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Naturel-Online.de, Bildschirmfoto vom Oktober 2004
Gut fürs Bein und mehr: Beinwell – Renaissance einer Heilpflanze
Autor:Christine Schramm, Christiane Thomas (26.01.2004)

Kaum eine Heilpflanze beschreibt schon mit ihrem deutschen Namen so gut ihre Wirkung. Allerdings hat die Silbe „-well“ vermutlich nichts mit dem englischen Wort für „gut“ zu tun, sondern kommt eher von dem alten Beinwellnamen „Wallwurz“. Doch auch dieser gibt Aufschluss über die Heilkraft der Pflanze, denn „wallen“ bedeutet soviel wie „zusammenwachsen“. Das Wort „zusammenfügen“ heißt auf lateinisch „consolidare“ und so nannte die heilige Hildegard den Beinwell „Consolida“. Das kleine Namensspielchen lässt sich fortsetzen, all diesen Bezeichnungen ist eines gemein: Sie verweisen auf die heilenden Eigenschaften dieser Pflanze bei Verletzungen von Knochen, Bändern und Sehnen und bei offenen Wunden.

An feuchten Fluss- und Bachufern, in Sümpfen oder auf feuchten Wiesen sind sie zu finden: die üppigen, bis zu einem Meter hohen Beinwellpflanzen. Mit dem dicken, fleischigen Stängel verwachsen sind große, lanzettförmige Blätter. Die spitzen, rauhen Haare an Stängel und Blätter verweisen auf die Pflanzenfamilie der Rauhblattgewächse, zu der beispielsweise auch der Borretsch gehört. Im Gegensatz zu den groben Blättern zieren den Beinwell von Mai bis August kleine glockenförmige Blüten.
Die hübschen Kelche blühen in weißlich-gelben oder violetten Tönen, weshalb man die violettblühenden Pflanzen früher „Beinwellmännlein“, die weißblühenden Pflanzen „Beinwellweiblein“ nannte. Lebenskraft und Stärke gewinnt der Beinwell aus seiner mächtigen, krakenförmigen Wurzel, die bis zu 10 kg schwer werden kann. Sie sorgen auch für die Vermehrung der Pflanze, denn schon aus kleinsten Wurzelstücken können neue Pflanzen entstehen.
Die äußerlich schwarze Wurzel ist voll von einem weißen, zähen Schleim, wird sie im Boden verletzt oder angeschnitten, wächst sie innerhalb kurzer Zeit wieder zusammen – auch das ein Hinweis auf die zusammenfügende Kraft des Beinwell. Für die Verwendung des Beinwells als Heilpflanze erntet man Wurzel und Blätter.

Der Wurzelstock wird ab September, wenn sich die Kräfte der Pflanze in den unter der Erde liegenden Pflanzenteil zurückziehen, ausgegraben und zu Salben oder Umschlägen weiterverarbeitet.

In unseren Breiten unterscheidet man zwei große Arten des Beinwell:
Symphytum officinale, der einheimische, altbewährte Beinwell ist eine geschätzte Heilpflanze, worauf auch sein Beiname „officinalis“ hinweist. Er bedeutet, dass diese Pflanze schon in früheren Zeiten im Officin, dem Werkraum der alten Apotheken, verarbeitet und im amtlichen Arzneiverzeichnis aufgeführt wurde.
Symphytum peregrinum, der „Beinwell, der aus der Fremde kommt“, so die Übersetzung, ist eine Kreuzung aus dem heimischen Beinwell und einer Beinwellart aus dem Kaukasus. Er wurde Ende des 18. Jh. von einem englischen Gärtner, der im Dienste Katharina II stand, von Petersburg nach England gebracht, von wo aus er über Kanada auch in die USA, nach Neuseeland und Australien gelangte. Deshalb wird er auch „kanadischer Beinwell“ genannt, bekannter ist er jedoch unter dem alten englischen Namen „Comfrey“. Die Pflanze wird größer als der anfangs beschrieben einheimische Beinwell und ist weniger borstig. Diese Tatsache zusammen mit seinen wertvollen Inhaltsstoffen, große Mengen an Eiweiß, Vitaminen und Mineralien, machen sie zu einer ergiebigen Futterpflanze. Die Nonnen der Abtei Fulda haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Pflanze in Deutschland wieder bekannter zu machen.


