Prozessen, dem Verständnis von Konzepten sowie auf der Fähigkeit, innerhalb eines Fachbereiches mit verschiedenen Situationen umzugehen.
Ziele
Die Studie soll zeigen, wie gut Jugendliche auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet sind. Mit Hilfe der Fragen wird eingeschätzt, inwieweit die Bildungssysteme der Teilnehmerstaaten ihre Schülerinnen und Schüler auf lebenslanges Lernen und auf die Übernahme von verantwortungsvollen Rollen als Bürger ihrer Gesellschaft vorbereiten.
Ergebnisse
Die Ergebnisse fallen für Deutschland unbefriedigend aus. In allen drei Kategorien findet sich Deutschland im Ländervergleich nur im unteren Drittel wieder. Finnland schneidet am besten ab, während Japan und Korea bei der mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundbildung an der Spitze stehen.
Bei den Durchschnittsleistungen in den drei Bereichen weisen einige Länder einen geringen Abstand zwischen den besten und den schwächsten Schülern auf, obwohl immer noch hohe Durchschnittsniveaus erreicht werden. Das betrifft vor allem Finnland, Japan und Korea.
Als einen möglichen Grund für das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler nannte Statistik-Experte und „PISA“-Koordinator Andreas Schleicher das hohe Qualitätsgefälle zwischen guten und schwachen Schülern. Dieser Trend werde durch das gegliederte Schulsystem offenbar verstärkt. „Qualität und Gleichheit schließen sich nicht aus“, sagte Schleicher mit Blick etwa auf Spitzenreiter Finnland, wo ein relativ gleichmäßiges Niveau der Schulen ermittelt wurde. Wichtiger als die Gliederung nach Schularten ist laut Schleicher die Durchlässigkeit zwischen schulischen Niveaus über die gesamte Schulzeit hin.
Die „PISA“-Studie zeige zudem in Deutschland eine starke Abhängigkeit der schulischen Leistungen von der sozialen Herkunft. Dabei spielt laut Schleicher das an den Schulen herrschende soziale Umfeld eine größere Rolle als das Elternhaus. Die Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien müssten also keineswegs zwangsläufig schlecht sein. Es gebe aber eine starke Tendenz dazu, wenn die meisten Schüler einer Schule aus einem ähnlich schwachen sozialen Umfeld kommen. Ausländerkinder erreichen ebenfalls durchschnittlich schlechtere Werte, was der „PISA“-Experte auf die schlechte Integration vor allem der in Deutschland geborenen Ausländerkinder zurückführte.
Lösungsansätze
Wer bei der PISA – Studie einen der oberen Ränge belegen möchte, muss Schule zukunftsorientiert gestalten. Anregungen dazu geben die Gesamtschulen in Skandinavien. Die Frühförderung im Vorschulalter, der Ausbau der Ganztagsangebote und eine verbesserte Lehrerausbildung werden derzeit in Deutschland diskutiert. Schlagworte wie chronische Lustlosigkeit, mangelnde Motivation und fehlendes Engagement fallen bei uns immer wieder. Da erscheint auch ein Nachdenken über menschliche Werte in unseren Schulen dringend notwendig.
Finnland - Lernwerkstatt statt Belehrungsanstalt
In Finnland werden Kinder im Alter von sieben Jahren eingeschult. Neun Jahre bleiben sie im gleichen Klassenverband, in Dänemark und Schweden sind es zehn, in Kanada sogar zwölf Jahre. Im Anschluss daran besucht ca. die Hälfte der finnischen Schüler das Gymnasium, die andere Hälfte beginnt eine Berufsausbildung. Die Schüler sprechen ihre Lehrer mit Vornamen an. Der Unterricht wird in lockerer Atmosphäre gestaltet. Für Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Struck von der Hamburger Universität eine vorbildliche Unterrichtsgestaltung. „In Deutschland haben wir die kürzeste Grundschule der Welt mit vier Jahren, gefolgt von Italien mit fünf Jahren. Die schnelle Umschulung führt zu einer viel zu frühen Streuung. Schlechte Schüler werden frühzeitig abgekoppelt anstatt von guten Schülern mitgerissen zu werden. Das führt zu Demotivation“.
