Dr. Schaub: Zunächst gar nichts. Die Frage ist nur, was ich unter einem wissenschaftlichen Wirkungsnachweis verstehe. Lasse ich allein die randomisierte Doppelblindstudie gelten, fällt ein großer Teil der Wahrheit unter den Tisch. Ich möchte den Schulmediziner sehen, der seinen Alltag, einschließlich des beruflichen, nach Doppelblindstudien gestaltet! Den nicht etablierten Heilverfahren aber errichtet man solche Hürden. Außerdem: Ich schätze zwar die wissenschaftliche Sicht auf die Dinge als eine sehr wichtige Voraussetzung, in der Welt zurechtzukommen. Sie ist aber nicht die einzige Art und Weise, die Wirklichkeit zu erkennen. Denken wir nur an die künstlerische Aneignung der Realität oder an die Kraft der Intuition, vor allem aber an den großen Reichtum unserer Erfahrungen.
naturel: Was heißt es für Sie, wissenschaftlich an die Dinge heranzugehen?
Dr. Schaub: Vor allem keinerlei Voreingenommenheit oder gar Ignoranz zuzulassen, und keine Verketzerung Andersdenkender. Das gilt selbstverständlich auch für mein Verhältnis zur Schulmedizin. Sie hat durchaus ihren festen Platz, sie ist aber nur eine von sehr vielen Möglichkeiten, Krankheiten zu behandeln. Wir betreiben deshalb auch keine Ideologie des Alternativen. Wir möchten, dass in jedem Falle immer diejenigen der Heilkünste vorrangig zum Zuge kommen können, die für eine Genesung die besseren Erfahrungswerte aufweisen. Hingegen hat sich die etablierte Medizin selbst zum Maß aller therapeutischen Dinge erklärt und damit sämtliche anderen Heilweisen mehr oder minder in die Ecke des Absonderlichen oder gar der Scharlatanerie
naturel: Wobei es diese „Ecke“, diese unseriöse Szene der Geldschneiderei tatsächlich gibt, und zwar auf beiden Seiten. Wie gehen Sie da heran? Welchen Maßstab legen Sie an die vielen Heilmethoden? Nach welchen Kriterien ordnen und bewerten Sie sie?
Dr. Schaub: Vor allem nach ihrem Erfolg, nach dem Nutzen, den sie den Patienten bringen. Dabei interessieren uns sowohl die erwünschte Wirkung als auch die unerwünschten Nebenwirkungen. Und natürlich schauen wir auch auf die Kosten, genauer auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Wir möchten nämlich, dass sich endlich jene Verfahren durchsetzen, die bei geringem finanziellen Aufwand viel Genesung ermöglichen. Auf diese Weise könnten dann auch mit der Zeit jene Therapien verdrängt werden, die oft sehr teuer sind und nur wenig oder gar keine Gesundheit schaffen.
naturel: Vorausgesetzt, Sie können die jeweils bessere Wirkung bzw. den jeweils größeren Nutzen auch nachweisen.
Dr. Schaub: Ja, genau diese Aufgabe haben wir uns auch gesetzt. Doch braucht es dafür eben in den seltensten Fällen aufwendige Studien. Wenn es beispielsweise einer großen Zahl von MS-Patienten nach einer recht preiswerten Behandlung mit dem naturheilkundlichen Mittel Padma 28 auffallend besser geht und bei ähnlich vielen Patienten die traditionellen Therapien nicht viel oder gar nichts bringen, dann kann ich mir die Studie wirklich sparen. Dann ist doch die dokumentierte Erfahrung Nachweis genug!
naturel: Man könnte Ihnen aber leicht vorwerfen, Sie registrierten bei dieser Vorgehensweise allein die Erfolge und verschwiegen geflissentlich alle Niederlagen.
Dr. Schaub: Das ist in der Tat eine Gefahr. Deshalb gilt für die Aufnahme von Behandlungsfällen in unsere Dokumentation das Prinzip „Ganz oder gar nicht!“ Das heißt: Wenn sich ein Therapeut dafür entschieden hat, den Ablauf seiner Behandlung durch uns verfolgen und aufzeichnen zu lassen, dann muss er in diesem Dokumentationsprozess von Anfang an Farbe bekennen, zumindest vom Zeitpunkt der Anamnese an, wenn er noch keinerlei Genesungssignale erhalten hat. Und er muss dabei bleiben bis zum guten Ausgang oder aber bis zum bitteren Ende eines Misserfolgs.
Niederlagen können dabei nicht unter den Tisch fallen. Und jeder Fall, bei dem eine Behandlung abgebrochen wird, gilt für die Bilanz als negativ. Vom Beginn der jeweiligen Therapie gerechnet erhalten wir nach ein, drei und sechs Monaten sowie nach einem, zwei und drei Jahren in Form der Rückmeldung exakte Informationen über den Verlauf der Behandlung und ihre Ergebnisse.
naturel: Seit wann erfassen Sie auf diese Weise Therapieverläufe?
