Erst danach stieß der Mensch aus der Höhe des Himmels in den Schoß der Erde hinab. Sein Weg vom Luftigen, Lichten und Losen in das Dichte, Schwere und Dunkle der Höhle glich dem Stirb und Werde eines Pflanzensamens, der sich im Boden niederlässt und in ihm keimt. Der Mensch hat die Offenheit des Pflanzenreichs verlassen und sich zurückgezogen in das Innere der Erde. Er nahm die Sonne, sein Höhlenfeuer, mit hinein und hütete es vor dem Eingang. Die ersten Menschen waren Nomaden und zogen dem Wild und dem Wechsel der Vegetationskräfte hinterher, die sie als Schlangen und Drachen erkannten. Ebenso wie die frühen Menschen über die Erde wanderten, so waren auch die Kräfte des Landes noch unstet und am Fließen. Als dann die Drachen und Schlangen sich einrollten und ihre Nester zu bauen begannen, hielten auch die Menschen in ihrem Wandern inne. Die Erde selbst kam nun zur Ruhe und die ersten Kraft-Orte entstanden. Die Menschheit kam in ihre Mitte und erkannte die Erde als ihre Mutter an. Um dem Ende ihrer Wanderschaft ein Zeichen zu setzen, richteten sie schwer liegende Steine senkrecht auf. Im stehenden Stein, der jederzeit zu fallen drohte, erkannte sich die Menschheit in ihrer Aufgerichtetheit selbst wieder. Der stehende Fels war ihnen ein Gegenüber und eine Himmel und Erde verbindende Senkrechte, die axis mundi, die Mitte der Welt. Um diese axis mundi wanden sich Schlange und Drache, die Symbole der Fruchtbarkeit, und richtete sich zur Äskulap-Natter, zum Heilszeichen auf. Die nun sesshaft werdende Menschheit kultivierte die wilden Natur- und Vegetationskräfte und schaffte sich damit ihre Lebensgrundlage. Nun konnten die Menschen auf der Erde heimisch werden und machten sich das Fremde zum Freund. Mit dem Aufrichten der Steine verortete sich der Mensch, schaffte sich einen Mittel- und Ankerpunkt und einen Ort des Gedenkens und der Erinnerung. Denn zu diesen Zeiten verfügte der Mensch noch nicht über ein Erinnerungsbewusstsein im heutigen Sinne. Er konnte sich eine Sache oder ein Erlebnis nur dann vergegenwärtigen, wenn er zu dem Ort des Geschehens zurückkehrte. Diesen hatte er mit einem Stein, einem Gedenkstein markiert. Dort erlebte er die Geschehnisse erneut. Sie waren im Bewusstsein, in der Seele des Ortes gespeichert und der Geist der frühen Kindermenschen war feinsinnig und weltoffen genug, auf die Klänge der Seele zu lauschen.
„Mein damals zwei Jahre alter Sohn Nathan stieß sich eines Tages an einer Tischkante. Er weinte, konnte aber nicht sagen, wo es ihm wehtut. Sein Bewusstsein war noch nicht ganz im Körper angekommen, es war noch weit draußen in der Welt. Aber er konnte genau zeigen, wer ihm weh getan hat. Da, der Tisch hat „auah“ gemacht. In den nächsten Stunden machte er um den Tisch einen großen Bogen, an ihm haftet der Schmerz und der Schreck, den er nun mied. Wenig später nahm ich Nathan an die Hand und wir gingen noch einmal zu dem Tisch, pusteten seine Wunde am Kopf und die Wunde der Tischkante. Wir legten beide Wunden aneinander und Nathan und der Tisch versöhnten sich. Der Schmerz und die Angst verschwanden und Nathan und der Tisch wurden dicke Freunde.“
Der Mensch im Schoße der Gestirne
Doch nicht nur zur Erinnerung an irdische Geschehnisse, sondern auch zur Vergegenwärtigung ihrer Himmelszeit errichteten die nun sesshaften Menschen steinerne Anlagen ungeheuren Ausmaßes. In ihnen bildeten sie die Sternformen und Himmelsbewegungen des Universums ab und vollzogen sie dadurch nach. Sie scheuten keine Mühe, tonnenschwere Steine Hunderte von Kilometer weit zu transportieren, um sie an einem heiligen Ort aufzurichten. Die Pflege und Würdigung von Sonne, Mond und Sternen war die geistige Nahrung der frühen Menschen, ohne diese hätten sie sich und ihren Lebenssinn verloren. Hier feierten sie ihre Jahreszeitfeste und begingen Prozessionen und Rituale. Die ältesten noch erhaltenden Bauwerke sind Zeugen einer dem Kosmos zugewandten frühen Menschheit. An den Orten dieser Sternen-Steine erlebt man noch heute den Einfluss und die Bedeutung des Himmels für eine nach Orientierung suchende Menschheit. Zu diesen Stern-Orten zählen u.a. die Pyramiden, Stonehenge, der Mont Saint Michel, die Scharrbilder der Nazca-Wüste in Peru und der Silbury Hill bei Avebury in Südwestengland.
