Schamanen nehmen das Universum ganz anders wahr als andere Menschen. Sie können zwischen materiellen und nichtstofflichen Welten wandern. Sie beherrschen eine Technik, um innerhalb dieser Welten tätig zu werden.
Drei wesentliche Elemente treten in schamanischen Traditionen auf:
1. Schamanen können willentlich einen einzigartigen visionären Bewusstseinszustand erreichen.
2. Dabei erleben sie eine Reise in nichtalltägliche Lebenswelten, in denen sie
3. Wissen und Kraft zum eigenen Nutzen oder für andere Menschen erwerben.
Da die nichtalltäglichen Welten zumeist unstofflich sind und weitgehend der Vorstellungskraft entspringen, sprechen die Schamanen von ihnen als geistige Welten.
Die Geistwelt ist umfassender als das, was wir Menschen uns darunter vorstellen. So haben in jener Welt vollzogene Handlungen oft erstaunliche Auswirkungen auf die alltägliche Wirklichkeit. Während einer Heil-Sitzung kann ein Schamane beispielsweise in die nichtalltägliche Wirklichkeit reisen, um Krankheitsursachen des Patienten zu beseitigen, wenn dieser dafür auch geistig offen ist. In solchen Fällen behandelt der Schamane den unsichtbaren, spirituellen Aspekt der Krankheit, aber der Körper erholt sich. Die Hauptaufgabe eines Schamanen beim Heilen ist es, die spirituellen Voraussetzungen für die Genesung des Patienten zu schaffen. Ein Schamane arbeitet nie in erster Linie körperlich und auch nicht psychologisch, sondern spirituell. Schamanismus entstand aus der Erfahrung, dass Krankheit immer eine Disharmonie zwischen Mensch, Natur und Kosmos ist. Der Schamane hilft durch seine Kenntnisse, wieder ein Gleichgewicht herzustellen.
Im schamanischen Weltbild wird davon ausgegangen, dass alles lebt und belebt ist. Die menschliche Existenz ist nur eine von unzähligen Formen. In allen Formen existiert die Schöpferkraft, das Odem, der innere Geist des Lebens. Und weil der Geist des Lebens überall derselbe ist, wird davon ausgegangen, dass alles mit allem verbunden ist. So wird auch jede Existenzform, sei es als Pflanze, Tier oder Stein, mit besonderem Respekt behandelt.
Schamanen suchen in ihren „schamanischen Reisen“ verborgene Welten auf - Welten, die anderen Menschen üblicherweise in Mythen und Legenden, in Träumen und bei Nahtodeserfahrungen begegnen. Die schamanische Reise beginnt und endet im Kopf, in einem veränderten Bewusstseinszustand. Der Schamane nutzt die Vorstellungskraft als visionäres Werkzeug. Offenbar funktioniert dieses Werkzeug, hat doch der Schamanismus die letzten 20.000 Jahre überlebt. Schamanismus ist eine weltweite Erscheinung, die in verschiedenen Formen die Jäger-, Fischer- und Sammlergemeinschaften überlebt hat. Seine Ursprünge reichen mindestens 40.000 bis 50.000 Jahre zurück. In den letzten Jahren wurde das Wort allerdings sehr frei und oft ungenau auf vielerlei spirituelle und heilende Verfahren angewandt. Mircea Eliade, eine der führenden Autoritäten auf dem Gebiet des Schamanismus und der Urreligionen, sprach dieses Problem 1951 in seinem bahnbrechenden Werk „Schamanismus und archaische Ekstasetechnik“ an. Eliade riet davon ab, den Begriff Schamane allgemein auf jeden Magier, Medizinmann oder Ekstatiker der gesamten Religionsgeschichte anzuwenden, da ein derartiger Gebrauch die Vorstellung vom Schamanismus äußerst ungenau machen würde. Trotzdem ist der Begriff im Laufe der letzten vierzig Jahre infolge wachsender Begeisterung für den Schamanismus zum Bestandteil des modernen Sprachgebrauchs geworden. Zudem belebt er Diskussionen über Spiritualität, Religion, Heilung, Umweltbewusstsein und zukünftige Lebensstile. Wir müssen den Begriff anpassen, weil schamanische Erfahrungen und Praktiken in fast allen ursprünglichen Kulturen auftreten und heute von modernen Menschen zu neuem Leben erweckt werden. Nicht nur im Islam, im Buddhismus und in den Naturreligionen, sondern auch im Christentum ist von mystischen Erlebnissen und unerklärlichen Phänomenen die Rede. Dieses Muster zieht sich durch die meisten Religionen, Völker und Zeiten. Es gibt etwas jenseits der körperlichen Sinne, und das menschliche Bewusstsein ist größer, als von der Wissenschaft bislang beschrieben. Kein Zweifel, der Begriff – wie die Verfahren – sind bedeutsam für die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, weit über die Kulturen Zentralasiens hinaus, denen er entstammt.
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