„Steter Tropfen höhlt den Stein“, meint ein Sprichwort. Sicherlich wird ein tropfender Wasserhahn nicht gleich das Waschbecken durchbohren. Aber ausgetretene Treppenstufen und abgetretene Absätze beweisen anschaulich, dass „an der Sache was dran ist“. Gewiss kann ein einziger „Harter“ die Enthemmung bewirken, die am Lenkrad zum tragischen Unfall führt. Doch zum „Trinker“ oder „Raucher“ macht erst die tägliche Wiederholung, in der sich „bedingte“, immer neu bekräftigte Reflexe herausbilden – der Griff zum Glas oder zur Zigarette ist „zur Gewohnheit“ geworden. Und was das einzelne Glas, die einzelne Zigarette nicht vermochten, das bewirkt die ständige Wiederholung für Gesundheit und Leben.
Bei vielen Genussmitteln, auch bei Alkohol und Tabakrauchen, ist es so, dass man sich diese Gewohnheit auch bei gutem Willen oft nicht einfach „abgewöhnen“ kann. Der Organismus hat sich auf das gewohnte Genussmittel eingestellt, er reagiert auf einen plötzlichen Entzug mit „Abbrucherscheinungen“, die sein Befinden schwer stören können und die ihn rücksichtslos zum Trinken oder Rauchen veranlassen: Das Genussmittel hat zur „Abhängigkeit“ geführt, die in vielen Fällen nur durch eine Fachkraft und/oder in einer Gruppe zu überwinden ist.
Ursachen und Folgen
Die Faktoren, die zum verantwortungs-bewussten Gebrauch oder zum Missbrauch von Genussmitteln beitragen, sind sehr unterschiedlich. Zur Vorbeugung und zur Entwöhnung des Genussmittel-Missbrauches sollte man wenigstens näherungsweise nach solchen Faktoren fragen. Einige wichtige seien angedeutet:
Das positive oder weniger günstige Beispiel von Eltern, Geschwistern, Freunden und anderen Bezugspersonen, auch Darstellungen aus der Werbung, dem Fernsehen, dem Internet.
Die Gruppenmeinung und oft auch der Gruppendruck in Schule und Betrieb, in der Clique und im Freundeskreis, in Partnerschaft und Familie. In Verbindung zu sehen mit Selbstbewusstsein, mit Angst vor Ausgrenzung und Alleinsein.
Das Selbstgefühl z.B. bei Schön- heits- und Mode-Idealen, Entspannung und „Abschalten“ vom Alltag, tatsächlicher Genuss durch das konsumierte Genussmittel, scheinbares Kraftgefühl durch anregende Mittel.
Das Vorhandensein oder Fehlen sonstiger Freizeitangebote
Stand der verinnerlichten Kenntnisse über Wirkungen und Folgen der Genussmittel im Hinblick auf den Körper, auf Geist und Seele.
Die Folgen des Genussmittelgebrauches richten sich zunächst natürlich auf den eigenen Organismus, ihre Stärke wird durch den häufigen bis regelmäßigen Konsum und die oft gesteigerte Menge bestimmt (beim Trinken, beim Rauchen, beim Drogengebrauch und Arzneimittel-Missbrauch).
Darüber hinaus findet eine Beeinträchtigung anderer Personen im sozialen Umfeld statt: beim „Passivrauchen“ durch unfreiwilliges Einbeziehen von Angehörigen oder Berufskollegen; ferner durch Animieren zum Mitmachen (beim Trinken, beim Rauchen, beim Drogengebrauch); und schließlich durch rücksichtsloses Verhalten, wie es im Zusammenhang mit Alkohol oder Drogen vorkommt.
Längerdauernder Genussmittel-Missbrauch verändert oft auch die Persönlichkeit zu ihrem Nachteil (bei Drogen und manchen Arzneimitteln bis zur Beschaffungskriminalität, allgemein durch Rücksichtslosigkeit und zunehmenden Persönlichkeitsabbau).
Eine wirkungsvolle Hilfe: Klassische Naturheilkunde
„Klassische“ Naturheilkunde und eine auf ihr beruhende „Naturgemäße Lebensführung“ können Vorbeugung, Entwöhnung und nachgehende Festigung bei Genussmittel-Missbrauch ganz wesentlich unterstützen:
Sie vermitteln durch ihr positives, optimistisches Herangehen dem Betroffenen die Kraft und Zuversicht, gegen Verlockung und Abhängigkeit selbst etwas unternehmen zu können.
