| Einstieg ins Karwendel |
Entlang der Isar wandert man ins Karwendel, durchquert das Inntal, überschreitet zwischen mächtigen schneebedeckten Zillertaler Gipfeln den Alpenhauptkamm in knapp 3000 m Höhe, gelangt auf nicht immer sonnigen Höhenwegen durch die Dolomiten, kommt in das schöne Veneto und erreicht dann die weltberühmte Lagunenstadt.
Im Alpenbereich sind 33 Pässe, Scharten und viele Joche zu überwinden! Es müssen ca. 20.000 Höhenmeter im Aufstieg und im Abstieg bewältigt werden!
| Begegnungen am Wegesrand |
Mit normalem, durchschnittlichem Leistungsvermögen benötigt man als bergerfahrener Wanderer zu Fuß etwa 28 Tage auf der Graßlerschen Route. Ratsam ist es aber, zusätzlich 3 bis 4 Ruhetage einzulegen.
Was aber macht den Reiz des Traumpfades aus?
Vorbei an vielen landschaftlich beeindruckenden Stellen der Ostalpen und zahlreichen Naturschönheiten führt der Weg. Einmalige Begegnungen abseits von Autostraßen lassen die Begehung des Traumpfades zu einem „Erlebnis des Lebens“ werden!!!
Der Start am grünen Fluss in München
Der schon 79jährige „Nestor“, Herr Graßler, begrüßte die Wanderer nach Venedig in herzlicher, humorvoller Weise. Bei „Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus“ und den besten Wünschen fiel der Abschied sonntag morgen bei strahlend blauem Himmel leicht. Man geleitete uns vom Marienplatz an die Isar. Schon bald kam mir die treffliche Darstellung aus dem Buch „Am grünen Fluß“ von Carmen Rohrbach, namhafte Reiseschriftstellerin und Entdeckungsreisende, wieder in den Sinn. „Dieser Fluss zieht jeden in seinen Bann, der an Natur, Kultur, Mensch oder Technik interessiert ist.“ (siehe naturel 08/2003) Auch mich hatte die Isar zu Beginn meiner Wanderung tief berührt. Leider geriet dabei mein Wanderfreund frühzeitig aus dem Blickfeld. Dennoch fühlte ich mich trotz sommerlicher Hitze, noch 32km Wegstrecke nach Wolfratshausen und mit reichlich 15 kg auf dem Buckel an der Isar mehr erquickt als verzagt. Spät nachmittags am Isarkanal entdeckte ich ein blühendes schmalblättriges Knabenkraut, ich traute meinen Augen kaum. Welch ein Gefühl für den nun schon müden Wanderer. In den nächsten beiden Wandertagen folgten zahlreiche reizvolle Begegnungen und Eindrücke am Wildfluss, früher die „Reißende“ genannt.
| Benedikterwand mit Tutzinger Hütte |
Am vierten Wandertag hinter Lenggries wurde meine Tour jäh von der rauen Wirklichkeit überschattet. Mein Wanderfreund fand nicht mehr zu mir. Er musste aus gesundheitlichen Gründen heimreisen.
Zu allem Pech stürzte ich bei Regen hinter der Benediktenwand auf die Stirn. Die hilfsbereiten Kameraden der Bergwacht Penzberg, die sympathische Ärztin im Krankenhaus sowie Klaus, fleißiger Helfer und gute Seele auf der Tutzinger Hütte, das waren auch moralisch meine Helfer in der Not.
Nach gedankenschwerer Nacht fand ich fünf gute Leitlinien für meinen weiteren Weg:
„Im Glauben“: Als Christ, um Segen bittend und dankend im Gebet!
„Das Ziel“: Ja, ich möchte, aber nicht, ich will um jeden Preis nach Venedig gelangen!
„Urlaub 2004“: Vier Wochen ohne Handy, Bürokram, PC - so soll es sein!
„Solo“: Auf mich allein gestellt - Tagesetappen meinem Leistungsvermögen entsprechend!
„Nordic Walking.“: Zügig wandern im kräftigen Stil - wie es die Wege ermöglichen!
In zwei Tagesetappen gelangte ich bis vor die im milden Abendlicht konturenscharfen Berge des Karwendels. Welch ein Anblick! Wenn auch ein wenig gezeichnet, mit einer Kompresse auf der Stirn und schon wunder Stelle auf der Schulter, fiel mir das Wandern nicht so schwer wie befürchtet. Fremde Menschen gaben dem Wanderer wieder Hoffnung und Zuversicht. Nach heftigem Berggewitter, mit Kopflampe und vor Nässe triefend, erreichte ich zu nächtlicher Stunde Jachenau. Der Wirt begrüßte mich sofort mit seiner Feststellung: „Du willst nach Venedig!“ Nach kurzem Zögern antwortete ich: „Ja, ich will“. Ein bittender Wanderer bekam nach kräftigem Mahl auch noch zwei Äpfel mit auf den Weg. In der Kaiserhütte vor Hinterriß war dann meine „Wanderwelt“ mit Kaiserschmarrn, Radler, Nachtlager und am Tisch einer sympatischen schwäbischen Kinderwandergruppe, geführt von Joachim, wieder heil.
Wildes Karwendel
Im Besucher-Zentrum Alpenpark Karwendel in Hinterriß half mir die diensthabende, nette Dame mit Rat und Tat. In froher Runde auf dem Karwendelhaus bei einem Glas Roten waren all die Anstrengungen der ersten Wanderwoche vergessen.
Die sonntägliche „Königsetappe“ zum Hallerangerhaus mit steilem Anstieg zum Schlauchkarsattel kostete viel Kraft.
