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naturel>Leser>Themen>Sinnlichkeit und Romantik naturel>Leser>Archiv>Ausgabe 2006 April |
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Beziehungen von Anfang bis Ende Teil 2
Autor:Rüdiger Dahlke (20.03.2006)
Was uns in Beziehungen passiert, ist immer schon passiert. Wir sind nicht die ersten, die sich verlieben und himmelhoch jauchzend sind, um nachher zu Tode betrübt und tief enttäuscht zurückzubleiben. Die mythologische Geschichte von Paris mag das verdeutlichen. Paris wird als Königskind am Königshof von Troja geboren. Priamos, der König, ist sein Vater. Bei der Geburt von Paris wird geweissagt, dass durch diesen Sohn das Königreich des Vaters untergehen wird. Daraufhin beschließt Priamos diesen gefährlichen Sohn umzubringen beziehungsweise ihn umbringen zu lassen, da er sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Der mildtätige Henker, wie sie oft im Märchen oder Mythos vorkommen, setzt den unschuldigen Buben aber lieber irgendwo aus als ihn eigenhändig zu töten. Das Baby Paris wird noch rechtzeitig von Hirten gefunden, die ihn aufziehen und es wächst zu einem wunderbaren, von Gesicht und Gestalt wohlproportionierten, sehr intelligenten und alle Herzen gewinnenden Jüngling heran. Auf Grund seiner herausragenden Eigenschaften wird er auf Erden so bekannt, dass auch die Götter auf ihn aufmerksam werden.
Als es einen Streit zwischen den Hauptgöttinnen des griechischen Panteons, zwischen Hera, Athene und Aphrodite, gibt, die herausfinden wollen, wer die Schönste von ihnen sei, tritt Paris in den Mittelpunkt der antiken Geschichte. Zeus drückt sich vor einem Urteil, da er weiß, dass nichts Gutes herauskommen kann, wenn er entscheidet. So sucht er sich Paris aus. Weil er der schönste Jüngling auf Erden ist, soll er entscheiden. Die Göttinnen versuchen - und da ist die alte Zeit der modernen sehr ähnlich - Paris zu bestechen: Athene sagt: âIch schenke dir den Sieg in allen Schlachten!â Hera bietet ihm weltliche Macht und Herrschaft und Aphrodite sagt: âIch schenke dir die Liebe der schönsten Frau der Welt, Helena!â. Paris wählt die Liebe und bekommt den (Trojanischen) Krieg - der alten Prophezeiung entsprechend. Denn Helena war dummerweise schon mit dem Griechenkönig Melenaos verheiratet.
Etwas sehr ähnliches passiert bis heute und enthüllt ein zeitloses Beziehungsmuster: Man wählt die Liebe und plötzlich ist (trojanischer) Krieg. Dabei spielen sogar immer noch trojanische Geschenke eine gewisse Rolle. Es sind mustergültige Symboliken, die wir ständig erleben. Der Schatten ist immer schnell da, besonders wenn man nicht von vornherein auf ihn eingestellt ist. So gibt es Menschen, die alles unheimlich gut meinen und doch so viel Negatives ernten. Alle Friedenspolitiker kommen durch Gewalt um, Gewaltpolitiker dagegen eher nicht. Wieso ist das so? Hier spielt das große Thema der Polarität herein, das zu bewältigen die größte Lebensaufgabe darstellt Partnerschaft aber ist das ideale Übungsfeld für dieses Thema. Wenn in der Partnerschaft aus der heißesten Liebe der kälteste Hass wird, sind wir mitten im Thema Polarität. Wenn man diesen grundsätzlichen Mechanismus nicht durchschaut, bleibt es immer schwer. Wer seine Beziehung zum Heil voranbringen will, muß man sich auf dieses Schattenreich mit seinen Fallen einstellen und vor allem auch auf das eigene. Das des anderen ist nur Auslöser und Möglichkeit, das eigene zu erkennen. So wie der Zenmönch mit seinen kreisenden Gedanken dasitzt und seine Probleme wälzt, dabei vielleicht sogar Hämorrhoiden bekommt, weil er auf seinen ungelösten