Wer war Maria Montessori und was hat sie bewegt?
Sie ist als erste italienische Ärztin in eine Sphäre eingedrungen,die bis dahin nur von Männern beherrscht wurde. In einer Zeit, als die Emanzipation der Frauen unter vielen Widerständen gerade erst begann, hat Maria Montessori sich in wahrhaft revolutionärer Weise für die Persönlichkeitsrechte der Kinder eingesetzt, die in der Pädagogik ja überhaupt keine Eigenwertigkeit und Rechte besaßen. Gegen viele Widerstände hat sie unmissverständlich klar gemacht, dass diese kleinen Wesen nicht eine verkleinerte und unvollständige Ausgabe der Erwachsenen sind, sondern eigenwertige Persönlichkeiten, die wir Erwachsenen wahrnehmen und achten müssen.
Was waren die prägenden Erfahrungen der Maria Montessori, aus denen heraus sie ihre pädagogischen Konzepte entwickelt hat?
Sie hat zunächst als Ärztin die Menschen studiert und die tiefen Zusammenhänge zwischen den physischen, psychischen und geistigen Ebenen der menschlichen Entwicklung beobachtet. Später hat sie als Pädagogin mit dem Wissen der Ärztin die ihr anvertrauten Kinder so gesehen, wie sie sind, und nicht etwa so, wie sie aus der Perspektive der Erwachsenen sein sollen.
Interessant ist dabei die Tatsache, dass Maria Montessori ihre pädagogischen Grunderfahrungen in der Kinderpsychiatrie gemacht hat.
Sie erlebte dort Kinder, die als geistig Behinderte abgestempelt waren. Ihre Frage war, wie diesen Kindern Entwicklungschancen gegeben werden konnten. Die Antwort, die Maria Montessori fand, hört sich erst einmal ganz einfach an. Kinder entwickeln sich aus ihrem Inneren heraus, wenn ihnen eine Umgebung geschaffen wird, die für das Kind stimmt. Zu dieser Umgebung gehören Materialien, mit denen das Kind spielen und auf seine Weise lernen kann. Zu dieser Umgebung gehört die Wahlmöglichkeit des Kindes zur selbstbestimmten Tätigkeit. Und zu dieser Umgebung gehört der pädagogische Begleiter, der die Kinder in ihrer Eigenart wahrnimmt, achtet und Sorge dafür trägt, dass deren physische, psychische und geistige Bedürfnisse und Impulse durch entsprechende Spiel- und Lernangebote gestärkt und nicht eingeengt werden.
Diese Erfahrungen – zunächst entstanden in der Kinderpsychiatrie – hat Maria Montessori auf eine allgemeinere Pädagogik im Umgang mit „normalen“ Kindern übertragen?
Die Achtung vor der eigenwertigen Persönlichkeit des Kindes hat allgemeinen Charakter. Darauf baut das Konzept der Montessori-Pädagogik auf. Ich bin überzeugt, dass dieser Ansatz unter den Bedingungen der heutigen Gesellschaft so kreativ und bedeutsam ist, wie er es schon vor 100 Jahren war.
Anders lernen – besser lernen?
| Im Mathematik-Unterricht |
Diese Raumgestaltung mit ihrem Angebot an vielfältigem Lernmaterial entspricht dem pädagogischen Konzept. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung von Eigeninitiative, Selbständigkeit und Kreativität. Räume und Arbeitsmaterial sind so gestaltet, dass den Kindern im Schulalltag selbstständiges Lernen und Tun ermöglicht wird. Das ist ein hoher Anspruch, denn die Kinder lernen, selbst für sich zu wählen und Verantwortung für ihr eigenes Tun zu übernehmen.
Als Lehrerin stehen Sie nicht über den Kindern, sondern auf gleicher Augenhöhe. Die Kinder reden Sie mit Ihrem Vornamen und „du“ an. Die Respektsperson brauchen Sie nicht hervorkehren?
Das „Sie“ verleiht ja nur Abstand und nicht Autorität. Die Autorität ergibt sich aus der Partnerschaft zwischen Kindern dann, wenn das Lernen Spaß macht.
Macht das Lernen denn Spaß?
Meistens ja. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Der Erwachsene lernt ja auch vom Kind, wenn er dafür offen ist. Dasereignet sich jeden Tag. Es gibt auch bei uns Konflikte – Zank und Streit – was ja ganz wichtig ist. Aber wir lernen in Grenzen und geschützt Konflikte auszutragen. Wir lernen hier alle miteinander achtsamer umzugehen. Das sagt sich so leicht, aber auch da müssen wir sehen, ob wir wirklich achtungsvoll gegenüber dem Kind sind. Im Laufe der 10 Jahre, die ich hier als Lehrerin tätig bin, merke ich immer wieder, wie tief das eigentlich geht und wie schnell man Verletzungen herbeiführt mit Dingen, die wir oberflächlich sehen und sagen
Fakten
Im Mai 1992 gründeten 5 Elternpaare und zwei Studenten einer Erzieherfachschule den Verein „Huckepack e.V.“ in Dresden. Erstes Ziel war der Aufbau einer Kindertagesstätte nach den Grundsätzen der Montessoripädagogik.
Im September 1993 wird das Kinderhaus eingeweiht – betreut werden 50 Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren.