Altes Wissen neu entdeckt

Die ältesten Aufzeichnungen über den Beinwell stammen wohl aus dem 1. Jahrhundert n.Chr.. Der in dieser Reihe schon oft zitierte Militärarzt Dioskurides erwähnte auch den Beinwell in seiner Schrift „De Materia Medica Libri“ und lobte seine Heilkraft bei Wunden, Knochenbrüchen und Verletzungen. Auch Hildegard von Bingen schätzte die Pflanze, doch dann geriet der Beinwell bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in unserem Kulturkreis in Vergessenheit. Umso begehrter ist er in der Vergangenheit und bis heute auf dem amerikanischen Kontinent. Indianerheiler hatten die Kultivierung des Beinwells durch Missionare beobachtet und die von den Europäern geschilderte Heilkraft selbst ausprobiert. In der Folgezeit bedienten sie sich der üppig wild wachsenden Pflanzen oder besorgten sie sich über einen regelmäßig stattfindenden Heilkräuter-Tauschhandel. Die indianischen Heiler ernten den Beinwell nicht nur zu bestimmten Tagen, sondern legen großen Wert auf die genaue Stunde, denn, so behaupten sie, davon hänge die Konzentration der Wirkstoffe in der Pflanze ab. Untersuchungen in der jüngsten Vergangenheit geben ihnen recht, doch ist bis heute unklar, welche Faktoren und Witterungsbedingungen den Wirkstoffgehalt beeinflussen.

Die Indianer verwenden einen Beinwell-Wurzelbrei aus frischen oder getrockneten Wurzeln zur Wundheilung bei äußeren Verletzungen und Knochenbrüchen, Verbrennungen oder Erfrierungen.
Sie legen den erwärmten Wurzelbrei auf Verrenkungen, Verstauchungen, Blutergüsse und Schwellungen, behandeln Rheumatismus und Gicht damit. Heute erlebt der Beinwell auch in Europa wieder eine Renaissance und wird besonders erfolgreich bei Hautproblemen eingesetzt. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen bestätigten das Wissen der alten Heilkundigen und brachten die Wirkstoffe der Pflanze ans Tageslicht.

Fliegenmaden und Beinwell

Auch wenn man es nicht vermutet, beide haben etwas gemeinsam: Sie beinhalten in größeren Mengen Allantoin, einen Wirkstoff, der besonders bei Wunden mit Gewebsverlust helfen kann.
Es reinigt die Wunde, indem es zerstörtes Gewebe beseitigt, und regt den Wundverschluss an. Indianische Heiler benutzen daher Fliegenmaden für die Heilung von Wunden – eine Heilmethode, die sich in unserer Kultur nicht durchsetzen konnte.
Daher besann man sich auf den Beinwell, der eine ähnlich Heilwirkung hat. Allantoin beschleunigt außerdem die Heilung von Knochenbrüchen, weil es die Bildung des Kallus, des Ersatzknochens zur Überbrückung des Knochenspaltes, unterstützt.

Bergkristall und Beinwell

Was dem Bergkristall die Form gibt, charakterisiert auch den Beinwell: Kieselsäure sorgt an Blättern und Stängel für unzählige scharfe Stacheln.

Als Wirkstoff unterstützt sie das Wachstum von Haar, Nägeln und Haut, stärkt aber auch Bänder und Sehnen und lässt Schwellungen und Blutergüsse rascher auflösen.

