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naturel>Leser>Archiv>Ausgabe 2006 Februar |
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Heimat - Gedanken eines „geteilten Lebens“
Autor:Adelheid Krinke (23.01.2006)
Es geht wieder zurück… Fordernd, vorwurfsvoll und voller Schmerz in der Stimme kann ich meine Mutter heute noch hören. In ihrem ostpreußischen Dialekt. Über das erlittene Unrecht der Vertreibung. Über den Verlust der Heimat. Aber das Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen sagt der Lehrer in der Schule, halte ich dagegen. Und weiß doch gar nicht, wohin zurück. Wo liegt dieses Ostpreußen. Es gibt nur die Volksrepublik Polen.
Schweigen. 40 lange Jahre. Derweil sich die Revanchisten im Westen treffen, die sogenannten Heimatvertriebenen. Propaganda machen gegen den Sozialismus. Diese Kriegstreiber.
Verbissen arbeiten sich die Umsiedler heraus aus ihren beengten Wohnverhältnissen, aus ihrer unverschuldeten Armut, wollen ihre Existenzberechtigung beweisen, wollen nicht länger die Dahergelaufenen sein, die Habenichtse. Der Sozialismus verordnet die Zwangsintegration. Für die Ortsansässigen bleiben wir die Fremden, von den Bauern und deren Kindern in der Schule gemieden. Und so saß Mutter ein Leben lang auf gepackten Koffern. Genau wie die Polen, die Stalin aus Russland vertrieben hatte und die nun in die noch warmen Betten der Deutschen mussten. Warten. 40 lange Jahre. Nach der Wende bin ich in den Westen, auf der Suche nach dem Rest der Familie. Zu jenen, die immer die Westpakete geschickt. Ich bin wieder Fremden begegnet, die nun mit uns verwandt sein sollen. Dann endlich die Reise mit Mutter in die Heimat. Einer Landschaft, in der die Zeit stehen geblieben schien. Und die Polen-Flüchtlinge hatten alles so behandelt, damit es schnell zerfällt, das Fremde, das Haus des Feindes und seinen Fried-Hof. Und die Gutshäuser der Ausbeuter sowieso. Was willst du dort. Warum machst du das. Fragen der Flüchtlingskinder, die es aus dem Gedächtnis streichen wollen. Ich bin unbequem. Ich bin hier geboren, in dem Evakuierungsort meiner Eltern. Ich bin Kind der Nachkriegsgeneration des Ostens, ein Kind des Sozialismus und Kind eines geteilten Landes. Ich bin gelebtes Leben. Das will angeschaut werden, das will angenommen sein, das will Versöhnung. Dann darf es Geschichte sein. Und so habe ich mich daran gemacht, die zu suchen, die dazugehören in Ost und West. Ich hab´den Stamm-Baum in die Erde gepflanzt, damit er wieder Wurzeln schlagen kann. Jenen zur Ehre und zum Gedenken, die vor mir gelebt haben, denn ohne sie würde es mich nicht geben. Unzufrieden und umtriebig war ich unterwegs auf der Suche nach meinem Zuhause – ich muß weg, hämmerte es in meiner Seele. Infiziert von diesem Fluchtgedanken wie der Tbc-Kranke vom Mycobakterium. Schwind-süchtig. Erst nach der Einnahme des homöopathischen Tuberkulinum war ich zuhause angekommen. Und so brauchen meine Klienten nicht viele Worte machen, wenn es um das Thema Heimat geht. Auch um die neue Zeit des Nomadentums oder der Kosmopoliten. Meine Mutter ist nun wieder zurück Vor zwei Jahren ist sie gestorben. Adelheid Krinke, Heilpraktikerin, Chemnitz Autor:Adelheid Krinke (23.01.2006) |
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