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Ängste besiegen und Schmerzen lindern mit Hypnose
Autor:Christiane Thomas (01.11.2002)
Robert kann längst nicht mehr schlafen. Seit einer Stunde liegt der 27jährige junge Mann hellwach in seinem Bett und würde sich doch am liebsten den ganzen Tag unter der Bettdecke verstecken. Doch noch einmal kann er seinen heutigen Zahnarzttermin nicht verschieben. Und ein wenig Hoffnung setzt er ja in die Therapie, die in seiner neuen Zahnarztpraxis angewendet wird.
Robert ist ein typischer Fall extremer Zahnarztangst. Örtliche Betäubung verträgt er schlecht, die Schmerzen ohne dieses Hilfsmittel mag er aber auch nicht aushalten. Kein Einzelfall, 60% aller Frauen und Männer gehen nur ungern zum Zahnarzt, weitere 25% zögern einen Termin so weit es geht hinaus oder vereinbaren erst gar keinen mehr. Als Robert an diesem Tag wieder nach Hause kommt, ist er sehr erleichtert. Ohne zusätzliche Schmerzmittel hat er von der gefürchteten Behandlung kaum etwas gespürt. Während sich Robert unter einer medizinischen Hypnose gedanklich einem seiner letzten Sommerurlaubstage hingab, führte die Ärztin die Behandlung durch.
Eine Zukunftsvision? Mitnichten. Als therapeutisches Verfahren hat die Hypnose eine lange Tradition. „Seit Jahrtausenden sind Suggestionen und Trance-Rituale wichtige Bestandteile von Heilungsprozessen, deren Bedeutung in der modernen Psychotherapie, Medizin und Zahnmedizin zunehmend wieder erkannt wird.“, so die Deutsche Gesellschaft für Hypnose. Auch in Sachsen gibt es heute Zahnärzte, die mit Hilfe einer medizinischen Hypnose Ängste ihrer Patienten abbauen, Schmerzen kontrollierbar machen und so einen entspannten Zahnarztbesuch ermöglichen. Aber nicht nur in der Zahnmedizin hat die Hypnose ihre Berechtigung. Am meisten bekannt ist vermutlich die Hypnotherapie, bei der Hypnose zur Bewältigung von psychosomatischen Störungen, Depressionen, Ängsten, posttraumatischen oder Persönlichkeitsstörungen eingesetzt wird. Aber auch im chirurgischen Bereich, bei Operationen und Geburten und Geburtsvorbereitung wird die sog. „klinische Hypnose“ zunehmend genutzt. Die Universitätsklinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie Lübeck bietet ihren Patienten beispielsweise seit kurzem eine eigene, bundesweit bisher einzige Hypnosesprechstunde. „Wenn es der Patient wünscht, verzichten wir nicht nur bei ausgedehnten Kieferbehandlungen auf eine Vollnarkose. Auch Tumoroperationen, Abszesseröffnungen und wiederherstellende Eingriffe im Gesicht können in örtlicher Betäubung unter Hypnose durchgeführt werden“, erläutert Dr. Dr. Dirk Hermes das Verfahren. 120 Behandlungen bei 101 Patienten im Alter zwischen 15 und 87 Jahren wurden dort im vergangenen Jahr unter Hypnosedurchgeführt. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Bei 95 Prozent aller Hypnosesitzungen stellten die Chirurgen Trance-Phänomene fest, die zu einer deutlich stressärmeren Behandlungssituation für Patient und Arzt führten. Angstfrei und entspannt durchlebten die Patienten die chirurgischen Eingriffe. Bei einer späteren Befragung gaben alle Patienten mit positiver Trance-Erfahrung an, einer erneuten Behandlung unter Hypnose sofort zuzustimmen. Während der Hypnose verlagert sich die Aufmerksamkeit des Patienten von außen nach innen. Musik und beruhigende Worte helfen dabei, in einen entspannten Zustand zu gelangen, während sie sich intensiv zurückliegende schöne Erlebnisse vorstellen. Dabei normalisieren oder verlangsamen sich Herzschlag und Blutdruck, die Atmung wird regelmäßiger, die äußere Realität tritt in den Hintergrund. Oft kann sich der Patient gar nicht oder nur schemenhaft an die Behandlung erinnern. Dennoch ist er im Gegensatz zu einer Narkose die ganze Zeit über in ständigem Kontakt mit dem Therapeuten. „Gegen seinen Willen kann niemand hypnotisiert werden, alles geschieht in gegenseitigem Einvernehmen. Der Patient ist während der Hypnose wach, ansprechbar und kann aktiv in die Behandlung einbezogen werden. Außerdem ist er jederzeit in der Lage, seine Augen aufzuschlagen und die Trance abzubrechen.“, so Dr. Hermes. Trotzdem sollte eine medizinische oder psychotherapeutische Hypnose immer ein großes Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Hypnotiseur sowie umfangreiche Vorgespräche voraussetzen. Der Hypnotiseur wird während der Hypnose zur absoluten Bezugsperson für den Patienten. Showhypnosen in der Öffentlichkeit haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, den Ruf der seriösen Hypnosetherapie zu schädigen und die Menschen zu verunsichern. Furcht vor Manipulation und eigener Machtlosigkeit schreckte viele Patienten ab, wenn sie von Hypnose hörten. Die vielfältigen therapeutischen Möglichkeiten von Hypnose werden heute langsam wiederentdeckt und Menschen vom Staub der Vorurteile befreit, damit eine Jahrtausende alte Heiltradition wieder ihre Berechtigung erhält. Autor:Christiane Thomas (01.11.2002) |
November 2002
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