Dr. Schaub: Unser Forschungszentrum arbeitet seit Herbst 2002, also noch keine drei Jahre. Unter dem Aspekt der für solche Untersuchungen notwendigen Langfristigkeit stehen wir mithin immer noch ziemlich am Anfang. Allerdings haben wir in dieser Zeit bereits die Wirkung von mehr als 20 Heilmethoden – alternative und etablierte - bei über 100 verschiedenen Krankheitsbildern verfolgt und dokumentiert.
naturel: Mit welchem Ergebnis? Lassen sich schon gesicherte Aussagen treffen?
Dr. Schaub: Dafür braucht es wohl noch einige Zeit und auch Kraft. Eines aber ist deutlich geworden: In allen Behandlungsmethoden, die wir unter die Lupe genommen haben, steckt ein ernst zu nehmendes Heilpotenzial. Es gibt offensichtlich keine Therapierichtung, die nicht in bestimmten Fällen auf irgendeine Weise ihre Berechtigung hätte. Was unter keinen Bedingungen wirkt, das hat bereits auf mittlere Sicht keinen Bestand. Das erledigt sich quasi von selbst. Gezeigt hat sich aber auch Folgendes: Keine dieser Heilmethoden taugt etwa gleichermaßen für alle Erkrankungen, noch nicht einmal für alle von einer Krankheit Betroffenen. Jede Therapie, die wir in unser Forschungsprogramm aufgenommen haben, ist auf ihre Weise erfolgreich, ganz gleich ob Schulmedizin, Homöopathie, Bioresonanz- oder Neuraltherapie, Akupunktur oder TCM bis hin zur Geistheilung. Gerade Letztere, die doch oft nur belächelt wird, hat in Fällen noch wirken können, in denen andere Heilverfahren erfolglos blieben. Keine dieser Behandlungsweisen ist jedoch gegen Misserfolge gefeit. Deshalb gilt es herauszufinden, bei welcher Therapierichtung welcher Aspekt des Heilgeschehens im Vordergrund steht.
naturel: Sind insofern alle diese Behandlungsmethoden gleichberechtigt?
Dr. Schaub: Ja. Keine landet nur Treffer, auch die ganzheitlich agierenden nicht. Darum sollte sich auch keine besser oder wichtiger dünken als die anderen. Was die eine nicht kann, das leistet die andere. Nicht selten stellt sich heraus, dass erst in einer Kombination verschiedener Heilverfahren das gewünschte Resultat erreicht werden kann.
naturel: Wie aber erfahren die Patienten, welche Therapierichtung in ihrem konkreten Fall am meisten Erfolg verspricht?
Dr. Schaub: Unserem Dokumentationszentrum ist eine Beratungs- und Vermittlungsstelle angeschlossen. Hier kann sich jeder Interessierte, ganz gleich, ob Behandelnder oder Patient, telefonisch oder aber über das Internet Auskunft holen. Sehr oft vermitteln wir auch direkt bestimmte Therapeuten. In der Regel sollte jedoch der jeweilige Hausarzt der erste Anlaufpunkt sein, denn eine gesicherte Diagnose ist Grundvoraussetzung für die Wahl der optimalen Behandlung.
naturel: Sind die Hausärzte auch willens und in der Lage, diese Lotsenfunktion zu übernehmen?
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naturel: Aber auch unter Medizinern ist der Trend nicht zu übersehen, sich für natürliche Heilweisen zu interessieren. Immerhin gibt es entsprechende Zusatzausbildungen, und nicht selten findet man auf den Praxisschildern den ergänzenden Vermerk „Naturheilverfahren“.
Dr. Schaub: Ja, aber dieser Trend ist noch zu schwach. Zudem gibt es dabei so manchen „Trittbrettfahrer“. Wenn ein Arzt überwiegend marktwirtschaftlich orientiert ist, dannweiß er sehr wohl, dass es nur von Vorteil sein kann, so genannte Weekend- oder andere Schnellkurse mitzumachen, weil man sich danach die entsprechende Urkunde ins Wartezimmer hängen kann. Doch sagt ein solches Papier noch nicht viel darüber aus, ob der Besitzer auf diesem Gebiet tatsächlich kompetent ist. Selbst die Pharmaindustrie hat den Trend zur Naturheilkunde mitbekommen und bietet neben dem Gros ihrer chemischen Medikamenten zunehmend auch pflanzliche Präparate an, deren Einsatz man bis vor kurzem noch als wirkungslos belächelt hat.
naturel: Das größte Hindernis für einen Durchbruch bei den alternativen Heilmethoden scheint indes die Tatsache zu sein, dass sie sich der kleine Mann, wenn er nicht auf vieles verzichten will, finanziell kaum leisten kann.