„Bei einer geomantischen Forschungsreise nach Südengland untersuchte ich den Silbury Hill. Dieser ist ein etwa 2750 v. Chr. von Menschenhand aufgeschütteter, kegelförmiger Hügel. Er ist mit seiner Höhe von 45 Meter und einem Durchmesser von 156 Metern der größte künstliche Berg Europas. Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass sein Inneres aus feinen Schichten aus Torf, Erde, Kreide, Kies und Ton aufgebaut ist. Eine doppelte Allee von riesigen Findlingen verbindet den Silbury Hill mit dem nahegelegnen Ort Avebury, einem Kreuzungspunkt von großräumigen Ley-Lines. Das Kraftfeld des Hügels baut eine energetische Wirbelstruktur auf, die die Tiefen der Erde mit den Weiten des Kosmos verbindet. Folgt man mit seinen inneren Augen dem Kraftstrom des Silbury Hills, beginnt man zu ahnen, welche Weite und Offenheit das Bewusstsein der Menschen vor 5.000 Jahren noch hatte. Doch nutzten die damaligen Menschen diesen Ort nicht, um ihre Sinne zu erweitern, sondern vielmehr als ein Inkarnations-Tor. Sie waren aus den Weiten ihres Bewusstseins gekommen, um an diesem Ort zu landen und auf der Erde heimisch zu werden.“
„In einer alten Hofstelle hatte ich den Auftrag bekommen, die geomantische Gestaltung der Türschwelle durchzuführen. Der Eigentümer, der das Bauernhaus als Restaurant nutzte, hatte des öfteren Ärger mit unliebsamen Gästen. Mit radiaesthetisch-geomantischen Methoden ist es möglich, an der Schwelle all die energetischen Informationen abzutasten, die in dem Haus anwesend sind. Über die Jahrhunderte lagerten sich am Schwellenstein die seelischen Gemütsverfassungen und geistigen Absichten der Eintretenden ab. Die Biographie des Hauses offenbart sich am Eingang. Es stellte sich heraus, dass Lüge und Machtmissbrauch das Haus belasteten und dies konnte vom Eigentümer durch Geschichtsforschung bestätigt werden. Ich schlug vor, an die Schwelle einen flachen Granitfindling so in den Boden einzulassen, dass er beim Eintreten begangen wurde. In den Stein meißelte ich ein Kosmogramm, ein Heils- und Schutzzeichen ein, dass gleich einem energetischen Fußabtreter die Alltagssorgen nimmt und die Sinne und das Herz öffnet. Seit dem lobten die Restaurantgäste die offene und warme Atmosphäre des Hauses. Die große Fluktuation der Mitarbeiter hatte ein Ende.“
Menschen und Türschwellen
„Wir aber wissen, dass wir hier keine bleibende Stätte haben.“ Diese Worte standen häufig über den Eingängen der alten Bauernhäuser als ein Bekenntnis der Menschen, die auf der Erde heimisch waren. Aus der Erkenntnis, auf der Erde nur vorübergehend Gäste zu sein, erwuchs ihnen die Fähigkeit mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. „Das Leben ist eine Brücke – gehe herüber, aber baue nicht darauf“ – ist die Losung aller Bauenden und Wohnenden. Diesem Sinn folgend kam den Tür- und Torschwellen eine besondere Bedeutung und Aufgabe zu. Waren sie doch die feine Grenze zwischen der Innen- und Außenwelt, zwischen Menschen- und Naturreich, zwischen Ich und Du.
