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Naturel-Online.de, Bildschirmfoto vom Oktober 2004
Fortsetzung „Prozeßorientierte Homöopathie“ Teil 2
Autor:Marion Rausch (20.03.2006)

Interview mit HP Andreas Krüger, von Marion Rausch

Ähnlich, wie im letzten Heft von Adelheid Krinke beschrieben (Heimat-Gedanken) begegnen mir immer öfter Menschen, die sich rast- und ruhelos fühlen, rebellisch auftreten obwohl sie das gar nicht wollen oder sich weder mit sich noch an dem Ort, an dem sie sich befinden, identifizieren können. Verlierer- oder Verlorenheitsgefühle lassen das Leben in der Gegegenwart nicht genießen. Wirkungen aus der Vergangenheit können nur dann „neutralisiert“ werden, wenn die schockierenden Erlebnisse unserer Vorväter und -Mütter erlöst sind. Film und Literatur bieten inzwischen mutige Aufarbeitungsmöglichkeiten. Auch therapeutisch kommt jetzt so einiges in Gang: Familienstellen und Prozeßorientierte Homöopathie.

Die Arzneimitteltrance - das ERINNERN

Frage: Du benützt zur Vermittlung des Wesens eines homöopathischen Arzneimittels bei deinen Schülern sehr häufig die Trance. Welche besondere Wirkung erreichst du damit?

Ich weiß nicht, ob es C.G.Jung war oder ein anderer unserer großen „Alten“, der einmal sagte : Das Tagesbewußtsein,das wir haben, auf das wir so stolz sind und das wir in irgendwelchen IQ’s messenund das diese Welt ja auch im Wesentlichen regiert, wäre nichts als eine verschwindend kleine Insel im riesigen Ozean unseres archaisch tiefen, urhaften Unterbewußtseins. Seit ewigen Zeiten haben Priester, Heiler und Schamanen die Trance benutzt, um zu diesem Ozean unseres Unterbewußtseins Kontakt aufzunehmen. Sie haben viele tausend Jahre aus diesem Kontakt heraus ihr Leben gestaltet, das Leben ihrer Völker und das Leben dieses Planeten. Und sie haben dadurch geheilt! Und ich behaupte mal : gar nicht schlecht! Ich habe dieses Medium nicht erlernt, wenn man das überhaupt kann, es ist mir passiert. Und ich hatte das unglaubliche Glück, einen Lehrer zu haben, Rabbi Zalman Schachter, der mir nach Tranceerfahrungen, die ich mit ihm machte, so etwas wie einen Auftrag gab : „Jüngelchen“, sagte er, „nehm dieses Medium in deine Arbeit hinein.“

Käthe Kollwitz sagte einmal, daß eine Gabe immer auch eine Aufgabe sei. Und ich habe diese Aufgabe ergriffen, ja sie ergreifen müssen. Ich trance sehr oft auch nicht willentlich, sondern ich falle einfach in Trance, sie ergreift mich. In der Gruppentrance mit meinen Schülern an der Schule und allen anderen, die meine Seminare besuchen und dieses Erlebnis mit mir teilen wollen, kann ich auf diese Weise das Bild einer homöopathischen Arznei erlebbar machen, erlebbarer als mit der reinen Symptomenlehre.

Homöopathische Mittel sind Erinnerer und sie sind Fütterer. Zum Beispiel Medhorrinum. Dieses Mittel erinnert uns an unseren inneren Alexis Sorbas. Wer mit diesem Mittel zu tun hat, wen es berührt, und wer in diesem Mittel heil ist, der kommt z.B. in eine griechische Taverne und tanzt und säuft. Wer nicht heil ist, der kommt in seiner Trance vielleicht in eine Situation, in der er als Kind in seinem Zimmer sitzt und die Mutter steht über ihm und sagt : „Du wirst nicht wie dein Vater, der ständig um die Häuser zieht und sich besäuft.“ Und wenn der kranke Medhorriniker die Arznei kriegt, hat er die Stärke, zu sagen : „Aber es ist mein Vater und ich liebe ihn!“ Und er wird sich frei und stark fühlen und seine Lebensenergie wird kräftig sein.