Sie führte die Wanderer durch eine urweltliche Gebirgslandschaft, gab unvergessliche Blicke auf die imposante Bergkulisse des schroffen Kalkgebirges frei und ließ ein wenig vom Zauber einer wild-urwüchsigen Berglandschaft erkennen.
| Blick zurück: Wolkenmeer über dem Inntal, im Hintergrund die letzten Bergkette des Karwendels |
Wohin führte der Weg wohl nächsten Morgen? Zuerst an die Isarquelle! Dort lagerten zwei junge Berliner Wanderer voller Tatendrang. Sie waren auch auf dem Weg nach Venedig. Wir stiegen hoch über die letzte Bergkette des Karwendels, genossen gemeinsam den Vorblick zum Tuxer Kamm und geschwind ging´s hinunter in das Inntal.
Über die Zentralalpen
Bei Morgendämmerung überquerte ich den Inn. Mit Blick auf die alte Brücke von Hall i.Tirol lag eine fast melancholisch zu nennende Stimmung über dem breiten Tal. Der Weg führte aufwärts und an der Glungezer Bergbahnstation brach sich die Sonne ihre Bahn, ein grandioser Anblick: Wolkenmeer über´m Inntal und nördlich ragte gewaltig die letzte Karwendel-Bergkette empor. Einsam auf schmalen Pfaden führte mein Weg übers Naviser Jöchl zur Lizumer Hütte. Der heftige Wind drückte mich manchmal fast weg vom Hang. Das war meine zweite „Königsetappe“ mit über neun Stunden Wanderzeit. Sie sollte nicht die letzte sein. Der nächste Wandertag bescherte Augenblicke und Erlebnisse besonderer Art: Am Pluderlingsattel zu Füßen, wie ein glänzender Edelstein, der Junssee; Blick nach vorn auf den Tuxer Gletscher; eine immens nach oben frei gewordene Felsfläche als unübersehbares Zeichen des Gletscherrückgangs durch den Klimawandel.
| Gipfelkreuz: Gott mit dir du Land der Berge,
Heimaterde - Tirolerland, Über deine weiten Täler, Walte seine Segenshand. |
In der mit Firnfeldern durchsetzten Steinlandschaft empfand ich die Ruhe und Einsamkeit des Hochgebirges besonders wohltuend. Aber schon war die Betriebsamkeit der benachbarten Gletscherbahn mit dem Sommerski-Rummel zu ahnen. Es regten sich zwei Seelen ach in meiner Brust. Weiterwandern oder Gipfel? Es gelang, der Fön hielt durch und ich war halb drei der Letzte auf dem Hohen Riffler in 3232m Höhe. Mein besonderer Gruß galt dem Olperer, den Zillertaler Gipfeln und den Hohen Tauern mit Großglockner und Großvenediger!
Tags darauf läutete Petrus eine schlechte Wetterperiode ein. Bei peitschendem, kaltem Regen kämpfte ich mich mühsam über´s Pfitscher Joch. Am frühen Abend erhielt der Wanderer doppelten Lohn: Ein herrlicher Regenbogen über dem Pfitscher Tal und ein duftendes Nachtlager im Heu auf dem Boden des Stadls. Adieu, liebe Bauersleut´ und auf ein baldiges Wiedersehen mit den Zillertalern Gipfeln.
| Auf dem Weg zum Pordoi-Joch |
Nie werd ich´s vergessen, den langen, anstrengenden Aufstieg durch den stillen, dichten Rodenecker Wald. Aber dann erschallte mein Freudenschrei: Joi, der Peitlerkofel! Vor den Wanderern und den massenhaften Sonntagsausflüglern erschien ein Bilderbuch- Panorama, die Kuhglocken klangen schöner denn je und in der Landschaft lag Harmonie, aber am Horizont die Spannung der bleichen Berge. Respektheischend wirkte der Peitlerkofel wie eine Doppelsäule am Eingang der Dolomiten. Näher wollte ich heran, lief weit über das Tagesziel, die Kreuzwiesenhütte, hinaus und erreichte im Mondenschein einen Bergsee in 2000m Höhe.
Zuvor erlebte ich am Jakobsstöckel ein phantastisches Alpenglühn und sah das schönste Kreuz auf meinem Weg nach Venedig.
| Im Banner der Civetta |
Veneto, an der Piave und die Mühsal der Ebene
Weiter führte der Traumpfad durch eine hügelige Landschaft mit Weinbergen und Burgen, voller Vielfalt und Harmonie -das Veneto. Wie vollkommen war es wohl im Garten Eden? Dem Wanderer ist zu dieser Jahreszeit ständig der Tisch gedeckt. Er kann von den lieblich, würzigen „Prosecco“-Trauben nach Herzenslust naschen.
| Prosecco-Trauben im Veneto |
Am Ziel
Am 3. September, an meinem 26. Wandertag, erreichte ich endlich das Meer am Strand von Jeselo Lido und die Landspitze Punta Sabbioni. Auf der Fahrt mit dem Schiff überkam mich beim Anblick des Stadtbildes von Venedig ein Gefühl voller Glück, Stolz und Zufriedenheit. Aber in Venedig ist man bekanntermaßen nie allein. Mich warfen die vielen Menschen, das Gewimmel auf dem Markusplatz und die hochsommerliche Wärme nach den Anstrengungen der letzten Tage völlig aus der Bahn. Da half nur ein Bellini in Harrys Bar. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang nahm ich mit einem Bad im „Mare Adriatico“ Abschied und kam wieder seelisch ins Lot.
| Sonnenaufgang über dem Mare Adriatico: Leuchtturm Faro di Piave Veccia |
Meine Empfehlung: Statt zuviel Leben vor dem Bildschirm, mehr Wandern in den Bergen!






