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naturel>Leser>Themen>Carmen Rohrbach naturel>Leser>Archiv>Ausgabe 05/04 |
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El Camino - Wandern auf dem Jakobsweg
Autor:Carmen Rohbach (27.04.2004)
Wind. Sonne. Einsamkeit. Weit dehnt sich die kastilianische Hochebene, die Mesata, bis zum Horizont. Selten ein Baum. Karge Wiesen und brachliegende Felder, auf denen Mohn und Ackersenf gedeihen. Vor allem aber Steine und nochmals Steine, als läge hier das Skelett der Erde bloß.Vom Rhythmus meiner Schritte getragen, verschmelze ich mit der Landschaft. Meine Sinne öffnen sich, nach innen wie nach außen. Ich denke kaum noch an das ferne Ziel – der Weg selbst ist zum Ziel geworden.Aus der flimmernden Mittagsglut taucht die Gestalt eines Mannes auf. Schwer stützt er sich auf einen Stock, trägt einen Hut mit breiter Krempe und hat einen dunklen Umhang übergeworfen. Wie das Monument eines mittelalterlichen Pilgers steht er reglos da. Als ich näher heran bin, erkenne ich, dass er eine Schafherde bewacht.„Suerte por el camino, peregrina!“ ruft er mir zu und bittet: „Bete für mich in Santiago.“
Millionen Pilger im Mittelalter
„Santiago“ – das war jahrhundertelang der Ruf der Pilger im Mittelalter, ihre Sehnsucht, ihr Ziel. Santiago – Sant Jago, wie der Heilige Jakob in Spanien heißt – seine Gebeine sollen im westlichsten Gebiet Spaniens, in Galicien, im Jahr 812 gefunden worden sein und werden dort in der Kathedrale von Santiago de Compostela noch heute verehrt. Niemand weiß, wie viele Menschen in den vergangenen Jahrhunderten auf dem Jakobsweg pilgerten. Millionen sicherlich. Sie kamen aus ganz Europa von Irland bis Russland, von Schweden bis Portugal, sie kamen aus allen Richtungen. Am Ende des langen Weges lag der Gnadenort. Kranke erhofften sich Heilung, Sünder rechneten mit Ablass, Gläubige verspra- chen sich Reinigung und Seelenheil. Fast war der alte Weg vergessen, da beginnt seit einigen Jahren plötzlich eine Wiederbelebung. Wie in diesem heiligem Jahr, wenn der Tag des Jakob, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, ziehen tausende neuzeitlicher Pilger in ihren Bann. Was kann uns heute dieser jahrhundertealte Pilgerpfad noch bedeuten? Darauf mag es viele Antworten geben. Eine davon, meine persönliche, will ich versuchen, hier zu vermitteln. Der Beginn in den Pyrenäen Dichte Laubbäume bilden ein grünes Gewölbe. Der Pfad ist steil und ermüdend. Die erste Tagesetappe von dem kleinen französischen Grenzort St. Jean Pied de Port über die Pyrenäen auf die spanische Seite gleicht einem Kraftakt. Ein 30 Kilometer langer Weg und 1057 Höhenmeter gilt es zu bewältigen. Erst im Kloster von Roncesvalles gibt es ein Refugio, eine Pilgerherberge. Der Rucksack ist schwer, die Wanderschuhe drücken – ich bin noch nicht an Laufen gewöhnt und kann mir nicht vorstellen, wie ich den 800 Kilometer weiten Weg bis Santiago schaffen soll, wenn mir die ersten Schritte bereits so viel Qualen bereiten. Religiös bin ich nicht und kann vom Glauben keine Stärkung erwarten. Warum aber pilgere ich dann? Als ich vom Jakobsweg hörte, erwachte in mir sogleich der Wunsch nach Santiago zu gehen. Ich wollte die geheimnisvolle, magische Anziehung dieses Weges erfahren, erspüren, erfühlen. Es faszinierte mich, auf einem 1000 Jahre alten Weg zu gehen, den Millionen und Abermillionen Menschen vor mir gegangen sind. Menschen mit ihren Wünschen und Hoffnungen, ihren Sehnsüchten und Verzweiflungen. Es war mir, als würde ich die vergangenen Schatten noch sehen, ihre verstummten Stimmen hören – als sei da eine Kette von Menschen, die aus dem 9. