| Das Gelände des Lahmannschen Sanatorium |
Dr. Heinrich Lahmann zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass er seine praktisch gewonnenen Erkenntnisse nicht nur systematisch ordnete, sondern diese auch naturwissenschaftlich begründete. In seinem 1891 erschienen gleichnamigen Buch entwickelte er die Theorie von der „diätischen Blutentmischung als Grundursache aller Krankheiten“. Dieser Auffassung nach führt eine falsche Ernährung zu einer falschen Zusammensetzung des Blutes und damit zu einer falschen Zusammensetzung aller Körpergewebe. Zum Nachweis seiner Auffassung ließ Lahmann in seinem chemisch-physiologischen Laboratorium Untersuchungen zum menschlichen Stoffwechsel, insbesondere dem Mineralstoffwechsel vornehmen. In der säurereichen Nahrung und der daraus folgenden Unterversorgung mit basischen Mineralstoffen (Nährsalzen) sah er eine Hauptursache für Erkrankungen. Die Erfolge der Lahmannschen Kur, das Sanatorium und die hier geleistete wissenschaftliche Arbeit trugen den Ruf des Weißen Hirsches als Kurort in alle Welt. Diesem hervorragenden Ruf folgten nicht nur Patienten, sondern auch weitere Ärzte.
So resultierte die Anziehungskraft des Weißen Hirsches als Kurort neben seinen klimatischen, landschaftlichen und kulturellen Reizen auch aus dem Wirken von Ärzten, die über ihre großartigen therapeutischen Erfolge hinaus mit ihren unterschiedlichen Auffassungen und Denkansätzen die Entwicklung sowohl der Naturheilkunde als auch der Schulmedizin beeinflussten. Dies ermöglichte die Ansiedlung weiterer Ärzte und Kurpensionen.
| Dr. Heinrich Lahmann (1860-1905) |
Lahmann stellte sich die Frage: „Wovon ist unser gesundes Sein, das normale, so verwickelte Getriebe unseres Organismus abhängig?“ Seine Antwort darauf lautete: „ Von nichts mehr, aber auch nichts weniger als von den natürlichen für jede Kreatur geltenden Lebensreizen: Luft, Licht, Wasser, Speise und Trank, Bewegung und Ruhe.“ Hinzu kommen die jeweiligen Lebensumstände, wie Kleidung und Bettung, Wohnung, Hautpflege sowie gesellschaftlich-soziale Einflüsse. Nun galt es für Lahmann, die Störungen der Gesundheit, verursacht durch jene Hauptfaktoren, zu ermessen und das im Organismus gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen. So war „Bei Lahmann zieht’s nicht“ ein geflügeltes Wort unter den Kurgästen geworden, denn auf gute Lüftung aller Räume bei Tag und Nacht wurde großer Wert gelegt. Die Gewöhnung an das Lebenselement Luft war eine der ersten Regeln der Kur, das „Fenster auf im Schlafzimmer“ ein Grundgebot. Aber nicht nur der Lu-nge sollte durch vermittelte Atemtechniken frische Luft zugeführt werden, auch der übrige Körper kam durch die verordneten Luftbäder in diesen Genuss. Bei Jung und Alt war immer wieder zu beobachten, wie die Scheu vor diesem Kurfaktor in die Wertschätzung der anregenden, gut gelaunt stimmenden, erfrischenden und belebenden Wirkung überging. „Für empfindsame, verweichlichte Patienten wird es bei ungünstiger Witterung zunächst auf einige Tage als Zimmerluftbad verordnet, bei offenem Fenster – mit vorgezogenem Tüllvorhang, wo die Nachbarschaft sich gestört fühlen könnte – in Adams Kostüm morgens bei der Toilette 5 bis 10 Minuten unmittelbar nach dem Aufstehen unter Reibung der Haut des ganzen Körpers, mit tiefen Atemzügen und leichten gymnastischen Übungen zu genießen. Wer es erst kennen gelernt hat, mit seiner erstaunlich tonisierenden Wirkung auf die Haut, seiner Förderung ihrer arteriellen Durchblutung, seiner Hebung des Allgemeinbefindens, der möchte es nicht mehr unterlassen. Nach wenigen Tagen drängt er schon in das eigentliche Luftbad im Park, wo...jeden Morgen Winters um 9 Uhr, Sommers um 8 Uhr zur Gymnastik in leichtester Gewandung, Damen im Luftbadehemd, Herren in Badehosen, mit Sandalen angetreten wird und in genau dosierter Weise nach Alter und Kräftezustand, die Körper in so unendlich einfacher, aber auch unendlich wohltuender Weise verjüngt werden. Da reiht sich an die wohldisziplinierte Übung frohes Spiel an, in dem die grimmigsten Hypochonder wieder zu heiterem Lachen kommen. Kegelpartien in solch paradiesischem Gewand, Holzsägen, Sandschippen für die Arbeitsbedürftigen sind Vorschriften, die so manchem verhockten Büromenschen nach Jahren zum ersten Mal wieder das Wohlgefühl des Menschseins zum Bewusstsein kommen lassen.“
Die sogenannte Normalkost besteht aus 5 Mahlzeiten, die folgendermaßen verteilt sind:
I.Frühstück:
Kompott, 1-2 Tassen Nährsalzkakao, in Wasser gekocht, mit oder ohne Zusatz warmer
Milch, oder 1-2 Tassen Kornkaffee mit oder ohne Milch, Zucker nach Bedarf, 1 frische Semmel, im Brotkorb altgebackene Semmel, Schrot- und Simonsbrot, runde und lange Zwiebäcke, Butter nach Belieben, Mittwoch und Sonntag statt Kompott auch Honig oder Fruchtgelee.
