| Felix Wiesner: Der Schweizer Verleger und Dichter Felix M. Wiesner. |
Zu meiner Kollegin geneigt spricht er: „Und dieses Hinterteil...“ Der weißgelockte Herr führt uns in seinem Anzug und weißen Hemd an seinen Stand auf der Frankfurter Buchmesse und seufzt: „Ach wissen sie, die meisten Männer wissen euch göttlichen Geschöpfe doch gar nicht zu schätzen.“ Er bittet uns Platz zu nehmen, öffnet eine Dose und kichert: „Hier bitte, decken Sie sich ein mit Schweizer Schokolade.“ Der Herr mit diesem Charme, dieser Leidenschaft und diesem Stil ist der Schweizer Verleger Felix Maria Wiesner. 82 Jahre ist er alt, der Gründer, Schöpfer und Inhaber des Züricher Verlages „Die Waage“. In zwei Stunden führt er uns durch sein Leben, seine Leidenschaft, seine Liebe, sein Schaffen. Er rezitiert die großen Philosophen der Antike, gibt uns Kostproben lateinischer Textauszüge, übersetzt die griechischen Verse der antiken Dichterin Sappho, spricht fließend französisch und führt uns durch die gesamte fernöstliche Literatur. Seine Stimme bebt, wenn er die griechischen und lateinischen Verse vorträgt:
„Mein Gott, sind das nicht Wunderwerke der Schöpfung? – dieser Vers, dieser Klang, diese Melodie in diesem Rhythmus. Ich frage Sie, was kann es Größeres geben?“ Ein Buch nach dem anderen greift er aus seinen Regalen, in denen er Meisterwerke der Übersetzungen schuf. Verse und Geschichten von Liebe und Sinnlichkeit, Wissen und Erleuchtung vereinte er in seinen Werken, die er teils selbst schrieb, teils der japanischen, indischen und chinesischen Literatur entstammen. Und immer wieder stößt er in seinen Erzählungen und Erinnerungen auf die Liebe, die Sinnlichkeit, die Frauen – als die Krönung der Schöpfung. „Meine Damen, bitte sagen sie mir, welcher Mann hat es denn schon gelernt, eine Frau so zu berühren, das sie vollkommene Erfüllung findet? Und welcher Mann weiß schon, dass er erst in der Vereinigung mit der Frau Gott erleben kann? Aber auf das WIE kommt es an. Ein Kuss ist nicht gleich ein Kuss, die Berührung nicht gleich die Berührung. Wissen Sie, wie viele Qualen man durchleben muss, um dahin zu gelangen? Aber ich sage Ihnen eins, wenn man es erst einmal erleben durfte, wissen sie, was GOTT – was LIEBE ist.“ Er beugt sich vor Kichern auf seinem Stuhl, sein Erfahrungsschatz, sein ganzer Lebensreichtum liegt auf seinem Gesicht. Er strahlt uns an, beugt sich nach vorn und flüstert: „Haben sie denn wenigstens die Liebe für sich schon entdeckt?“ Wir flüstern geheimnisvoll zurück: „Wir arbeiten sehr daran.“
Zum Abschied hält er einen Briefumschlag bereit mit über 100 Gedichten, auf der Schreibmaschine getippt, handschriftlich verbessert – ein Rückblick auf sein Leben, wie mir beim Lesen zu Hause auffällt. Seine Qualen, seine Sehnsüchte, sein Verlangen, seine Erfüllungen – alles hat er festgehalten und in Worte gekleidet, wie sie nur jemand finden kann, der aus der Tiefe seines Herzens schöpft. In der Hälfte der Gedichte fällt mir auf, dass sie sein ganzes Leben an mir vorbeiziehen lassen. Sein Bitten, sein Flehen, seine Dankbarkeit, sein Verlust und wieder Hoffen, Ersehnen, um wieder Erquickung und Lebendigkeit zu finden, und wieder Verlassen und Einsamkeit, Zweifeln, Verzweifeln und doch den ganzen Reichtum dieser Welt zu bewahren.
So fange ich an, die Gedichte zu ordnen, versuche sie in den Zeitstrahl seines Lebens einzubauen. Einige sind mit Jahreszahlen versehen, viele aber nicht.
