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Naturel-Online.de, Bildschirmfoto vom Oktober 2004
Das Hexenkraut der Krebstherapie
Autor:Christiane Thomas (04.11.2003)

Mistel: Erst im Herbst wird die kugelige Gestalt sichtbar
Mistel: Erst im Herbst wird die kugelige Gestalt sichtbar
Die Mistel - Magie und Moderne

Wenn im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen, werden in so manchen Laubbäumen und manchmal auch in Tannen oder Kiefern kugelige Gebilde sichtbar. Wie ein grünes Krebsgeschwür wirkt die Mistel (lat. Viscum album) in den kahlen Zweigen der Bäume, und auch ihre Lebensweise entspricht in gewisser Weise diesem Bild: als Halbschmarotzer ist die Mistel fest mit ihrer Wirtspflanze verbunden und entzieht ihr Wasser und Nährsalze. Allerdings besitzen ihre grünen Blätter und Stiele den Pflanzenfarbstoff Chlorophyll, so dass sie selbst organische Stoffe produzieren kann. Daher wird eine Mistel ihre Wirtspflanze nicht zerstören, sondern kann mit ihr gemeinsam bis zu 50 Jahre alt werden. Vielleicht aber ist das Bild vom Krebs im Baum ein Hinweis und war Anstoß für Überlegungen, in deren Resultat die Mistel heute besonders in der Krebstherapie eingesetzt wird.

Schon im Altertum hatte die Mistel eine besondere Bedeutung. Verantwortlich dafür sind vermutlich ihre Eigenarten, die sie von anderen Pflanzen deutlich unterscheidet: sie wurzelt nicht in der Erde, ist immergrün, ihre unscheinbaren, gelblich-weißen Blüten erscheinen im Februar, also mitten im Winter und ihre Früchte, die Mistelbeeren, reifen im November. Diese eigenartig kugelige Gestalt scheint also allen Kräften der Natur zu trotzen und wurde deshalb in vielen Kulturen als heilig oder magisch verehrt. Gallische Druiden beispielsweise sahen die Mistel als Geschenk des Himmels. Sie schnitten sie am 6. Tag des Neumonds, in weiße Kleider gehüllt, mit goldenen Sicheln und achteten strengstens darauf, dass sie nicht mit der unheiligen Erde in Berührung kommen.

In der germanischen Mythologie stirbt Baldur, Sohn Odins und der Freya, an einem Mistelpfeil, und die bis heute gebräuchliche Weihnachtsmistel soll Glück und einen reichen Kindersegen bringen, weil sie vor Zaubern und Dämonen schützt. Regionale Bezeichnungen wie Hexenbesen, Drudenfuß oder Hexenkraut weisen auf Vorstellungen der Menschen von der Kraft dieser Pflanze hin. Bäume mit Mistelpflanzen werden niemals vom Blitz getroffen, glaubte man, und suchte bei Gewitter unter ihnen Schutz. Neben diesen „magischen“ Kräften erkannten die Ärzte und Heilkundigen des Altertums recht bald die Heilkräfte der Mistel. Besonders Hildegard von Bingen (1099-1179) erkannte den Wert der Mistel als „ausgezeichnete und vielseitige Heilpflanze“. Hieronymus Bock beschrieb in seinem Kräuterbuch die Mistel als Mittel „wider die fallend sucht“, also gegen Epilepsie, und gegen zahlreiche andere Leiden. Zu diesen gehörten innerliche Blutungen, beispielsweise nach einer Geburt, bei Tuberkulose und auch bei einfachen Nasenbluten. Auch bei Gelenkerkrankungen, rheumatischen Beschwerden und Arteriosklerosen kam die Mistel zum Einsatz. Sebastian Kneipp therapierte „kalte Füße“ mit ansteigenden Mistelfußbädern, um die Durchblutung wieder zu normalisieren. Misteltee galt als das Mittel bei Schlafstörungen und Menstruationsbeschwerden und seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts auch bei Bluthochdruck.


Innere Anwendungen mit Misteltee

Heute weiß man, dass die Mistel bei leichtem und mittelschwerem Bluthochdruck durchaus helfen kann, bei starkem Bluthochdruck jedoch nicht. Hier kann sie aber die unangenehmen Begleiterscheinungen dieser Volkskrankheit, wie Schwindelgefühl und Kopfschmerzen lindern. Dazu sollte regelmäßig morgens und abends je eine Tasse Misteltee oder auch gemischter Tee aus Mistel-, Melissen- und Weißdornblätter zu etwa gleichen Teilen getrunken werden.

Misteltee

Der „Tee“ aus Mistelzweigen und -blättern ohne Beeren ist ein Kaltauszug, da beim Erhitzen wichtige Wirkstoffe zerstört werden würden. Deshalb übergießen Sie zwei bis vier Teelöffel getrocknete Mistelblätter mit einem Viertel Liter kaltem Wasser und lassen diesen Aufguss zehn bis zwölf Stunden ziehen. Nach dem Abseihen können Sie den Sud morgens auf nüchternen Magen und abends trinken. Bei Teemischungen verfahren Sie genauso oder bereiten die einzelnen Bestandteile getrennt vor und gießen sie dann bei gemäßigter Temperatur zusammen.