In der Arzneimitteltrance werden Zugänge zum Wesen des Mittels geschaffen, wie sie auch bei den Verreibungen erlebt werden. Wir rufen das Arzneiwesen herbei, öffnen unsere Wahrnehmungsorgane für das herbeigerufene Arzneiwesen und lassen es durch uns sprechen. Trance ist ein durchaus didaktischer Zugang zum tieferen Verständnis der Arznei. Trance heißt nichts anderes als : den Schalter umlegen und den ganzen Ozean des Unterbewußtseins sehen, nicht mehr nur wie mit den äußeren Augen die kleine Insel des Tagesbewußtseins.

Frage : Worin siehst du nach den vielen Jahren als Therapeut und Lehrer deinen eigenen Prozeß, deinen eigenen Weg?

Hierauf eine Antwort zu geben fällt mir schwer, es ist ja nicht so, daß ich mit meinem Prozeß schon zu Ende wäre. Die Antwort kann immer nur eine Momentaufnahme sein oder, um mit Karlfried Graf Dürckheim zu sprechen : Der Weg ist das Ziel, nicht die Herberge.

Ich habe versucht, auf diese Frage, weil sie mir auch von vielen anderen gestellt wurde, eine Antwort zu finden und heraus kam eine kleine Schrift, die heißt „Weg und Wandlung“, und da hatte ich ein Motto, das heißt „Aude somnare - wage zu träumen“. Dieser Weg der Traum- und Trancearbeit wird für mich immer wichtiger.

Aber derzeit sehe ich mich selbst hauptsächlich als Erinnerer. Das „Gnothi seauton - erkenne dich selbst“ heißt letztendlich nicht mehr und nicht weniger als „Erinnere dich!“ Und diese Worte existieren und haben Bedeutung seit mehreren tausend Jahren als Mahninschrift über den Orakeltempeln und den Stätten der Heiler.

Ich möchte, daß wir uns erinnern, daß wir uns erinnern an das Wunder dieses Planeten, an das Wunder unserer Existenz und an das Wunder dieser Schöpfung. Ich möchte, daß wir ein bißchen werden wie Kinder. Einer meiner Lehrer sagte : Es gibt drei zentrale Störgefühle: das sind Undank,Ungeduld und Gier. Planetarisch ausgebreitet: der westliche Wohlstandsmensch wird geprägt von diesen drei Störgefühlen. Die drei heilsamsten Gefühle sind : die Dankbarkeit, die Achtsamkeit und -das finde ich fast am Schönsten - das Staunen. Ich möchte die Menschen erinnern - und das kann ich nur, wenn ich den Menschen in seiner kindlichen Seele erreiche, damit er sich wieder wundern kann, damit er wieder dankbar sein kann, damit er wieder achtsam ist.

Das heißt nicht, daß er dann unkritisch werden soll. Es gibt selten kritischere Wesen als unsere Kinder. In den Märchen sind es meistens die Kinder, die die Aufschneider enttarnen. Aber es ist das Kindliche in uns, das pflegt, das liebevoll und voll Staunen der Welt entgegen tritt.

Frage: In seinem Buch „Ordnungen der Liebe sagt Bert Hellinger: „Wer nicht bereit ist, sich mit einem persönlichen Risiko als Gegenüber zu stellen, der hemmt das Intime“. Ich eröffne unser diesmaliges Gespräch intim, allein, weil ich Dich nicht mehr so ohne weiteres zum Systemischen Arbeiten befragen kann, Andreas, weil ich selber bereit war, bereit bin, durch persönliche Not, ins Intime zu steigen. Ich habe mich gestellt. Ich bat Dich und die Supervisionsgruppe unserer Schule um Hilfe. Du hast mich aufgestellt. Ich möchte diese Aufstellen. nun mit Dir noch einmal beschauen, um alles weitere darauf aufzubauen, ja?

Also ich erzählt Dir von meinen abermaligen heftigen Bauchkrämpfen, und dann auch von einer Vision, die ich unter solch einem Bauchkrampf hatte: nämlich, dass eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen hochschwangeren Bauch tippt, bedrohlich, und er Bauch sagt: ich will das nicht. Dass mein Bauch irgend etwas mit meiner Mutter zu tun haben muss, ahnte ich, aber was? Ich suchte, noch bevor Du mich aufstelltest, in meiner Erinnerung nach dem Schicksalen in meiner mütterlichen Linie, wo es viel Tod, Verstrickung und auch Schuld und Schuldübernahme gibt. Und dachte, oh je, das kann ja heiter werden, wenn ich da aufstellen lasse. Du aber machtest dann in der Aufstellung was ganz anders.