Das erste Gedicht ist von 1939, da war er 19 Jahre alt: „... Das Kindlein am Arme des Vaters, es lacht, es winkt, gerührt muss ich’s sehn. ....Was fühl ich dabei? Was hör ich in mir? Ganz warm steigts im Herzen herauf. Und doch, wie fern liegt das alles von mir! Wie einsam schau ich darauf!...“ Die Verse der folgenden 60 Jahre sind voller Sehnsucht, Leidenschaft, Schmerzen und höchster Erfüllung. Sie berichten von der gefundenen Liebe, seiner Hochzeit, dem Erkalten eines Herzens in der Ehe, anderen Frauen und dem Verzeihen kurz vor dem Tod. Umgab ihn eine Sehnsucht nach Wärme, Geborgenheit und Liebe sein ganzes Leben lang? Konnte er seine Sehnsucht stillen? „Nur der Schmerz kann uns das Wunderbare erfahren lassen“, würde Felix Wiesner antworten. Er entwickelte seine Lebensphilosophie – die Liebe kann nie nur an einem Ort gefunden werden. Er musste seine Leidenschaft, seine Sehnsucht, sein Verlangen an verschiedenen Orten stillen und wurde reich beschenkt. Und doch scheint er noch heute diese unerfüllte Sehnsucht mit sich zu tragen, ebenso wie den „Faust“ in seiner Tasche, der auch, wie er, nach Erfüllung fleht. Blatt für Blatt ordne ich sein Leben vor mir hin, vielleicht das eine oder andere auch falsch einsortiert. Wie tief müssen seine Einsichten sein? Was ist noch offen, unerfüllt? Wie reich muss dieser Mensch sein, was kann er weitergeben? Und so kommt mir die Idee für die Lesung wieder in den Kopf – eine Lesung, die mit seinen Gedichten die ganze Fülle seines Lebens und seiner Leidenschaft beschreibt, und auch das Flehen nach reiner erfüllter Liebe. Wenn ich ihn bei unserem Besuch in Basel treffe, werde ich ihn bitten, mit uns gemeinsam die Gedichte zu ordnen und eine Lesung für Dresden vorzubereiten. Vielleicht haben wir dann Gelegenheit, im kommenden Frühjahr an seinem Lebensschatz teilzuhaben.
Ich muss mich in der Anbetung der Frau üben,
bis mir die Essenz aller Erkenntnisse klar wird.
Mondenlange Sehnsucht
Durchglühte mich nach Dir
Stilledurstige Weltflucht
Entzog das Leben mir
Einsamkeitsumgeben
Lebte ich still für mich
Ruhe sollte mich heben
Bis ich reif war für Dich
Da ist nun die Stunde
Wo ich vor Dir darf stehn
Wo einem hehren Bunde
Wir entgegengehn.
Erfüllt ist all mein Sehnen
hell strahlt mir Dein Blick
Verheißet Glücks Geleite
unserem Geschick
In leichtem Kuss berühren
unsre Lippen sich –
Bist nun Geliebte, Schwester,
Leben, All für mich.
1941
Liebesbitte
Ich bitte auf den Knien meines Herzens,
Geliebte, Dich, lass mich nicht einsam lieben!
Du bist so Kind noch, ahnest nicht, wie schwer
Ein launiges Entfremden kann betrüben.
Du schenktest Stunden mir der reinen Liebe,
Die keines Zweifels Schatten mir beließ,
Gabst so Dich hin dem seligsten Gefühle.
Und tatest doch, was einsam mich verstieß.
O glaube meines Herzens Wort! Nichts schmerzt
So sehr, als in der Liebe lieblos sein.
Du bist noch ein Kind! O suche zart den Klang,
Der nicht verletzt und lass mich nicht allein.
Das schwerste Werk ist das gemeinsam Lieben.
Es lässt des Künstlers Sinnen selten ruhn.
Allein wie willst Du liebend glücklich bleibend,
Und innig ruhlos nicht das Letzte tun?
30. Okt. 1945
Erfüllung
Kaum gefunden, schon verloren.
Durftest nicht Gefährtin sein.
Kaum zum Lieben neu geboren,
Find´ ich wieder mich allein.
O des Sehnens ohne Ende
Lebenslang nach einem Du,
darin ich Erfüllung fände,
Sprache, Geist und Form und Ruh.
Schwerer wird von Jahr zu Jahr,
Trotz Enttäuschung noch zu hoffen
Bleib, mein Herz, unwandelbar
Selbstlos reiner Liebe offen.
1985
Felix M. Wiesner wurde 1920 in Wien geboren. Seine Mutter kam aus einer Offiziersfamilie niederen Adels. Sein Vater entstammte einer begüterten Großbürgerfamilie aus Südösterreich. Sein Urgroßvater war Ferdo Livadia, ein bedeutender Musiker, der neben Opern und Konzerten auch die kroatische Nationalhymne komponierte und bis heute noch geehrt ist. Wiesners Großvater beschloss, aus reiner Liebe zum Ferienland Schweiz sich in Zürich einzukaufen. Sein ältester Sohn Edgar, der Vater von Felix, wagte es 1926 den Miseren von Inflation und Krise in Rest-Österreich zu entfliehen und in Zürich eine neue Existenz aufzubauen. 1930 ließ er seine Familie, Frau und zwei Kinder, nachkommen. Felix Wiesner war zehn Jahre alt, als er seiner bis dahin unbekannten Heimat begegnete. Er besuchte weitere Jahre die Volksschule, das Literargymnasium und die Universität, wo er zehn Jahre lang zuerst Chemie, dann Germanistik, vergleichende Literaturwissenschaft, russische Sprache, indische Philosophie und Religionsgeschichte studierte. 1947 trat er als Lektor beim Manesse Verlag ein.
Ab 1950 begann er für die Verlage Arche, Diogenes, Walter, Bucher, Scherz, Ringier u.a. und für seine „Waage“ den Schweizer Buchhandel als Vertreter zu bereisen. Mit den dabei verdienten Provisionen finanziert er bis heute seinen Verlag und sichert sich so seine Unabhängigkeit, sein Niveau und seine Perfektion.
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