| Dückelmann-Haus: Malerstraße 18, heute. |
Kennen Sie eigentlich den Artushof in Dresden-Oberloschwitz? Nein? Bei einem Herbstspaziergang am letzten Sonntag war ich auf der Suche nach ihm. Von der Endstation der Schwebebahn die Sierksstraße hinauf kommt man direkt auf die Malerstraße. Beim Anblick der herrlichen alten Villen links und rechts der Malerstrasse verströmen diese in der Herbstsonne einen Hauch des Flairs, das diese Gegend hier vor rund hundert Jahren geprägt haben muss. Man spürt es förmlich, da liegt Geschichte in der Luft. Die gewundene Malerstraße entlang spazierend und diese Atmosphäre genießend stehe ich plötzlich vor einem großen alten Tor, das so gar nicht zu einer dieser zahlreichen Villen passen will. Und tatsächlich - schräg dahinter - was für ein Schlösschen! Ich laufe die dicke Grundstücksmauer entlang bis zur anderen Seite, da begrenzt nur noch ein Drahtzaun das Gelände. Völlig fasziniert betrachte ich die große alte Villa, die in ihrer Architektur auch etwas von einer Festung hat. Flugs klettere ich weiter unten über einen Holzzaun und stehe auf einer großen Wiese. Hier wateten also vor ca. 100 Jahren die Frauen morgens im taufrischen Gras. Denn das war die Frauenpraxis der ersten Naturärtztin in Dresden: Anna Fischer-Dückelmann.
| Morgenlauf: Anna Fischer-Dückelmann mit Patientinnen, wie sie morgens im taufrischen Gras waten. Im Hintergrund ist der Artushof, Malerstraße 18 zu sehen. |
Als Tochter des Oberstabsarztes und Gutsbesitzers Friedrich Dückelmann wurde sie im niederösterreichischen Tagwein geboren. Gegen den Willen der Eltern heiratete sie den Philosophen Arnold Fischer und zog mit ihm 1880 nach Frankfurt am Main.
Drei Kinder gingen aus der glücklichen Ehe hervor, und nachdem diese aus dem Gröbsten heraus waren, entschloss sich Anna Fischer-Dückelmann mit 34 Jahren Medizin zu studieren. So zog die ganze Familie nach Zürich. Das sorgte damals für Aufruhr: Eine Frau dringt in die Männerdomäne Medizin ein. Sie selbst schrieb darüber: „Als mein Vorhaben bekannt wurde, da schüttelte mancher den Kopf – es fiel den meisten schwer, den inneren Zusammenhang der Dinge zu finden! Es erschienen sogar Artikel in Fachblättern gegen mich, in welchen man mir direkt das Unsinnige meines Entschlusses vorhielt. Ein Fachschriftsteller schrieb mir: ‚Das med. Studium trägt schon für den Mann so grosse Gefahren in sich, wie erst für ein weibliches Gehirn!’ In Bezug auf die Gefahren hatte er ganz recht – ich habe sie in ihrem ganzen Umfang kennengelernt! – In Bezug auf die Schätzung der Leistungsfähigkeit weiblicher Gehirne aber bedarf dieser Mann noch einiger Studien.“ Selbst Vegetarierin und der Naturmedizin sehr nahestehend, arbeitete sie nun bereits im reifen Alter von vierzig Jahren zunächst im Bilz’schen Sanatorium. Später eröffnete sie dann eine eigene Frauenarztpraxis in Dresden in der Rietschelstr. 17 und zog dann um auf die Malerstraße 18.
| Sitzbad: Ein Sitzbad in der Wanne. |
Sie war die erste und lange Zeit auch die einzige Ärztin, die sich der Naturheilkunde zuwandte. Ihr Aufklärungsbuch „Die Frau als Hausärztin“( Stuttgart, 1901) wurde zum Bestseller. Das mehr als 1000 Seiten dicke Buch wurde in 13 Sprachen übersetzt, hatte 1913 die Millionenauflage überschritten und erschien in der 5. Auflage noch 1958. Das volkstümlich gehaltene und mit vielen farbigen, ästhetischen Abbildungen versehene Buch richtete sich explizit an Frauen: „Der Zweck des vorliegenden Buches ist es, eine Fülle von Praktischen Ratschlägen, Lebensregeln und Warnungen zur Erhaltung und Wiedergewinnung der körperlichen und seelischen Gesundheit den Frauen auf ihren oft so dornenvollen Lebensweg mitzugeben. Wir glaubten dies am besten zu erreichen, wenn wir ermüdende theoretische Abhandlungen, unverständliche oder abschreckende Abbildungen oder Erklärungen recht seltener krankhafter Zustände, die den Frauen nicht den geringsten Nutzen bringen, möglichst zu vermeiden und dafür Wort und Bild den Anforderungen des Lebens, das ja so mannigfaltig ist, anzupassen zu suchen.“ In ihrem Buch stellt sie die ganze Palette der Naturheilverfahren wie Wasserkuren, Tautreten, Luftbaden, Massage, Heilgymnastik, Packungen, Bäder, Naturkost und Heilkräuter sowohl als Vorbeugemittel wie auch als wirksame und unschädliche Behandlungsalternativen zu den „Arzneigiften“ und unnötigen Operationen der organkonzentrierten Schulmedizin vor.