Naturheilkunde und naturgemäße Lebensführung sehen den Menschen in seiner Ganzheit von Psyche, Organismus und sozialer Umwelt, gehen also realistisch heran und beziehen die auf diesem Gebiet besonders wichtigen psychischen Kräfte voll ein.
Durch die Merkmale der Klassischen Naturheilkunde – Naturgemäßheit und Naturnähe – ist eine Verbindung zur Lebenspraxis und zum konkreten Alltag gegeben.
Schließlich ordnet die Naturheilkunde den verantwortungsbewussten Umgang mit Genussmitteln in den gesamten Komplex einer gesundheits- und leistungsfördernden Lebensführung ein.
Auf welche Genussmittel soll die Naturheilkunde ihre Bemühungen in erster Linie konzentrieren? Sicher werden gegenwärtig das Tabakrauchen und der Alkohol als „moderne Einstiegsdrogen“ im Mittelpunkt stehen müssen. Unter dem Aspekt der Vorbeugung sind gewiss ein paar Worte zur Unterstützung der Aufklärung gegenüber Drogen und zum Arzneimittel-Missbrauch angebracht. Zu Kaffee, Tee und Kakao werden einige Hinweise genügen.
Alkohol – Gratwanderung zwischen Genuss und Verdruss
Alkohol gehört für viele Menschen zum täglichen Leben. Wenn sein Gebrauch maßvoll und mehr gelegentlich erfolgt, kann er einen echten Genusswert haben. Schlimm wird es, wenn daraus eine Gewohnheit, eine Sucht wird. Bei rund 10 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 69 Jahren muss der Alkoholkonsum als riskant eingestuft werden. Bereits ab 0,3 Promille (z.B. ein kleines Bier) ist die Reaktionsfähigkeit merklich eingeschränkt. Als Vergiftungsschwelle wird eine Blutalkoholkonzentration von 1,4 Promille (4 Flaschen Bier oder 8 Schnäpse) angegeben. Ab 2 Promille besteht eine erhebliche Bewusstseinstrübung, ab 3 Promille akute Lebensgefahr. Gesundheitliche und soziale Gefahren sind Abnahme der geistigen Zurechnungsfähigkeit, Selbstverletzungs- und Unfallgefahr, Lebererkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Zerrüttung in Familie und Beruf, schneller gesellschaftlicher Abstieg.
Die Entwöhnung wird erschwert, da Alkohol nahezu allgemein als „gesellschaftsfähig“ gilt, da Selbsteinsicht in die Abhängigkeit, eindeutiger Willensent-schluss und Verständnis starker Partner unerlässlich sind. Die Naturheilkunde wird speziell durch Entwicklung eines „Gesundheitsbewusstseins“ sowie einer komplexen „Naturgemäßen Lebensführung“ ihren Beitrag leisten.
Rauchen – Aufhören lohnt immer
Während der Gesunde, nicht abhängig gewesene Mensch einen maßvollen bzw. gelegentlichen Alkoholgenuss durchaus pflegen darf, kann man von einem gesundheitlich tolerierbaren Tabakrauchen kaum sprechen.
Geradezu eine „Horrorliste der Risiken“ ist mit dem Rauchen verbunden: Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland sind nikotinsüchtig, jährlich sind etwa 100.000 Todesfälle auf Folgen des Rauchens zurückzuführen. Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht es Schäden an der Lunge, besonders Lungenkrebs und Bronchitis. Es verkürzt die Lebenserwartung erheblich, im Durchschnitt kostet jede(!) Zigarette rund 5 ½ Minuten Lebenszeit.
Doch auch nach jahrelangem Rauchen bleibt die Entwöhnung sinnvoll: die gesundheitlichen Risiken gehen nach dem dauerhaften Aufhören in 3 bis 5 Jahren zu einem großen Teil zurück. Die Abhängigkeit des Rauchers wird meist unterschätzt, die Entzugssymptome sind relativ stark (Unruhe, Aggressivität, Angst, Konzentrationsschwäche), es erfordert Konsequenz, sich gegen eine rauchende Umwelt durchzusetzen, Raucher in den Medien und im Gesundheitswesen wirken erschwerend.
Mitmenschliche (Partner, Kollegen, Freunde) und oft auch fachkundige Hilfe (Beratung, Entwöhnungskurse und -gruppen) sind erforderlich. Die Naturheilkunde kann – ähnlich wie beim Alkohol – durch eine komplexe „Naturgemäße Lebensführung“ und die Weckung eines „Gesundheitsbe-wusstseins“ eine oft ausschlaggebende Hilfe leisten.