Dr. Schaub: Leider, ja. Aber das ist doch nur deshalb so, weil komplementäre Therapien von den Kassen in aller Regel nicht bezahlt werden und der Patient dann in den eigenen Geldbeutel greifen muss. Das ist bei uns in der Schweiz nicht anders als bei Ihnen in Deutschland. Und es ist ökonomischer Widersinn. Denn unsere Forschungen belegen eindeutig, dass die Angebote der meisten alternativen Therapierichtungen nicht nur in vielen Fällen wirksamer, sondern auch wesentlich preiswerter sind als die der Schulmedizin. Dass daraus nicht die Konsequenzen gezogen werden, liegt an einem ganzen Knäuel von Interessen, die nicht unbedingt am Patientenwohl orientiert sind. Da geht es um gewaltige Gewinne, um Einfluss, Ansehen und Macht. Das einseitige Diktat der Finanzierung ist im Grunde eine Entmündigung der Patienten, aber auch der Ärzte. Diesen unmöglichen Zustand beseitigen zu helfen ist das Hauptmotiv unserer Arbeit.
naturel: Eine sachlich-fachliche Fleißarbeit. Vermag sie aber die erwarteten Früchte zu tragen, solange ihre Ergebnisse sich nicht in einem ernst zu nehmenden politischen Willen niederschlagen?
Dr. Schaub: Das stimmt. Deshalb brauchen wir unbedingt Öffentlichkeit. Ich glaube, das Zauberwort heißt „Transparenz“. In meinem Büchlein zu diesem Thema benutze ich dafür bewusst auch das russische Wort „Glasnost“, wie wir es aus den Zeiten von Gorbatschows Perestroika kennen, die ja Umbau im Sinne von Demokratisierung bedeutete. Wenn wir nämlich in aller Öffentlichkeit Licht in das Dunkel des ungleichen Wettbewerbs der Heilkünste bringen, wenn die Fakten, die Erfahrungen, die Beweise offen auf dem Tisch liegen, dann werden letztlich diese den Ausschlag geben können. Dann werden es selbsternannte Experten, die so genannten Meinungsbildner, nicht mehr so leicht haben, ihr Diktat aufrecht zu erhalten. Dann könnte der Druck der Vernunft wirken.
naturel: Eine ideale Vorstellung. Könnte sie angesichts der bestehenden Verhältnisse nicht auch nur ein frommer Wunsch bleiben?
Dr. Schaub: Ich bin in dieser Hinsicht ein unverbesserlicher Optimist und setze auf den guten Willen der beteiligten Seiten. Warum sollten die alternativen Therapeuten anerkennen, dass die Schulmedizin vor allem im Akut- und Notfallbereich wirklich Enormes leistet. Und warum sollten die Schulmediziner ihrerseits nicht zugeben, dass sie bei vielen chronischen Krankheiten nur sehr wenig ausrichten können und die betreffenden Patienten dann in gebotener Bescheidenheit an die Kollegen der anderen Heilkünste weiterleiten?
naturel: Sehen Sie denn die erforderlichen Kräfte, die eine solche Vision auch verwirklichen könnten?
Dr. Schaub: Letzten Endes ist dafür die Kraft einer für dieses Problem sensibilisierten Gesellschaft erforderlich. Unser Basler Projekt, das wir gern ausweiten möchten, kann da nur einer von mehreren Anstößen sein. Es steht allen Interessenten gleichermaßen offen, daran teilzunehmen: Ärzten, Therapeuten, allen Kranken und allen Gesunden. Der notwendige finanzielle Jahresbeitrag überfordert mit seinen 35 Euro niemanden. Anhand unserer Dokumentationen und Fragebögen, die wir auf Wunsch zusenden, kann sich jeder aktiv an den Forschungen beteiligen. Schön wäre es, wenn wir die Unterstützung einiger progressiver Universitäten im In- und Ausland sowie seitens unserer eigenen staatlichen Stellen erhielten. Wir bemühen uns aktiv darum. Der Schlüssel zum Erfolg ist aber, so meinen wir, der rasche Aufbau eines informellen und interaktiven Netzes von Menschen, die sich für unser Vorhaben engagieren. Diese Form einer computergestützten Zusammenarbeit könnte dazu führen, dass sich in der Heilkunst ein insofern neuartiges Ordnungssystem herausbildet, als es völlig ohne Hierarchien funktioniert.
naturel: Was meinen Sie damit?
Dr. Schaub: Die Erfahrungen und unsere Forschungen besagen, dass die inzwischen sehr bunte und reichhaltige Palette der Therapierichtungen und Heilmethoden Gefahr läuft, ein Dschungel zu werden, in dem sich keiner mehr zurechtfindet, am wenigsten die Patienten, die darin Hilfe suchen. Deshalb brauchen wir unbedingt eine Art Koordinierung, müssen wir von allen verständliche Wegweiser aufstellen. Mit anderen Worten: Ohne eine gewisse Lenkung geht es nicht mehr. Allerdings müssen deren Grundlagen durchschaubar und hinterfragbar sein, für den Fachmann wie für den Laien. Die computergetragene Vernetzung von Erfahrung, Wissen, Kompetenz und berechtigten Interessen könnte vielleicht die alten erstarrten Machtstrukturen in unserer Heilkultur überwinden, ohne sie durch neue zu ersetzen. Der sanfte Druck öffentlich gemachter Erkenntnisse über das Potenzial der Selbstheilungskräfte des Menschen würde dann vielleicht auch zu einer Selbstheilung unseres Gesundheitswesens führen.
naturel: Diesem Ziel wollen wir uns gern anschließen. Dr. Schaub, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!