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart reicht. Um das Pilgern intensiv erleben zu können, bin ich allein unterwegs. Ich habe mir den Monat Mai gewählt und mich für den spanischen Abschnitt, den „camino“ oder „Königsweg“ entschieden, da mir hier meine spanischen Sprachkenntnisse hilfreich sein können. Ein Weg, der die Sinne öffnet Aus den Buchenwäldern steige ich empor und tauche auf in einer Almlandschaft: dem Pass von Ibañeta. Dunkel violette Gewitterwolken drohen am Himmel. Bläuliche Bergkonturen laufen in der Ferne ineinander. Vor mir auf der Almwiese eine Schafherde. Zwei Böcke schlagen spielerisch ihre Hörner zusammen. Ein Pilgerkreuz hebt sich auf der Höhe schwarz gegen den Himmel ab. Hier starb Ritter Roland im Jahr 778 bei einem Kampf. Er war mit dem fränkischen Herrscher Karl dem Großen nach Spanien gezogen, um die Stadt Zaragossa von den Arabern (Mauren) zu befreien. Der Tod des Ritters Roland wurde 300 Jahre später im Heldenlied der Rolandsage verklärt. Mit Beginn der Abenddämmerung erreiche ich endlich das Augustinerkloster Roncesvalles aus dem 12. Jahrhundert. Erschöpft von der langen Gebirgs-wanderung erkundige ich mich beim Abt nach einer Übernachtung in der Nähe. „Wenn Sie eine Pilgerin sind, können Sie in unserem Refugio übernachten“, bietet er mir an. Von ihm erhalte ich einen Pilgerausweis, mit dem ich unterwegs in Klöstern um Unterkunft bitten kann, so wie es seit alters her Tradition ist. Am nächsten Tag führt der Pfad durch blühende Wiesen, an Hecken entlang, die von Insekten umschwirrt sind, und durch romantische Bauerndörfer. Die Menschen, denen ich begegne, begrüßen mich als Pilgerin. Alte Frauen umarmen mich, denn es soll Glück bringen, einen Pilger zu berühren. Immer wieder werde ich aufgefordert, für sie in Santiago zu beten und sie überreichen mir Münzen, damit ich sie dort am Ziel in den Opferstock stecke. Es rührt mich, dass für die einfachen Leute auf dem Land der Pilgerweg noch heute einen lebendige Wurzel hat. Die herzliche Anteilnahme der Menschen gibt mir die nötige Kraft, um nicht aufzugeben. Denn ich gehe jetzt nicht mehr für mich allein nach Santiago, sondern stellvertretend für alle Menschen, die ihre Hoffnungen in mich setzten. Stille Dörfer und belebte Städte Vor mir liegt Pamplona, die Hauptstadt der Provinz Navarra. Seine Geschichte ist älter als die anderen Städte, die ich noch sehen werde. Die Herrscher von Navarra unterstützen das Pilgerwesen, bauten Raststätten und Hospitäler und sorgten für die Sicherheit des Weges. Die Städte sind in Spanien vom Lärm und den Abgasen der Fahrzeuge erfüllt – ein fast schmerzvoller Kontrast zu den stillen Dörfern und der weiten Landschaft, in der man Vogelstimmen lauschen kann. Entlang des Flusstales der Arga gelange ich nach Puente la Reina. Ein wichtiger Ort, denn hier vereinigt sich der Weg, der über den Ibañetapass führt, mit dem, der vom Somportpass kommt. Puente la Reina heißt „Brücke der Königin“. Es ist eine wunderbare Brücke, die die Königin Doña Mayor im 11. Jahrhundert über den Fluss Arga hat bauen lassen. In vollkommener Harmonie sind die vier Bögen der Brücke so bemessen, dass sie mit der Spiegelung im Wasser einen Kreis bilden. Die Baumeister der Romantik wussten eben von der idealen Verbindung von Schönheit und Funktion. Tag für Tag lege ich eine Strecke von mindestens 25 Kilometer zurück. Nach einer Woche habe ich Navarra durchquert und gelange nach La Rioja, wo die besten Weinsorten Spaniens an den sonnigen Südhängen des kantabrischen Gebirges gedeihen. Der Weg ist das Ziel Das nächste große Etappenziel heißt Burgos, die Hauptstadt Altkastiliens und die Stadt des El Cid, des spanischen Nationalhelden aus dem Mittelalter. Mit seiner gotischen Kathedrale ist Burgos von weitem sichtbar. Seit 15 Tagen (inklusive drei Ruhetagen) bin ich unterwegs und habe die Hälfte der Strecke zurückgelegt, aber das Ziel erscheint mir so fern, dass ich kaum daran denke. Was ich auf dem Weg sehe und