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Naturel-Online.de, Bildschirmfoto vom Oktober 2004
Das Lahmann-Sanatorium
Autor:Anna-Maria Bloße (02.03.2003)

Villa Heinrichshof: Das Wohnhaus der Familie Lahmann
Villa Heinrichshof: Das Wohnhaus der Familie Lahmann
Bald alter Glanz mit neuem Konzept?

Ich stehe in Lahmanns Arbeitszimmer. Ich stehe da und staune. Schon die Treppe hinauf im „Heinrichshof“, eine breite einladende Treppe mit Holztäfelungen an der Seite und einem wunderbar geschnitzten Holzgeländer mit gedrechselten Kugeln – ein Traum an Stil und Größe. Hier hat er also gewohnt und gearbeitet, der großartige Naturarzt Dr. Heinrich Lahmann.

Herrliche Holztüren, wunderbare alte Kastenfenster und erst die alten Fliesen von Villeroy & Boch auf der Toilette.
Die Architektin Ilona Braun hat mich zu einem Rundgang auf dem Gelände des Lahmann- Sanatoriums eingeladen. Wie oft hatte ich versucht, von außen über den Zaun hinweg ein paar Blicke auf das ehemals so prunkvolle Sanatorium zu werfen. Endlich kann auch ich einmal durch den Wandelgang flanieren und fühle mich gleich wie eine Grande Dame. Ich möchte gern den ehemaligen Lesesaal sehen. Und natürlich muß ich auch hier die große breite Treppe hinunterschreiten, mir vorstellend, wie damals alle unten im Lesebereich sitzenden Damen und Herren mich betrachten können und ich lustwandelnd außen um den Lesebereich dem einen oder anderen Herren vielsagende Blicke zuwerfe. Aber am meisten beeindruckt mich der alte Speisesaal. Ein riesengroßer Saal mit Parkett und einer wunderbar bemalten Holzdecke mit tollen Farben und viel Blattgold. „Können Sie singen?“, fragt mich Frau Braun. Na lieber nicht, denke ich und sage laut : „Nein.“ Nach zwei Minuten absoluter Stille fängt sie an zu singen, um mir die tolle Akustik dieses Saales zu zeigen. Und sie singt so schön und mir blutet das Herz, weil es ein Jammer ist, das dieses Sanatorium dem Verfall so preisgegeben ist.

Mit 46 Jahren verstarb Lahmann 1905 an einer mit Herzklappenentzündung verbundenen Grippe. Er, der er immer zu Mäßigung und Verantwortung für die eigene Gesundheit aufforderte, war der Überfülle seiner Aufgaben nicht mehr gewachsen. Seine Frau, die nun mit den sechs Kindern alleine dastand, führte zunächst das Unternehmen selbst weiter. Carl Paira (1873-1945), der einstige Erzieher des preußischen Prinzen Waldemar, bot ihr seine Hilfe an. Er hatte den Prinzen bei seinen Kuraufenthalten im Lahmannschen Sanatorium begleitet und aus der freundschaftlichen Verbindung zu Louise Lahmann wurde 1907 eine Ehe. Doch drei Jahre später erlag Frau Lahmann einem Herzschlag. Carl Paira wiederum heiratete weitere drei Jahre später die sehr viel jüngere Gymnastiklehrerin des Sanatoriums, Elfriede von Hartmann. Die unruhigen Zeiten taten jedoch dem Aufschwung des Sanatoriums keinen Abbruch. Unter Pairas Leitung blühte das Kurunternehmen weiter auf, von 1905 bis 1913 hatte sich die Patientenzahl fast verdoppelt, so dass das Sanatorium erweitert wurde und noch drei zusätzliche Villen für die Kurgäste gekauft werden konnten. Das Verwaltungs- und technische Personal musste vergrößert werden. Der Verwaltungsdirektor, der Chefarzt und die Oberin beschäftigten 1910 insgesamt 325 Mitarbeiter.

Statue
Statue
Die Kurgäste selbst kamen aus aller Welt, vor allem aus Ost- und Südosteuropa. Russen und Rumänen, Österreicher und Ungarn, Franzosen und Engländer, Spanier und Portugiesen – ja sogar Amerikaner, Chinesen und Inder reisten nach dem Weißen Hirsch, um bei Lahmann zu kuren. Bis heute erzählt man sich die Sage vom Portier, der sieben Sprachen beherrschte und der bestverdienendste Angestellte gewesen sein soll.

Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde der Kurbetrieb unterbrochen und das Sanatorium bis 1919 als Lazarett genutzt. Carl Paira, der das Sanatorium bis jetzt weitergeleitet hatte, legte in jenem Jahr seine Funktion nieder. Das Sanatorium wurde in „Dr. Lahmanns Sana-torium Weißer Hirsch Aktiengesellschaft in Dresden“ umgewandelt und daneben verwaltete eine OHG den Immobilienbesitz. Nun traten die Chefärzte mehr in den Vordergrund.

Obwohl die Nachkriegszeit und die Inflation die Anknüpfung an alte Traditionen erschwerten, konnte sich doch der Sanatoriumsbetrieb wieder erholen. Man suchte nach Heilwasser, welches ab 1930 auf dem Konzertplatz in einem Trinkhäuschen ausgegeben wurde. Das Luft-und Schwimmbad in Bühlau war fertig und 1932 konnte der Golfplatz in der Dresdner Heide bespielt werden. Der Kurbetrieb blühte wieder auf. Vor allem Künstler zog es nun zum Weißen Hirsch. Es etablierte sich ein völlig neues Bohème-Leben, typisch für die goldenen zwanziger Jahre. Künstler streben bekanntlich nach dem Besonderen, und der Weiße Hirsch mit seinem weltweit ausgezeichneten Ruf war und ist etwas Besonderes.

