So wie dieses Verhalten durch seine Vertrautheit Sicherheit gibt in einer für das Kind kritischen Situation, so gibt es im Alltag mit Kindern viele ähnliche Momente, in denen feste Handlungsabläufe dem Kind ein Gefühl von Ordnung und Sicherheit vermitteln können. Sie helfen, den oft hektischen Tagesablauf zu strukturieren und werden so in ihrer Gleichförmigkeit zu Inseln der Beständigkeit. Dazu gehört in vielen Familien das tägliche Einschlafritual mit einer Gute-Nacht-Geschichte oder einem Gebet genauso wie das Trostlied nach einem Sturz oder das gemeinsame Sonntagsfrühstück. Neben diesen meist von Generation zu Generation weitergegebenen Ritualen schafft sich jedes Kind eine eigene Welt von rituellen Handlungen. Mein zweijähriger Neffe schläft seit seinen ersten Lebensmonaten nicht ohne sein Schnuffeltuch ein. Aus ursprünglich völlig anderen Gründen in sein Bettchen gelegt, bekam diese einfache, weiße Baumwollwindel für ihn eine höhere Bedeutung. Sie fest an sein Gesicht drückend ist die Welt für ihn in Ordnung, er kann beruhigt einschlafen.
Der große Stellenwert von Ritualen für Kinder ist tagtäglich sichtbar. Welche psychologischen Hintergründe dabei eine Rolle spielen und was das für die Erziehung unserer Kinder bedeutet, darüber sprach ich mit Dr.med. Andreas Ossapofsky, Allgemeinmediziner und Arzt für anthroposophische Medizin:
Warum finden Kinder einen so großen Gefallen an diesen gleichförmigen Abläufen?
Ich denke, die allereinfachste und kürzeste Antwort ist, dass Kinder ein Bedürfnis haben nach Sicherheit, und dass diese vorhersehbaren Ereignisse, die an bestimmte Zeiten, an bestimmte Umstände, an bestimmte Menschen gebunden sind und mit immer wiederkehrenden Worten oder Liedern zusammen erscheinen, dem Kind Sicherheit vermitteln. Ein Kind wächst in der Wirklichkeit auf, aber im Grunde genommen versteht es von dieser Wirklichkeit intellektuell nicht viel, viele fremde Dinge umgeben das Kind, von denen es immer nur Wirkungen spürt, aber die Ursachen nicht kennt. Aber es versteht: Das eine gehört zu dem anderen, das Kind gehört zu Vater und Mutter oder der Vater geht auf seine Arbeit und die Arbeit gehört zu dem Vater usw. Dieses Zusammengehören bildet das Weltbild des Kindes und gibt ihm Sinn. Rituale vermitteln dem Kind die Möglichkeit, die Welt zu verstehen und geben dadurch eine gewisse Sicherheit für die Teile, die nicht verständlich sind.
Wie begründen Sie das aus psychologischer Sicht?
Ich denke, dass Kinder bis zum siebten Lebensjahr eigentlich gar nicht mit ihrem Bewusstsein auf der Erde, sondern in einer eigenen Bilderwelt, in einer eigenen Märchenwelt leben. Die Erde interessiert sie nur in sofern, dass die Gegenstände auf der Erde diese Märchenwelt berühren können oder zum Klingen bringen. Mir ist das bewusst geworden in einem Kindergarten. Die Kinder sollten sich anziehen. Bekanntlich hat manches Elternteil große Mühe, das Kind dazu zu bewegen, sich anzuziehen, auch wenn es draußen kalt ist. Das Kind kann gar nicht einsehen, dass es etwas anziehen muss, weil es sonst draußen friert oder krank wird. Das sind Dinge, die den Erwachsenen interessieren, aber ein Kind überhaupt nicht. Das Kind braucht ein Bild, was zu seinem Weltbild gehört und was seine Welt anregt. Wenn ich ihm dieses Bild gebe, dann wird dieses Kind sich auch anziehen. So habe ich erlebt, dass die Kindergärtnerin die Kinder aufforderte, sich anzuziehen und während des Anziehens erzählte sie den Kindern Reime, die sie kannten und liebten, und dann zogen die Kinder sich an. Ihr Bewusstsein war aber gar nicht beim Anziehen, sondern bei den Schüttelreimen. Das war für sie die Welt, in der sie im Moment bewusstseinsmäßig und seelisch waren, und das Anziehen war eigentlich Nebensache.