Fehler machen erwünscht
Es herrscht eine ganz andere Fehlerkultur in Finnland“, meint Erziehungswissenschaftler Peter Struck. „Kinder lernen am besten durch Ausprobieren und Fehlermachen, und in Skandinavien gibt es schmale Lehrpläne und viel Platz für Übungen“. Nach Ansicht des Erziehungswissenschaftlers wird so handlungsorientiertes Lernen stärker gewährleistet als bei uns. Nur so können Erkundungskompetenz (selbständiges Erwerben von Informationen) und vernetzendes Denken (Anwendung von Wissen in Alltagssituationen) vermittelt werden. Punkte, in denen deutsche Schüler bei der PISA-Studie schlecht abgeschnitten hätten, so Prof. Struck. Für ihn ist das kein Wunder: „Der preußische Perfektionismus ist schuld daran, dass unsere Lehrpläne voller sind als in jedem anderen Land dieser Welt, so dass für Übungen im Unterricht kaum Platz bleiben“.
Klassenverband wird groß geschrieben
Der Unterricht beginnt in Finnland in der Regel 8 Uhr, spätestens 15 Uhr ist Schulschluss. Mittags gibt es ein kostenloses Essen, was die Klasse zusammen einnimmt. Gruppenunterricht ist gängige Praxis und die stärkeren Schüler helfen den schwächeren.
Für Erziehungswissenschaftler Peter Struck ist das finnische Modell beispielhaft für das Schulmodell der Zukunft. In fächerübergreifendem Unterricht werden Erkundungskompetenz und vernetzendes Denken vermittelt, ein langjähriger Klassenverband und Lernen durch Selbsterfahrung gewährleisten angstfreies und eigenmotiviertes Lernen.
Menschliche Werte
Lehrer können nur in einem bestimmten, von der Gesellschaft gesteckten Rahmen agieren. So müssen zum einen die Bedingungen an den deutschen Schulen geändert werden. Der Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium oder der Mittelschule erfolgt zu zeitig. Die Klassen sind viel zu groß. Sachsen steht mit einem Klassenteiler von 33 Schülern mit an vorderster Stelle. Auch die Lehrer haben hier mit 27 Unterrichtsstunden die größte Pflichtstundenzahl. Diese Bedingungen stehen praktischen Maßnahmen entgegen und müssen geändert werden.
Grundlegende menschliche Werte sollten zukünftig im Klassenraum mehr gefördert werden. Ein Kind wird mit diesen Werten geboren. Was sind menschliche Werte? Mitgefühl, Zusammenarbeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Zugehörigkeitsgefühl – all diese Qualitäten sind grundsätzlich vorhanden und müssen wieder ans Licht gebracht werden. Oft ist es notwendig, dass der Lehrer die Verhaltensweisen, welche die Kinder zu Hause erlernt haben, wieder ändert. Leider ziehen noch nicht in jedem Fall Lehrer und Eltern an einem Strang.
Die menschliche Natur ist der Struktur des Atoms sehr ähnlich: Wie in einem Atom ist das Zentrum positiv – ein Proton. Die Elektronen, oder die negative Ladung, sind die äußere Schicht. Alles Negative, was man bei einem Kind finden kann, bildet also nur die Oberfläche. Negativität ist nicht die wirkliche, eigentliche Natur des Kindes. Mit liebevoller Aufmerksamkeit und Fürsorge kann der Lehrer die positiven menschlichen Werte ans Licht bringen.