Problemen so lange hocken muß, so erleben wir in der Partnerschaft, auf anderen Ebenen, ähnlich schwere Situationen. Der Vorteil des Zenmönchs ist lediglich, daß er weiß, daß es immer nur an und in ihm liegt, alle Probleme wie auch alle Lösungen. Ein Unterschied zur Partnerschaft ist das nicht, nur bei letzterer übersehen wir den fundamentalen Innenbezug nur zu gern und glauben, daß die Lösungen draußen, vor allem eben beim Partner lägen. Letztlich ist der Weg in der Partnerschaft wohl sogar zum Scheitern gedacht. Denn am Scheitern lernen wir besser als sonst irgendwo. Verschiedene archetypische Muster zeigen das. Parzifal wird in einer Art und Weise erzogen, die ihm verbietet je Fragen zu stellen. Er ist ganz gehorsam. Als er tölpelhaft in die Gralsburg stolpert, fragt natürlich nichts und so gehen seine Chancen auf Erlösung dahin. Danach gerät er immer tiefer ins Elend. Er gehorcht seiner Ausbildung und dieses Gehorchen führt ihn ins Scheitern. Im Kunstmärchen von Amor und Psyche ist es gerade umgekehrt. Das Mädchen Psyche ist in den Liebesgott Eros- Amor verliebt und beginnt ein wundervolles Verhältnis mit ihm. Er sagt ihr sehr deutlich, daß es nur solange so wunderbar und himmlisch bleiben kann, wie sie ihn nicht anschaut! Sie hat ihn nie gesehen, aber schon oft genossen. Ihre Schwestern machen sie nun so neugierig, bis sie ihn doch entgegen den Warnungen ihres Geliebten anschaut. Sie ist also ungehorsam, und aus diesem Ungehorsam, aus diesem Scheitern an ihren Vorgaben, ergibt sich ihr Entwicklungsweg, der sie später tief in den weiblichen Pol und bis in die totale Hingabe ans Leben führt. Die biblische Eva ist auch solch eine Frau, die ihren und unser aller Entwicklungsweg durch Ungehorsam in Gang bringt. Sie hält sich nicht an das göttliche Verbot und isst vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, der Polarität also. Die mythischen Männergestalten kommen häufig durch Gehorsam ins Scheitern und damit auf den Weg der Entwicklung, die weiblichen ihrerseits durch ihre Auflehnung. Im Endeffekt führt aber sowohl das Gehorchen wie auch das Auflehnen zu jenem Scheitern, in dem sich die Held(inn)en der Mythen und Märchen und wir uns bis heute bewähren können. Wenn wir das von vornherein nicht so negativ sehen würden, läge darin eine große Chance. Das kann und muß eigentlich schon bei den Kleinigkeiten beginnen. Wenn wir Glück und Harmonie im Auge haben, ist es offensichtlich notwendig, durch solche angedeuteten Entwicklungsprozesse dorthin zu gelangen. Wir brauchen die Gegensätze, um an ihnen zu wachsen. Nicht umsonst ist Harmonia in der griechischen Mythologie die Göttin des Ausgleichs, ein Kind von Venus-Aphrodite, der Liebesgöttin, aber auch von Mars, dem Kriegsgott. Harmonie entsteht wie ihr Bruder Eros-Amor aus diesem âschlampigenâ Verhältnis der beiden so verschiedenen Götter. Sie könnten nicht gegensätzlicher sein und gehorchen offenbar dem Prinzip Gegensätze ziehen sich an. Eigentlich ist Venus mit dem lahmen Götterschmied Hephaistos verheiratet. Er ist zwar nicht schön, aber sehr kunstsinnig. Hier wirkt âGleich und Gleich gesellt sich gernâ. Ihre Faszination aber gilt dem groben, ungehobelten Kriegshelden Mars. Aus diesem Verhältnis entsteht viel Wesentliches wie eben auch der schon erwähnte Eros, Amor, der mit den Kriegspfeilen seines Vaters das Anliegen seiner Mutter Venus, die Liebe, durch die Gegend schießt und damit einiges anrichtet. Wie Harmonia bleibt er immer ein Kind von Krieg und Frieden. Weswegen zum Beispiel auch alle Versuche, Harmonie zu erreichen, die Mars nicht einbeziehen, zum Scheitern verurteilt sind. Besonders