erlebe, erfordert meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Burgos liegt hinter mir, und der Pfad führt nun durch die tischebene Landschaft der Meseta mit Feldern bis zum Horizont. In der heißen Luft entfaltet sich köstlicher Duft von Gewürzkräutern, die am Wegrand gedeihen. Der Himmel scheint in der Meseta der Erde näher zu sein. Tiefblau hängt er über dem leuchtenden Gold der Kornfelder. Lerchen steigen jubilierend zu den weißen Wolken empor. Bei Fromista, immer noch in der Provinz Kastilien, erwartet mich eine Überraschung: ein Kleinod der spanischen Romanik, die Basilika San Martin. 300 rätselhafte Figuren schmücken die Dachsparren: Dämonen, Tiermenschen, Fruchtbar-keitszeichen – mystische Symbole, deren Bedeutung wir heute nur noch zum Teil verstehen. Wenige Kilometer später die eigenar-tige Kulisse von Villalcazar de Sirga. Bauernhäuser ducken sich im Schatten einer imposanten Kathedrale. Früher muss Villalcazar eine bedeutende Ortschaft gewesen sein, reich geworden durch den Menschenstrom auf dem Jakobsweg. Im dunklen Gewölbe einer Gaststätte treffe ich andere Pilger. Sie kommen aus Spanien, Frankreich, Holland, Italien, einer sogar aus Polen. Ihre Motive sind verschieden, aber die meisten haben eine bestimmte Lebensetappe abgeschlossen und wollen sich während der Pilgerzeit besinnen und neue Kräfte sammeln. Ich freue mich über Begegnungen in Herbergen und Raststätten und tausche gern Erfahrungen aus, aber tagsüber bin ich lieber allein unterwegs. Steile Höhen, tiefe Täler Der Pfad windet sich steil ins Gebirge hinauf, zum Rabanalpass. In 1500 Meter Höhe bläst eisiger Wind, sogar einige Hagelkörner prasseln herab. Noch einen dritten Pass, den von Cebreiro, gilt es zu überwinden, dann gelange ich nach Galicien und bin dem Ziel schon nah. Aber diese letzte Provinz wird zu einer harten Probe. Die gelben Farben der Kornfelder sind verschwunden. Alles ist nun üppig grün und tropft. Galicien ist wie ein Schwamm, der die Feuchtigkeit aus den Wolken aufnimmt. Es regnet tagelang ohne Unterlass. Der Weg verwandelt sich in einen Bachlauf. Nebelfetzen und Wolkenschleier verhängen das Land. Am Nachmittag des 27. Tages stehe ich auf einem Hügel, dem Monte de Gozo - Berg der Freude - und sehe unten eine große Stadt liegen: Santiago de Compostela! Das Ziel! Der Freudenrausch nach der langen Wanderung ist seltsam gedämpft, denn der Kontrast zwischen der einsamen Wanderung in einer weiten Natur und der Stadt mit ihren vielen Menschen ist zu stark. Lange stehe ich vor der Kathedrale und betrachte dieses Orgelwerk aus Stein. Sie war es, die das Denken und Hoffen der Pilger im Mittelalter bestimmte. Hier nahm das Phänomen der Pilgerfahrten im 9. Jahrhundert seinen Anfang – eine gewaltige Massenbewegung Europas. Der Einfluss auf alle Lebensbereiche, Baukunst, Literatur, Musik, Wirtschaft und Politik des Abendlandes wirkt bis heute weiter. Für mich aber ist Santiago nicht das Ziel, wohl aber ein wichtiges Stück Weg. Ein Weg, der wohl nie zu Ende sein wird. 80 Kilometer westwärts von Santiago brandet der Atlantik an die Küste. Hier soll der Leichnam des heiligen Jakob in einem Boot an Land gebracht worden sein. Am Kap von Finisterre schaue ich übers Meer. Wie mag es den Menschen des Mittelalters zumute gewesen sein, für die die Welt hier wirklich zu Ende war, die nicht wussten, dass hinter dem Horizont Amerika liegt? Es gibt viele Wege nach Santiago, so viele, wie Menschen unterwegs sind. Jeder wird seinen Weg finden und eigene Erfahrungen machen. Es kommt nur darauf an, den ersten Schritt zu wagen. Buchtipps: Carmen Rohrbach: Muscheln am Weg – Mit dem Esel auf dem Jakobsweg durch Frankreich. Carmen Rohrbach: Jakobsweg,Wandern auf dem Himmelpfad. Autor:Carmen Rohbach (27.04.2004) |
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