II.Frühstück:
Obst nach Saison oder 1 Glas Milch, süß oder sauer, warm oder kalt, oder ½ Glas Haferschleim (in Kochkiste 12 Stunden erschlossen!) und 2/2 runde Zwiebäcke, dazu 2 Scheiben Simons- oder Schrotbrot mit Butter oder Quark oder 2 Hafercakes.
Mittagessen:
Vorspeise (Mittwoch und Samstag Gemüse- oder Obstsuppe), 1. Gang Gemüse, 2. Gang Fleisch mit Kartoffeln oder Reis, Makkaroni oder Nudeln; Salat mit Olivenöl und frischem Zitronensaft angemacht (ev. mit Sahne), Kompott, 3. Gang süße Speise. Zum Mittagessen wird kein Getränk serviert, um besseres Kauen zu erzwingen und eine störende Verdünnung der Verdauungssäfte zu verhüten. Erst nach gehabter Mahlzeit soll bei Bedarf eine mäßige Menge frischen Wassers nachgetrunken werden. Ebensowenig wird Brot gereicht, um nicht die gewünscht Verzehrung genügender Mengen von Gemüse und Salat durch die unerwünschte nährsalzarmen Brotes verringert zu sehen. Es steht den Kurgästen frei, sich nach Belieben mit den einzelnen Speisen zu versehen, doch wird ärztlicherseits eine Einschränkung des Fleischkonsums auf 100 g täglich den meisten Kranken dringend empfohlen.
Vesper:
1 Tasse Nährsalzkakao oder warme Milch oder Kornkaffee oder 1 Portion Obst mit Nüssen, dazu 2 Zwiebäcke.
Abendbrot ½7:
1 warmer Gang (Mehlspeise, Eier, Gemüse oder sonstiges vegetarisches Gericht, 1 mal in der Woche warmer Fleischgang, Sonntag Abend kalter Aufschnitt mit Salzgurke, ferner stets grüner Salat, Brot und Butter, Radieschen, Quark, dazu 1-1½ Glas Milch, süß, warm oder kalt, sauer, (gut verquirlt), auch Molken, weiter 1 Portion Obst. Einmal wöchentlich Käse.
| Liegehalle |
Jedem Kurgast wurde ein „Blaues Kurbüchlein“ ausgehändigt, in dem der Stundenplan für die Anwendungen aufgezeichnet war. Es war ein systematischer Wechsel von Kur, Arbeit und Ruhe, um den aus dem Gleis gekommenen Organismus wieder zur ursprünglichen Funktion zu bringen. Der Aufenthalt im Sanatorium erzielte so nicht nur einen momentanen Erfolg: „...die Erlernung einer rationellen Lebensweise, deren konsequente Durchführung zur Aufbesserung der Konstitution, zur Erreichung und Erhaltung der Gesundheit, die Schulung zu gesundem Leben mit all seinen komplizierten Komponenten bilden das Wesen der Lahmannschen Kuren.“
| Elektrisches Bad |
Aktuelles über das Lahmann-Sanatorium erfahren Sie in unserer nächsten Ausgabe.
Ich danke Frau Dr. Marina Lienert, Frau Dipl.-Ing. Ilona Braun, Horst Milde und Herrn Dr. Andreas Pirr für die freundliche Unterstützung.
Literatur:
Lienert, Marina: Naturheilkundiges Dresden. Dresden 2002.
Der Weiße Hirsch. Ein Lesebuch.Dresden 2001.
Dr. Lahmann’s Sanatorium Weisser Hirsch: Prospekt und Jahresbericht. 1914.