Mit den Nationalsozialisten erfuhr die Naturheilkunde eine gesundheitspolitische Aufwertung. „Die neue deutsche Heilkunde“ sah vor, naturheilkund- liche und andere alternative Heilverfahren bei Bedarf in die Schulmedizin zu integrieren. Wegen ihrer geringen Kosten und der leichten Anwendbarkeit stand die Naturheilkunde im Blickpunkt nationalsozialistischer Gesundheitspolitik. Auch die neuen Machthaber fanden es schick, sich auf den Weißen Hirsch zur Erholung zu begeben. Man traf sich mit Angehörigen von Hochfinanz, Adel und Kunst. So ließen sich die Tochter des letzten deutschen Kaisers Victoria Prinzessin von Preußen, Helene Prinzessin von Griechenland und Königin Friederike von Griechenland neben Günther Fürst zu Schwarzburg und Herzog Ernst August von Braunschweig und Lüneburg im Lahmannschen Sanatorium verwöhnen. Auch der Dessauer Flugzeugbauer Hugo Junckers könnte zusammen mit den Schauspielern Paul Kemp und Gustav Gründgens zusammen inhaliert haben. Und mit Sicherheit haben Marianne Hoppe und Zarah Leander die Damenmassage genossen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg begann der Niedergang nicht nur des Lahmannschen Sanatoriums. Es wurde wie fast alle Sanatorien in ein Reservelazarett umgewandelt. Als das größte seiner Art war es bereits mit einem klinischen Zentrum versehen und wurde so schon 1939 als Lazarett genutzt. Zunächst benannte man nach Kriegsende das Sanatorium in „Stadtkrankenhaus Weißer Hirsch“ um. Die Russen enteigneten Lahmanns Erben und nutzten das Sanatorium von 1946 bis 1992 als Militärkrankenhaus. Nach deren Abzug waren die Gebäude völlig heruntergewirtschaftet. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, hatten sie mitgenommen.

Fenster und Holztäfelung im „Heinrich
Fenster und Holztäfelung im „Heinrich
Als der Freistaat Sachsen die Immobilie zum Verkauf anbot, erhielt das Collegium Augustinum den Zuschlag. Es wollte an die einstige Noblesse anknüpfen und einen Seniorenstift für gut Betuchte einrichten. Doch dem Nobelaltersheim fehlten letztendlich genug zahlungskräftige Interessenten. Der Versuch, die Immobilie an den umstrittenen Unternehmer Rolf-Dieter Sauer zu verkaufen, scheiterte – zum Glück. Nun wird das Sanatorium dem Münchner Unternehmen zum Verlustgeschäft, wenn es nicht bald etwas für den Erhalt der Gebäude tut.

Die Dresdner Initiative Lahmann-Sanatorium hat inzwischen ein Konzept entwickelt, welches konkrete Gutachten für die dringend notwendige Sanierung der Gebäude enthält. Der Geschäftsführer des Collegium Augustinum, Dr. Markus Rückert, signalisierte bereits grünes Licht für die Notsanierung.

Der Verschönerungsverein Weißer Hirsch/ Oberloschwitz e.V. und die Initiative Lahmann-Sanatorium gewinnen immer mehr Mitstreiter für ihr Projekt. So luden letztere zusammen mit dem Geschäftsführer der Kurhaus und Parkhotel GmbH, Piet Oehmichen, kürzlich zum Clubabend ins Parkhotel ein.

Bei Stehbuffett und Tanz wurden neue Kontakte geknüpft und Ideen weiter entwickelt. Schließlich könnte eine Wiederbelebung des Lahmann-Sanatoriums in der Tradition der ganzheitlichen Medizin dem Weißen Hirsch wieder ein Stück vom alten Flair und Lebensgefühl zurückgeben. Ein Anfang ist schon getan. Auch das Parkhotel bringt den Aufschwung mit voran. So soll noch im Frühjahr an der Ecke ein Café eröffnen.

Wandelgang im Lahmann-Sanatorium
Wandelgang im Lahmann-Sanatorium
Und auch die legendäre Kakadu-Bar im Untergeschoss wird voraussichtlich im Herbst wieder ihre Türen öffnen.
Nachdem ich erfahren durfte, mit wieviel Eigeninitiative und Enthusiasmus eine große Anzahl von Leuten um die Erhaltung dieses Kleinodes kämpft, hoffe ich, dass sich schon bald die Türen des Lahmann-Sanatoriums öffnen und ich über die ersten Aktivitäten berichten kann.

Ich danke Frau Dr. Marina Lienert, Frau Dipl.-Ing. Ilona Braun und Horst Milde für ihre freundliche Unterstützung.

Lit.: Lienert, Marina: Naturheilkundiges Dresden. Dresden 2002.
Der Weiße Hirsch. Ein Lesebuch.Dresden 2001.
Dr. Lahmann’s Sanatorium Weisser Hirsch: Prospekt und Jahresbericht. 1914.

Autor:Anna-Maria Bloße (02.03.2003)

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