Diese Märchenwelt, von der Sie sprechen, wird ja im Laufe der Entwicklung des Kindes schrittweise abgebaut. Inwiefern verändern sich dadurch auch die Rituale der Kinder?
Es ist ja eine auffällige Sache, dass gerade pubertierende Jugendliche gegen die bisher in der Familie oder auch in der Schule gepflegten Rituale ordentlich revoltieren. Es liegt dann in der Kunst der Erziehung, einen Kompromiss zu finden, dass sie nicht völlig verschwinden, indem vielleicht die Kinder an der Gestaltung der Rituale eigene Anteile haben. Ich denke, dass die Menschenseele immer eine Verbindung sucht zwischen dem was sie innerlich hat und mitbringt und dem was äußerlich an Anforderungen da ist. Die Sehnsucht nach Ritualen hängt damit zusammen.
Können sie dafür Beispiele nennen?
Man kann erleben, dass Kinder, wenn man Märchen zwei-drei mal in dem selben Wortlaut vorgelesen hat, sie dann in dem gleichen Wortlaut wiederholen wollen. Ihnen ist das vertraut, sie haben das mit sich verbunden.
Müssen das unbedingt Märchen sein ?
Nein, das können Stabreime oder Schüttelreime sein, das können Lieder sein, die möglichst pentatonisch einfach sind. Ein pentatonisches Lied ist fortlaufend, hat weder einen Anfang noch ein Ende.
| Tanzen: Kinder lieben die sich immer wiederholenden Abläufe |
Die Kinder erleben, dass sie mit ihrem Bewusstsein in der Welt der Erwachsenen anstoßen, dass es soziale Aufgaben in der Familie zu lösen gibt, dass sie kleine Arbeiten übernehmen oder dass sie ihren Willen mal nicht durchsetzen können. Gerade wenn es eine emotionale Spannungssituation in der Familie gibt, sind die Eltern als die reiferen gehalten, diese zu lösen. Ein Kind kann eine solche Spannungssituation nicht von sich aus lösen. Die Eltern müssen eine Form finden, in der das Kind zu einer Entspannung kommt und die Situation annehmen kann, in der man dann sagt: „Ich bin wieder gut mit dir.“ Die Versöhnung ist ganz wichtig. Wenn sie nicht schon im Laufe des Tages passiert, dann sollte sie auf jeden Fall abends vor dem Schlafen erfolgen, egal was geschehen ist. Das Ritual ist eine wunderbare Möglichkeit. Es ist nämlich gegenüber der Emotionalität objektiv, das heißt, es findet statt, egal was zwischendurch als Lernprozess für das Kind abgelaufen ist. Es gibt gerade dann eine ganz besondere Sicherheit, weil es die objektive Beziehung herstellt, die das Kind schon von vorher kannte, die nicht getrübt ist durch die momentanen emotionalen Schwierigkeiten.
Sie haben selbst drei Kinder. Welches Ritual ist Ihnen besonders wichtig?
Wir haben unsere Kinder immer mit einem Abendgebet ins Bett gebracht. Wir haben dann ein Lied gesungen, das Gebet gesprochen, haben auch gefragt, was an dem Tag schön, was wichtig war und das kurz besprochen. Und es war immer ganz deutlich, dass die Welt irgendwo heil war, wenn das ablief.
Literatur
Kaufmann-Huber: Kinder brauchen Rituale,
Verlag Herder 2001
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