Die Eingänge der ersten Häuser waren nicht verschließbar, sie hatten noch nicht einmal eine Tür. Es gab nur eine parallel zur Hauswand gezogene mannshohe Mauer, die sogenannte Geistermauer. Jedem Fremden stand das Haus offen. Doch die Geistermauer, auf der ein Heilszeichen eingelassen war, bremste den Gang des Ankommenden und mahnte an das Gute in ihm. Man vertraute auf das Gute im Menschen als einzigen wirksamen Schutz vor Übergriffen. Nicht durch Androhung von Gewalt oder durch Sicherheitstechnik wurden Missetäter abgehalten, sondern das Heilszeichen sprach das Heile, das Helle und das Herz im Menschen an und schützte damit Mensch und Haus.
Ein anderes Beispiel, das die Magie der Türschwelle verdeutlicht, war in der Satzung des deutschen Rechtsgutes (Grimm) festgeschrieben. Tote, Mörder und Missetäter durften nicht über die Schwelle nach draußen befördert werden, sondern mussten durch eine eigens dafür gebrochene Maueröffnung oder durch einen Stollen unterhalb der Türschwelle das Haus verlassen. Die Türschwelle hätte ansonsten Kraft ihrer Sinneigenschaft das Ausgesonderte wieder hereingelassen, auch gegen den Willen der Bewohner.
Menschen und Zeichen
Seit Beginn der Aufklärung leben wir in einer anthropozentrischen Welt, in der die Menschen sich daran gewöhnt haben, nur noch mit ihresgleichen zu kommunizieren. Wer wünscht schon morgens noch der Sonne einen guten Tag oder fragt seine Blume, wie es ihr geht? Wir haben uns von dem Kontakt mit der Seele der Erde und mit dem Geist des Himmels entfernt, uns eingekapselt in eine Verstandes- und Begriffswelt, Türen mit Sicherheitsschlössern versehen und Naturmaterialien durch Kunststoffe ersetzt. Der Umgang mit weltweiten Datennetzen ist uns vertauter geworden als der Ort, an dem wir leben. Trotz einer sich vereinheitlichenden Weltsprache wird es zunehmend schwierig, sich gegenseitig überhaupt noch zu verstehen. Für eine Verständigung mit der Seele der Landschaft mangelt es uns modernen Menschen nicht nur an einer feinen Wahrnehmungsfähigkeit, sondern auch an einer geeigneten Sprache, die für das Unfassbare Worte findet.
Auf der Suche nach einer universellen Sprache, die nicht nur dem Menschen, sondern auch für die anderen Naturreiche und Wesenheiten verständlich ist, begann ich vor Jahren an die Entwicklung von Kosmogrammen. „Gramma“ ist Schriftzeichen und „Kosmos“ steht für das ganzheitliche, universelle Prinzip. Kosmogramme wirken also nicht nur auf der sinnlich- erfassbaren, sondern vielmehr auch auf der energetischen, seelischen und geistigen Ebene. Sie sind damit in erster Linie für die Wesen, die keine physischen Augen haben, wie Bäume, Elementarwesen und Engel „sichtbar“. Die Natur und der Kosmos kommunizieren mit einer solchen Sprache untereinander. Diese holographische Formsprache ist im Wuchs der Blumen und Bäume, in den Wolkenformationen und Planetenbewegungen, in den Kristallbildern des Wassers und in den Kornkreisen erkennbar. Als Geomant und Künstler bin ich an der heilenden Gestaltung von Orten und Landschaften tätig, deren sensibles und mehrdimensionales Gleichgewicht häufig vielschichtig gestört ist.
Um Heilungs- und Wandlungsprozessen zu initiieren, bediene ich mich der urbildlichen Sprache der Kosmogramme, durch die es möglich ist, mit dem Bewusstsein der Natur in Kommunikation zu treten und die Urkräfte einer Landschaft zu stärken. Wenn die Orte in ihrer Ganzheit nicht mit in den geomantischen Sanierungsprozess einbezogen werden, gäbe es keine Heilung, sondern lediglich eine Reparaturmedizin.
Ein Kosmogramm wird für jeden Ort individuell entwickelt und spricht durch seine harmonikalen Proportionen die Ur- und Heilungskräfte der Landschaft an. Dem Bewusstsein des Ortes wird mit dem Kosmogramm die Würdigung und Liebe entgegengebracht, die er braucht, um sich in seiner neuen Lage zurecht zu finden, in die er durch menschliche Manipulation der Landschaft gedrängt wurde.