krass läßt sich das in der Esoterik-Szene sehen. Dort finden sie einige Leute, die konsequent nur auf den einen Pol setzen: Sie geben sich über die Maßen friedlich, gehen leise, reden leise, kleiden sich weiß in der Farbe der Vollkommenheit und grinsen blöd. Ihre Hoffnung, dass das zu Harmonie führt, wird allerdings immer mehr oder weniger rasch enttäuscht. Wenn wir die Kraft und Energie (des Mars) nicht einbringen, können wir dem Ausgleich (Harmonia) nicht begegnen. Die mythischen Vorbilder oder Archetypen zeigen, dass dahinter tieferes Wissen steckt. Die Gefahren lauern immer in der Scheinharmonie. Aus der Esoterik-Szene ist das Konzept der âDualseeleâ bekannt, ein besonders kitschiges Konzept. Die Vorstellung ist die: Ich warte so lange, bis der Idealpartner kommt. Der passt dann zu mir wie der Schlüssel ins Schloss. Dann brauchen wir uns nie mehr verändern und ergänzen uns perfekt. So können wir dann nach einem Leben voller Glück und ohne irgendwelchen Zwang zur Entwicklung gemeinsam Arm in Arm untergehakt im Paradies einlaufen. Das findet leider aber in der Wirklichkeit nicht statt. Leute, die sich für solche Illusionen begeistern, können und wollen sich meist nur nicht einlassen. Sie verwarten lieber ihr Leben in der Hoffnung auf das himmlische Wesen, daß sie ohne eigenes Dazutun so wundervoll ergänzen soll, und dann leider aber nicht auftaucht. Wenn es doch einmal auftaucht, zeigt sich nach einiger Zeit, daß die himmlische Ergänzung in Schattenarbeit umschlägt. Der vorzeitige Griff nach oben zum Himmel ist auch in diesem Fall fatal. Die Betroffenen meinen das natürlich nicht böse, sie durchschauen das Spiel ja gar nicht. Sie hoffen auf die Dualseele, während ihr Leben vergeht, ohne dass sie sich eingelassen und einen entwicklungsfördernden Austausch zugelassen hätten. Nur wenn man sich auf einen konkreten Menschen einläßt, der hier von der Erde kommt und Fehler hat und diese auch spiegelt, besteht die Chance zu wachsen, heiler, vollständiger und reifer zu werden. Der Dualseelen-Kitsch schließt dagegen Entwicklung aus und führt aus diesem Grund an Entwicklung vorbei. Das wurde auch wieder mythisch verarbeitet. Der bayerische Volksmund sagt: âDem muss man eine backen!â Das heißt soviel wie âEs gibt keine für ihn. Er hat solche Ansprüche, die sind vorab schon so hoch, daß sie keine reale Frau erfüllen kann.â Die Mythologie greift das in der Geschichte von Pygmalion auf. Der hatte seine Ansprüche so hoch geschraubt, dass keine lebende Frau für ihn in Frage kam. Schließlich hat er sich in seiner Eigenschaft als Künstler eine Idealfrau aus Marmor geschaffen und so lange an Venus- Aphrodite hingebimst, bis sie ihm diese Marmorfigur zum Leben erweckte. Sein persönliches Drama kam dann anschließend. Volkstümlicher kennen wir das im Musical âMy Fair Ladyâ. Der Sprachforscher Prof. Higgins bastelt sich die ideale Frau aus dem Gassenmädel Elisa Dolittle zusammen. Äußerlich bekommt er das gut hin. Die Rache kommt auch hier zum Schluss und fordert Entwicklung von ihm. Elisa entwickelt nämlich Eigenleben und Prof. Higgins muss aus dem akademischen Elfenbeinturm heraus zu ihr ins richtige Leben hinuntersteigen und sich ihrer eigenen Art nähern. Dr. med. Ruediger Dahlke, Jahrgang 1951, Arzt und Autor; seit 1978 als Psychotherapeut, Fastenarzt und Seminarleiter tätig. Ab 1989 Aufbau und Leitung des Heil-Kunde-Zentrums für Psychotherapie, ganzheitliche Medizin und Beratung in D-84381- Johanniskirchen zusammen mit seiner Frau Margit. Weitere Informationen: www.dahlke.at. Autor:Rüdiger Dahlke (20.03.2006) |
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