Kleine Geschichten veranschaulichen die praktischen Tipps. So schreibt sie über eine vierzigjährige Frau, die sich keinen Aufenthalt in einer Naturheilanstalt leisten konnte: „Mit guten Schriften über Gesundheits- und Schönheitspflege ausgerüstet, zog sie mit ihren Kleinen hinaus in eine einfache Sommerfrische, die aber an Naturschönheiten reich war. Und nun wurde der „Kurplan“ aufgestellt. Die Fenster ihres Zimmers gingen nach dem Walde, und da duftete es herrlich. Seitdem sie gelesen hatte, wie schädlich es sei, in geschlossener Luft zu schlafen, ließ sie sogar nachts die Fensterflügel weit offen, und oft sog sie nachts die würzige Luft mit Entzücken ein, wenn sie zufällig einmal erwachte. ... Also nachts die herrliche Waldluft im Schlafzimmer. Morgens um sechs Uhr aus den Betten heraus und in leichtester Kleidung auf die tauige Wiese am Waldesrand. ... Und nun wurde etwa eine halbe Stunde im Tau und Sonnenschein herumgestampft. Die Morgenluft war jedoch meist so frisch, dass Mutter und Kind bald zu frieren begannen; schien die Sonne warm genug, dann legten sie sich an einer trockenen Stelle nieder und ließen sich von den Sonnenstrahlen von allen Seiten durchwärmen. Reichte dies Wärme nicht aus, was oft der Fall war, da erstiegen sie in raschem Tempo den nahen Berg, freuten sich tagtäglich über den blauen Himmel und die schöne Fernsicht und kamen durch und durch erwärmt, von Sonne und Luft neu belebt, mit einem Wolfshunger als kleine Zugabe nach Hause. Wie schmeckte da das Frühstück! Ganz anders als in der Stadt und bestand doch nur aus frischer Milch, Obst und Schwarzbrot. Es war köstlich!“
So mancher sächsischer Haushalt hat „Die Frau als Hausärztin“ noch in seinem Bücherschrank stehen. Denn bis heute haben Anna Fischer-Dückelmanns Ausführungen beispielsweise zur Ernährung nichts an Aktualität verloren:„Nur wirklicher Hunger aber berechtigt uns zur Nahrungsaufnahme, nur die fühlbare Tatsache, daß unser Körper Zufuhr von Bau- und Heizmaterial benötigt, soll uns zum Essen bewegen, nicht Gewohnheit, nicht Gau-menreize und Gelüste. Ein ganzes Heer von Krankheiten würde verschwinden, wenn man alle ‚gutessenden’ Menschen von der Wahrheit dieser Worte überzeugen könnte; denn wie sehr unsere Nahrung Ursache und Quelle von Krankheiten ist, ahnen die wenigsten.“
Auf dem Monte Verita bei Ascona am Lago magiore kaufte Anna Fischer-Dückelmann 1913 ein Anwesen. Der Belgier Henri Oedekoven und seine Lebensgefährtin Ida Hoffmann hatten dort 1902 eine „Naturheilanstalt auf freigenossenschaftlicher Grundlage“ gegründet. Viele Siedler zogen dahin um ein einfaches, natürliches Leben zu führen und fielen „durch ihre Kleidung oder Nichtkleidung“ in der Umgebung auf. Mit ihren 58 Jahren! wollte Anna Fischer-Dückelmann hier noch einmal einen Neuanfang wagen und nach dem Kriegsende ein Sanatorium eröffnen. Doch durch die schlechten Bedingungen, hervorgerufen durch den Ersten Weltkrieg, konnte sie ihr Vorhaben nicht verwirklichen und starb am 5. November 1917 in Ascona.
Wenn Sie also sonntags mal wieder spazieren gehen, so lenken Sie doch ihre Schritte auf die Malerstraße in Oberloschwitz. Es lohnt sich. Übrigens: Die Villa kann man kaufen - ich hätt’s gern getan...