„Ein großes Unternehmen der Automobilindustrie fragte bei mir um eine geomantische Unternehmensberatung an. Die Seele des Ortes, die bis vor vier Jahren im Ackerland und nun in einer hochmodernen Fertigungshalle lebte, hatte Schwierigkeiten, dem Maschinentempo hinterher zu kommen. Die Unternehmensleitung war sensibel und weise genug, zu wissen, dass der Boden, auf dem sie ansässig sind, auch ihre wirtschaftliche Grundlage bildet und die Seele des Ortes auch die Seele des Unternehmens ist. Für einen Herz- und Verankerungspunkt des Firmengrundstücks entwickelte ich ein Kosmogramm und meißelte es in drei Basaltsäulen. Hier hat die Seele des Ortes nun die Chance, einen Ruhepunkt zu finden und sich mit der neuen Situation anzufreunden. Die in den Kraft-Ort eingebundenen Sitzplätze werden von Mitarbeitern des Unternehmens für Besprechungen und als Pausenplatz genutzt. Die Seele von Mensch und Ort könnten sich dort aufeinander einschwingen. Inzwischen haben sich die Elementarwesen des Ortes an die Neuerungen gewöhnt und sind begeistert dabei, den Fertigungsprozess zu unterstützen.“
Menschen und Steine
Der Kernpunkt meines geomantischen Arbeitsansatzes ist es, ein „Erfahrungsfeld Geomantie“ zu gestalten, in dem Menschen die Mehrdimensionalität der Erde wieder erleben können. In diesem Sinne, in dem die Erinnerung an die gemeinsame Evolution von Himmel, Erde und Menschen bewusst wird, kann auch von „Erdheilung“ gesprochen werden, als ein sich Besinnen auf die Gemeinsamkeiten. In meinen Kunstwerken befasse ich mich mit der Frage, wie Menschen die Mehrdimensionalität der Landschaft wahrnehmen und mit ihr in Kontakt kommen können. Ich lernte von Marko Pogacnik die Kunst der Lithopunktur (lithos = Stein), bei der Steinsäulen punktgenau auf Kraftbahnen und Kraftpunkten in der Landschaft ausgerichtet werden. Lithopunktur ist die Heilung und das Ausbalancieren eines Landschaftsraumes, die der Akupunktur des menschlichen Körpers ähnlich ist. In die Steine werden Kosmogramme eingemeißelt, die gleich Mandalas den Betrachter intuitiv ansprechen und seine Sinne öffnen. Die aufgerichteten Steinsäulen laden ein, sich in der Ruhe des Steines dem Kraft-Ort zu nähern und durch ihn hindurch die Erde zu erspüren. Sie sind Gedenksteine, die als spirituelle Kunstwerke die Kontaktstelle zwischen dem Bewusstsein der Landschaft und dem der Menschen herstellen.
In einem alten Künstlerdorf nahe Bremen habe ich von der Gemeinde den Auftrag bekommen, ein Lithopunktur-Projekt durchzuführen, Kosmogramme zu erstellen und zu meißeln. Auf den drei Kraft-Zentren des Ortes, die über eine Drachenlinie verbunden sind, werden in der nächsten Zeit Steine gesetzt. Einer wird an der Zufahrtsstraße zum Ort, ein anderer bei einer tausendjährigen Eiche und der dritte Stein auf einem alten Kultberg mitten im Dorf stehen. Oben auf dem Berg liegt ein 20 Tonnen schwerer Findling, den seinerzeit das NS-Regime mit einem Hakenkreuz versehen dort hingeschafft und aufgerichtet hatte.
Dieser Stein wurde zu Kriegsende auf die Seite gerollt. Nun drückt er mit seinen 20 Tonnen schweren braunen Gewicht auf die Kraftlinie des Ortes, unterbricht diese und färbt den gesamten Landschaftsraum ein. Im Rahmen der geomantischen Gestaltung wird ein Autokran den Stein aufrichten und ich ein Kosmogramm in den Stein meißeln. Dieser Findling wird dann auf die anderen zwei Lithopunktur- Steine ausgerichtet. Nach 60 Jahren bewegt sich ein Stein. Steine sprechen als Zeugen uralter Erdgeschichte die Tiefenschichten der Menschen an und erinnern ihn daran, wie kurz sein irdisches Dasein ist. Ein Stein will nichts, er ist nur da. In seiner Geduld liegt seine Kraft. In der Bibel heißt es: „…wenn Du schweigst, werden die Steine sprechen“.
Deert Jacobs
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