Misteltee wird auch angewendet bei:
nervösen Reizzuständen: zwei bis vier Teelöffel Mistelblätter und zwei Teelöffel Salbei
Arterienverkalkung: zwei bis vier Teelöffel Mistelblätter und ein bis zwei Teelöffel Schafgarbe
Menstruations- und Zyklusbeschwerden: zwei bis vier Teelöffel Mistelblätter, ein Teelöffel Frauenmanteltee und ein Teelöffel Schafgarbe


Misteltinktur äußerlich und innerlich angewendet

Bei Bluthochdruckbeschwerden, Arteriosklerose, Nervosität und Reizzustände kann auch eine Misteltinktur Linderung verschaffen. Einige Tropfen davon helfen auch – äußerlich angewendet – bei Neuralgien, also Nervenschmerzen.

Misteltinktur

Geben Sie drei Teelöffel Mistelblätter in eine dunkle Flasche. Darüber gießen Sie 100 Milliliter Weingeist (70%), verschließen die Flasche und lassen sie zehn Tage an einem mäßig warmen, lichtgeschützen Raum ruhen. Danach filtern Sie die Flüssigkeit ab und füllen sie in eine Flasche mit einem Tropfenzähler (Apotheke).
Innerlich angewendet nehmen Sie zwei bis drei mal täglich 20 bis 25 Tropfen, für äußere Anwendungen reiben Sie einige Tropfen der Tinktur auf die schmerzende Stelle.


Wird Misteltee in größeren Mengen als angegeben getrunken, können Magen-Darm-Störungen auftreten, die aber nach Absetzen der Dosis recht schnell wieder verschwinden. Bei hartnäckigen Beschwerden sollten auch Mistelanwendungen mit dem Hausarzt abgestimmt werden, insbesondere, wenn noch andere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden.


Die Mistel in der Krebstherapie

Die Misteltherapie bei Krebserkrankungen geht zurück auf Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie, einer geisteswissenschaftlichen Weltanschau-ungs- und Erkenntnislehre, in deren Zentrum der Mensch steht.

Steiner beobachtete die anfangs beschriebenen Eigenarten der Mistel genau und beschrieb sie als „verunglückte“ Pflanze und „missratener“ Baum mit einem zeitlichen und räumlichen Eigenleben. Auch eine bösartige Krebsgeschwulst entzieht sich der ineinandergreifenden, abgestimmten Ordnung des Gesamtorganismus und vermutlich waren es diese Überlegungen, die um 1920 die Misteltherapie in die anthroposophisch erweiterte Medizin einfließen ließen. Seitdem ist sie eine wirkungsvolle Ergänzung der herkömmlichen Krebstherapie, wenn auch erst in den letzten 15 Jahren verstärkt klinisch geprüft wird, auf welchen Wirkprinzipien Mistelpräparate basieren. Dabei führt man die Wirksamkeit der Mistel insbesondere auf eine Eiweißverbindung, das Mistellektin 1 (ML-1), zurück. Bleiben wir jedoch beim Ansatz der anthroposophisch erweiterten Medizin, die die Wirksamkeit der Mistel gerade auf ihre Gesamtbestandteile zurückführt. Dazu gehören neben dem Mistellektin 1 noch ML-2 und ML-3, verschiedene Peptide und Polypeptide, wie Viscotoxine, Kohlenhydratverbindungen (Poly- und Oligosaccharide). Insbesondere bei den Mistellektinen und den Viscotoxinen wurde eine antitumorale Wirkung bereits nachgewiesen. Daneben erzielt die Misteltherapie drei weitere wichtige Effekte:

1. Sie stimuliert das Immunsystem.
Nach einer Mistelinjektion steigt die Zahl bestimmter Arten unserer Abwehrzellen deutlich an. Dadurch wird die körpereigene Abwehr von freien Krebszellen unterstützt und das desolate Immunsystem nach Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie wieder aufgebaut.

2. Sie verbessert deutlich die Lebensqualität des Patienten.
Neben der Stärkung des Immunsystems wirkt die Misteltherapie appetitfördernd und hilft dem Patienten damit, sich ausreichend zu ernähren. Außerdem wirkt das Mistellektin 1 schmerzlindernd und stimmungsaufhellend, weil es die Endorphin-Ausschüttung stimuliert. Die Misteltherapie unterstützt einen gesunden, tiefen Schlaf und stabilisiert den Blutdruck.

3. Sie unterstützt die Fähigkeit des Patienten, Wohlbefinden und inneres Gleichgewicht herzustellen und mit Stresssituationen fertig zu werden.

Untersuchungen mit Krebspatienten haben ergeben, dass diese Fähigkeit, auch „Selbstregulation“ genannt, nicht unerhebliche Auswirkungen hat auf die Überlebenszeit der Patienten. Weiterhin wurde festgestellt, dass Patienten, die sich einer Misteltherapie unterzogen, diese Fähigkeit stärker besaßen als andere. Ihre Überlebensdauer verlängerte sich im Durchschnitt von 36 auf 52 Monate.

Die Mistel ist sicher nicht das herbeigesehnte Wundermittel gegen Krebs, aber als eine sinnvolle Begleittherapie zu herkömmlichen Behandlungsmethoden ist die Misteltherapie von großem Nutzen für die Betroffenen. Das beweisen jahrzehntelange Erfahrungen anthroposophischer Ärzte. Wissenschaftliche Studien der Gegenwart werden hier sicherlich noch mehr Licht in das bisherige Morgendämmern der Krebs- und Misteltherapie bringen.

Literatur

Alte Hausmittel neu entdeckt, Tosa-Verlag Wien 2003
Mistel & mehr – Integrative Krebsbehandlung, Weleda-AG

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Autor:Christiane Thomas (04.11.2003)

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