KRÜGER: Also, wenn es etwas gibt, was ich in den Jahren der Arbeit mit systemischen Feldern gelernt und erfahren habe, ist es, dass die Wahrheit im Feld liegt. Oft weit über unsere individuelle Vorstellung hinaus. Und wenn ich mich einem Patienten stelle, versuche ich mich –im besten Sinne des Wortes- mich leer zu machen von eigenen Vorstellungen. Die eigene Vorstellung hemmt jede systemische Arbeit. Man kann Aufstellungen nicht LEITEN, denn wer leitet, ist im KLEINEN ICH. Und das KLEINE ICH findet keine Lösung. Lösungen findet das GROSSE ICH. Und das große Ich ist ÜBERPERSONAL. Das heißt, wenn Du kommst und mir Deine Geschichte erzählst, versuche ich alle meine Vorstellungen von Dir, Deiner Geschichte, und vielleicht die dieser Geschichte zugrunde liegenden Äthiologie zu vergessen und versuche mich leer zu machen in dieser Mitte, um das, was an Deiner Geschichte wahr ist, in dieser Mitte zu spüren. Nicht ich spüre das, sondern diese Mitte spürt es. Und als Du mir diesen Traum erzähltest, diese Vision erzähltest, wo Du oder irgend etwas auf einen Bauch deutet und sagt: das will ich nicht, hat mich getroffen
das Wort und die Wahrheit
das will ich nicht. ICH WILL NICHT DIESEN BAUCH. Und Bauch ist für mich ja erst mal Inbegriff des Mütterlichen. Also wenn jemand mir sagt: ich will meinen Bauch nicht und ganz im Hintergrund weiß ich vielleicht, dass jemand, der das sagt, einem schlimmen Bauch hat, einen Bauch, der ihm weh tut, einen Bauch, der Beschwerden macht, einen Bauch, der sich verkrampft, ein Bauch, der eben nicht leer und frei ist, und ich dann noch weiß, ganz im Hintergrund, diesem Menschen hat man in seinem Bauch Schlimmes getan, man hat ihn operiert. Man hat ihm, gerade, wenn dieser Mensch Frau ist, mit seiner Gebärmutter das Zentralste herausgenommen, den URRAUM, dann sehe ich, dass es hier um ein Defizit geht an UR. Und von Dir habe ich gelernt, dass die Silbe UR immer die MUTTER ist. Und dann frage ich mich, wie kann ein solches Defizit entstanden sein? Ich höre UR. Ich höre MUTTER. Ich höre: es darf nicht sein. Und ganz entfernt weiß ich, eine GEBÄRMUTTER DURFTE NICHT sein. Darum ist sie krank geworden, darum musste die Gebärmutter entfernt werden und so weiter. Und darum leidet diese Person, in dem Fall Du selber unter den Folgen eines MUTTERVERBOTES. Du hast dieses Zentrum geopfert. Du hast Deine Mütterlichkeit geopfert. Nach dieser Operation: Du kannst, das ist klar, nie mehr Mutter werden. Und ich frage, warum hat diese Frau das geopfert? Und ich gehe in diese Aufstellung allein mit dem Bild: MUTTER. Eine wie auch immer gestörte Bewegung zur Mutter, zum URGRUND hin. Und ich weiß, dass wir diese Hinbewegung zur Mutter nicht aus Jux und Tollerei tun. Es gibt keine Tochter, die ihre Mutter nicht nehmen kann aus sich selbst heraus. Weil die Mutter nehmen, sich zum Urgrund hinbewegen so was ist wie moralfreie archetypische Bewegung. Das hat was zu tun mit dem Fließen eines Stromes. Und das Fließen eines Stromes ist nicht gut oder schlecht. Er will fließen. Also wenn Du als Kind und Tochter Deiner Mutter Deine Mutter nehmen willst, nimmst Du sie, oder etwas stimmt in der Steckdose der Mutter nicht. Das heißt, wenn eine Frau ein Mutterproblem hat, dann kann es akut an der Mutter selbst liegen, aber es muss in der Linie der Mutter eine Störung bestehen. Und darum war das erste, was ich bei Dir bedachte, zu gucken, wie ist denn die Hinbewegung Deiner Mutter zu ihrer Mutter. Und da sahen wir ja auch gleich die starke Störung der Hinbewegung Deiner Mutter zu ihrer Mutter. Und wir sahen, das im akuten Gegenwartssystem, also zwischen Dir und deiner Mutter nichts ging, bis zu dem Moment, von PLATIN unterstützt, wo Deine Mutter endlich ihre Mutter nehmen konnte. In dem Moment, wo Deine Mutter also ihre Mutter nehmen konnte, konntest auch Du deine Mutter nehmen und Deine Gebärmutter, die wie als Symbol der nicht genommenen Mutter geopfert worden war, konnte dann wieder zu Dir kommen. In dem Moment gings auch Deiner Gebärmutter besser, die ja von Dir völlig isoliert von Dir aufgestellt worden war. Auch dem Wunder ging es besser. Und das gelöste Bild zeigt auch, jetzt ist diese Gebärmutter- zumindest geistig- wieder bei Dir. Und nachdem Du dann Deine Gebärmutter, Deine Mutter, sie ihre Mutter, ihr also Eure Urgründe wieder genommen habt, war es dann auch möglich, mittels des mütterlichsten Mittels in der Homöopathie, der URMUTTER PULSATILLA, zu sehen, und dann auf den Weg zu gehen zum Wunder: das wohl so was wie ruhiges Glück hieß. Das ruhige Glück konnte genommen werden, nachdem alles im Bereich von Mutter endlich genommen war.