Tragen Sie eine Beinwellsalbe auf bei Wunden, Narbenschmerzen, Phantomschmerzen, Nagelbettentzündungen, Fußpilz, Fersenriss, Sehnenscheidenentzündung oder auch bei Sportverletzungen. Massieren Sie die schmerzenden Bereiche abends vor dem Schlafengehen sanft mit der Salbe ein und lassen Sie sie über Nacht abgedeckt einziehen. Anwendung evtl. tagsüber wiederholen.


Das Zusammenspiel muss stimmen. Oft schon hat man versucht, die Einzelwirkstoffe von Naturheilpflanzen künstlich herzustellen und immer wieder feststellen müssen, dass Ihre Wirksamkeit nicht die der Heilpflanze erreicht. Erst die Kombination vieler heilender Stoffe macht hier den Erfolg aus. Im Beinwell sind es neben Allantoin und Kieselsäure weitere Wirkstoffe, wie Cholin, Consilicin, Mineral- und Gerbstoffe.

Umschläge aus Beinwellpulver oder frisch zerstampfter Wurzel.
Bei Gelenkbeschwerden, Blutergüssen, Gicht, Arthrose und Venenentzündungen helfen Umschläge mit Beinwell besonders gut. Dafür lösen Sie das getrocknete Wurzelpulver in heißem Wasser, bis ein schleimiger Brei entsteht. Haben Sie eine frische Wurzel, so wird diese gereinigt, zerstoßen und der Brei auf ein Tuch gelegt.
Legen Sie die Masse auf die betreffende Körperstelle und lassen Sie den Umschlag über Nacht einwirken.


„Nur die Dosis allein macht das Gift.“
Dieser Ausspruch von Paracelsus trifft auch auf den Beinwell zu, denn er enthält in geringen Dosen ein Alkaloid, das in Tierversuchen bei hohen und isolierten Gaben Leberschäden und Tumore verursachte.
Pyrrolizidin Alkaloide liegen im Beinwell mit einer Konzentration von 0,02-0,07% weit unterhalb der Schwelle, die für den Menschen gefährlich werden kann. Seit Jahrhunderten wird die Heilpflanze auch innerlich erfolgreich angewendet. Um aber alle Zweifel auszuschließen, sollte auf die innere Anwendung des Beinwells verzichtet werden, äußerlich bestehen keinerlei Bedenken.

Cholin: erweitert die Blutgefäße und verstärkt so die Durchblutung bei gleichzeitiger Vermehrung der roten Blutkörperchen
Consilicin: wirkt schmerzstillend
Lebensnotwendige Mineralien, wie Calcium, Phosphor, Eisen, Mangan, Kobalt
Gerbstoffe: desinfizierend, blutstillend, zusammenziehend
Außerdem: Saponine, Proteine, Panthotensäure, essentielle Fettsäuren, Schleimstoffe


Wenn im Frühjahr die Natur zu neuem Leben erwacht, schauen Sie sich an feuchten Standorten einmal um, Sie werden sicherlich die kräftigen Beinwellpflanzen finden können. Oder Sie fragen in Naturläden oder Apotheken nach fertigen Zubereitungen mit Beinwell.

Literatur
Susanne Fischer-Rizzi: Medizin der Erde, Wilhelm Heyne Verlag München

Die Chemikerin Christine Schramm beschäftigt sich seit über 10 Jahren intensiv mit Heilpflanzen. Von ganz besonderem Interesse war für sie dabei immer schon der Beinwell. Nach einer Ausbildung am Institut für Pflanzenheilkunde und einem intensiven Studium der Literatur über den Beinwell und der fast verschütt gegangenen Rezepturen gründete sie die Firma Biowell, die natürliche chemiefreie Heilkräuterkosmetik aus Beinwell herstellt und vertreibt. Weitere Informationen: http://www.biowell-naturshop.de


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Autor:Christine Schramm, Christiane Thomas (26.01.2004)

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