Kindererziehung sollte eine ganzheitliche Aufgabe sein und nicht nur darin bestehen, ihre Köpfe mit Informationen vollzustopfen. Lediglich in die Schule zu gehen und ein paar Lektionen lernen ist nicht das, was die Erziehung eines Kindes ausmacht. Kinder lernen nur zur Hälfte Werte von ihren Eltern, der Rest kommt von ihren Lehrern. Ein Lehrer sollte die Bedürfnisse für eine ganzheitliche Entwicklung eines Kindes erkennen, weil Körper und Geist eine Einheit bilden. Das, was in den Körper hineingegeben wird, spiegelt sich im Geist wieder und umgekehrt. So wird Gewalttätigkeit im Denken, im Körper und im Handeln widergespiegelt.
Zugehörigkeitsgefühl
Normalerweise haben Kinder ihren festen Platz, an dem sie jeden Tag sitzen. Das ist für den Lehrer einfach, aber für die Kinder nachteilig. Wenn sie immer am selben Platz sitzen, binden sie sich zu sehr an diese Stelle. Möchte dann ein anderes Kind dort sitzen, kämpfen sie um ihren Stuhl. Für sie ist dieser Sitzplatz „mein Platz“. Sie empfinden nicht, dass jeder Platz im Klassenraum ihnen gehört. Sie glauben, nur ihren eigenen Stuhl zu besitzen. Indem man die Kinder auffordert, jeden Tag an einem anderen Platz, neben anderen Kindern zu sitzen, erhalten sie ein Zugehörigkeitsgefühl zum ganzen Klassenraum, zu allen Kindern und zu allen Plätzen.
Es ist sinnvoll, das intelligenteste Kind neben das schwächste Kind der Klasse zu setzen. Es bekommt den Auftrag, dem Schwächeren zu helfen. Meist bilden alle intelligenten Kinder einer Klasse eine Gruppe und die weniger klugen Kinder eine andere Gruppe. Das ist für die Entwicklung der Klassenatmosphäre nicht gesund. Sobald die intelligenteren Kinder mit den weniger intelligenten zusammengebracht werden, entwickeln sie ein Zugehörigkeitsgefühl außerhalb ihrer üblichen Freunde, ein größeres Feingefühl für Liebe und Fürsorge für andere.
Auch sollten wir Kindern mehr Respekt vor dem Lehrer beibringen. Es ist wichtig, ein Zugehörigkeitsgefühl mit Erwachsenen zu haben, eine persönliche Verbundenheit mit dem Lehrer zu erleben. Früher waren Kinder und Studenten stolz auf ihre Lehrer. Dieser Sinn für Zusammengehörigkeit mit dem Lehrer sollte wieder erreicht werden. Warum brauchen wir einen Menschen als Lehrer in der Klasse? Jeder Schüler könnte seine Lektionen auch über den Computer lernen. Die Gegenwart des Lehrers ist dazu da, eine menschliche Beziehung zu schaffen. Das ist es, was wir in der Klasse bewahren und entwickeln müssen, menschliche Nähe und Beziehungen zu fördern.
Ein Lehrer sollte seine Schüler ermutigen Träume und Phantasien zu haben. Er sollte ihnen Geschichten erzählen, die sie inspirieren. Der Lehrer gibt ihnen Ideale, nach denen sie streben können, und moralische Werte nach denen sie leben können. Wenn sie ein Ideal vor Augen haben, haben sie ein Vorbild. Schüler der verschiedenen Schulformen sind heutzutage oft depressiv und demotiviert, weil sie kein Ideal haben, kein Vorbild, dem sie gerne nachstreben würden. Doch wie ein Fluss eine Richtung braucht, in die er fließen kann, so braucht Leben eine Richtung, um voranschreiten zu können.
Unsere Kinder brauchen mehr Kultivierung der grundlegenden menschlichen Werte. Wir sind dafür verantwortlich. Die Kinder von heute werden die Gesellschaft von morgen bilden. Menschliche Werte zu unterrichten ist nicht nur unser Wunsch, es ist unsere Pflicht.
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