Frage: Das verblüffendste für mich waren zwei Dinge. Erstens, dass ich meine Gebärmutter ganz dicht an meine Mutter gestellt hatte, und das andere: das mich völlig irritiert hatte: meine Mutter selber hatte es schwer, mich anzunehmen

Krüger: Ja, keine Frage, was nicht genommen wurde, kann nicht weitergegeben werden. Eine Steckdose, die keinen Strom hat, weil ihr Stromzubringer unterbrochen ist, kann keinen Strom an die Tochter weiterleiten. D.h, es musste dieser unterbrochene mütterliche Stromfluss erst mal geheilt werden, so dass Du Dich an den Stromfluss Deiner Mutter anschließen konntest, und nicht mehr ihr Dein mütterliches de facto opfern musstest, um sie in ihrem defizitären Muttersein zu unterstützen. Und das ist der Irrtum der Seele, dass die manchmal aus LIEBE denkt: ich opfere lieber was, ich gehe ins Leid, gehe in die Krankheit und damit tue ich meiner Mutter was GUTES. Das funktioniert schlichtweg nicht. Die Felder wollen unsere Opfer nicht, sie wollen unser Glück, unsere Ganzheit, sie wollen, dass wir sie nehmen. Aber wenn’s eine Störung gibt, dann fließt nichts, was wir dann nehmen können. Also das war für mich die Lösung dieses Bildes, und damit die Lösung dieses Feldes, aber eben nicht weil ich die Vorstellung hatte, so muss es sein. Das ist ja das Schöne am System: das kleine Ich hat Vorstellungen, das kleine Ich hat Lösungsideen. Aber die wirkliche Lösung ist allein im Feld zu finden, im großen Ich, und nur in dem Moment, wo sich der Therapeut von diesem kleinen Ich leer denkt und in seiner Mitte zum Gefäß wird, damit die Lösung des großen Ichs hineinfließen kann. Und die Lösung des großen Ichs war: Mutter nehmen, Mutter nehmen, Mutter nehmen. Und in dem Moment auch wider meine Gebärmutter nehmen.

Frage: Es war für mich so überraschend zu SEHEN, das ich meiner Mutter meine Gebärmutter gegeben habe: so als ein hilfloses Angebot: Mutter, nimm mich doch!

KRÜGER: Wenn Du schon nicht deine Mutter genommen hast, Mutti, dann nimm wenigstens meine GEBÄR- MUTTER. Ich opfere mich und meine Mütterlichkeit, um Dein Defizit an Mütterlichkeit zu kompensieren. Das war die Botschaft des Feldes.

Frage: Andreas, es nährt sich langsam ...

Krüger: Wenn die Mutter an genommen ist, kann Nährung eintreten.

Autor:Marion Rausch (20.03.2006)

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