Koffein & Co – sanfter Anreger oder Peitsche
Die legale Droge Koffein gehört in Deutschland zur Alltagskultur – neben Tee ist Kaffee das meistgetrunkene Heißgetränk, große Mengen Koffein werden auch in Cola-Getränken konsumiert, Kinder und Feinschmecker lieben eine Tasse Kakao. Koffein aus Getränken verteilt sich in wenigen Minuten im ganzen Körper und wird in 5 bis 6 Stunden abgebaut – so lange hält auch seine anregende Wirkung an. Bei regelmäßiger Aufnahme bis zu etwa 8 Tassen Kaffee pro Tag (= 600 Milligramm Koffein) sind von der etablierten Medizin keine langfristigen Gesundheitsschäden festgestellt worden, wer mehr konsumiert, kann es mit chronischer Schlaflosigkeit, mit Magenbeschwerden oder auch depressiven Beschwerden zu tun bekommen. Bei regelmäßigem Genuss von 5 Tassen Kaffee pro Tag kann es zu einer körper- lichen (!) Abhängigkeit kommen, bei plötzlichem Entzug sind erhebliche Kopfschmerzen, Reizbarkeit und Müdigkeit möglich. Eine seelische (!) Abhängigkeit entsteht nicht.
Aus einer ausgewogenen naturheil-kundlichen Sicht könnte der Ratschlag lauten: Maß halten, aber nicht ängstlich sein. Gegen einige wenige Tassen als wohlschmeckender, sanfter Anreger ist gewiss nichts zu sagen („Aber bitte nicht mit Sahne“!).
Kritisch kann es werden, wenn der Student vor dem Examen oder die berufstätige Mutter vor ihrem zweiten, häuslichen „Arbeitsverhältnis“ das Koffein als „Peitsche“ benutzt, um auch ihre letzten Kraftreserven zu überfordern. Dann sind Kräutertee oder ein Tafelwasser bestimmt die günstigeren Getränke.
Ein Wort zu Drogen und Arzneimittel-Missbrauch
Das, was aus der Sicht der Klassischen Naturheilkunde zur Abhängigkeit von Alkohol und Tabakrauchen gesagt worden ist, gilt in noch ausgeprägterem Maß von den eigentlichen „Suchtmitteln“, die seit der Wendezeit in zunehmendem Umfang als Verlockung und Angebot an die Jugendlichen herantreten. Für die Vorbeugung und Entwöhnung steht ein medizinischer Dienst zur Verfügung, der aus naturheilkundlicher Sicht nur bejaht und gefördert werden sollte.
Der Schwerpunkt wird dabei eindeutig in der Vorbeugung liegen, die durch die Entwicklung eines Gesundheits-bewusstseins und einer Gesundheitsverantwortung, durch eine komplexe „Naturgemäße Lebensführung“ und ein an höheren Werten orientiertes, interessantes Freizeitangebot ganz wesentlich unterstützt werden kann.
Seit durch die sogenannte „Gesundheitsreform“ die Kosten und Zuzahlungen für Kranke wesentlich erhöht worden sind, wird die Selbstmedikation bei leichteren Funktionsstörungen weiter zunehmen – und damit auch die Gefahren des Arzneimittel-Missbrauches. In den Folgen 8 (Für jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen) und 10 (Sich helfen lassen und sich selber helfen) dieser Serie wird auf diese Probleme näher eingegangen. An dieser Stelle ist es wichtig zu wissen, dass aus der unwillkürlichen Fehlanwendung von rezeptfreien Arzneimitteln eine bewusste Fehlanwendung und eine suchtartige Abhängigkeit entstehen kann. Die Tabelle stellt einige Beispiele zusammen, welche frei verkäuflichen Mittel bei kurzzeitiger Selbstanwendung voll berechtigt sind, bei Gewöhnung und Abhängigkeit aber zu gesundheits- schädigenden Folgen führen können.
In vielen Fällen lassen sich diese Arzneimittel durch Maßnahmen einer naturgemäßen Lebensführung, gerade auch durch naturnahe pflanzliche Mittel, ersetzen bzw. ablösen.
Dipl.-Pharm. Sylvia Richter, Beratende Apothekerin
Dr. Josef Rudolf Noswitz, Fachberater für Gesundheitserziehung
Beispiele der Selbstmedikation, bei denen Gewöhnung bzw. Abhängigkeit zu vermeiden ist:
Schmerzmittel (verbreitet bei wiederholtem Kopfschmerz)
Beruhigungsmittel, die auch emotionale Erregung dämpfen (zum Teil rezeptpflichtig)
Nasentropfen/-sprays, die wochenlang angewendet werden
Abführmittel (außer Kleie, Quell- und Ballaststoffen, Vollkornprodukten)