Im August 1995 eröffnen die Grundschule und der Schulhort.
Im August 1999 beginnen die ersten Schüler in der Mittelschule zu lernen. Durch das Schülerfreizeitprojekt „Erlebnis-Schule“ können zusätzliche Angebote genutzt werden.
Im Juni 2000 wird der Verein als eines der Projekte der „Lokalen Agende 21“ der Stadt Dresden ausgezeichnet.
Im Juli 2002 beginnt der Ausbau eines sanierungsbedürftigen Schulgebäudes. Dafür muss der Verein Mittel in Höhe von ca. 1,3 Millionen Euro aufbringen.
Ab Januar 2003 lernen alle Schüler im neuen Schulgebäude.
Im Juli 2005 werden die ersten Absolventen der Mittelschule nach Abschluss der 10. Klasse ihre Prüfungen zur mittleren Reife ablegen.
Die soziale Komponente des Lernens ist ein wesentlicher Bestandtteil der Montessori-Pädagogik?
Unbedingt.
| Im Mathematik-Unterricht |
Erst ab der 9. Klasse, dann ist es nämlich so, dass viele Schülerinnen und Schüler von sich aus eine Leistungsbewertung wünschen. Bis dahin erhalten sie am Schuljahresende einen Zeugnisbrief mit einer ausführlichen verbalen Einschätzung über die von ihnen absolvierten Lerninhalte.
Leistungsdruck ist nicht erwünscht?
Der zentrale Punkt ist: Kinder wollen lernen. Und zwar immer an der Stufe, wo sie gerade in ihrer Entwicklung sind. Es ist für sie sehr wichtig, dass sie dabei nicht mit Informationen aus der Wissensperspektive des Erwachsenen zugeschüttet werden. Dann speichern sie vielleicht etwas ein und können es nachreden, doch sie begreifen es nicht wirklich und entwickeln sich an diesem sog. Wissen nicht entsprechend ihrer eigenen Maßstäbe. Andersherum: Es ist wunderbar, wenn Kinder entdecken, wie sie, richtig begleitet, allein zu eigenen neuen Erkenntnissen kommen. Wenn ich dazu in der Schule die Voraussetzungen schaffen kann, habe ich meine Aufgabe als Pädagogin fast erfüllt. Je mehr die Kinder davon haben, desto mehr kann erblühen, wenn sie es zu ihrem Eigenen machen.
So wie es keine vom Alter her homogene Klasse gibt, sondern heterogene Lerngruppen mit Schülern aus verschiedenen Altersbereichen – so gibt es im Unterschied zur Regelschule auch keine separaten Schulfächer wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Heimatkunde, Religion. Wie ist hier in der Grundschule der Lernstoff strukturiert?
Das Lernfeld gliedert sich in 3 Hauptsäulen – Sprache, Mathematik und Kosmos. SPRACHE umfasst alles, was mit Ausdruck zusammenhängt. Also Reden, Theaterspiel, Musik, Tanz, Lesen, Schreiben, Malen. MATHEMATIK ist die Widerspiegelung der Wirklichkeit in einer abstrakten Form. Zahlen und geometrische Formen erleben die Kinder am Anfang hauptsächlich über gegenständliches Lernmaterial. Dazu gehört aber auch, was die Kinder im Alltag in Beziehung zu Dingen erleben. Zum Beispiel beim selbstständigen Essenkochen für die Gruppe, wenn es um Messen, Wiegen, Einkaufsplanung, Geldabrechnung und dgl. geht. KOSMOS behandelt all das, was unseren universellen Zusammenhang bildet. Die irdische Existenz, die Erdgeschichte, die Geschichte der menschlichen Entwicklung, dazu gehören auch die Mineralien, Pflanzen und Tiere, und auch die Weltreligionen. Ausgangspunkt für das Lernen ist dabei immer die unmittelbare Lebenserfahrung der Kinder und die Verbindung zu der Frage: Was hat das mit meinem Leben zu tun? Aus dieser Perspektive wählen die Kinder sich ihre Einzel- und Gruppenprojekte. Sie bestimmen weitgehend selbst in einem abgesteckten Rahmen, was sie wann und in welcher Form lernen.
Kann man sagen, dass sich die Kinder ihren Lehrplan selbst bestimmen?
Wenn das Wort Lehrplan mal weggenommen wird. Es ist wichtig, auf die Begriffe zu achten. Sie haben einen inneren Plan, der sagt ihnen, ich möchte lernen. Das ist in ihnen drin. Nicht nach den Vorgaben von außen, sondern aus den Entwicklungsimpulsen von innen lernt das Kind für sich das Lernen. Den Rahmen dafür schafft die vorbereitete Umgebung in unserer Schule, in jedem Raum.
Gibt es Parallelen zwischen Montessori- und Waldorfpädagogik?
Beide Konzepte gehen von den Bedingungen der Kinder und der Achtung vor ihnen aus. Rudolf Steiner hat geistig sehen können und mit seinem Wissen andere Menschen zum pädagogischen Wirken angeregt und geleitet. Maria Montessori ist von ihren Erfahrungen im konkreten Tun und den sich daraus ergebenden Ergebnissen ausgegangen. Sie hat unmittelbar die physischen, psychischen und geistigen Entwicklungsbedingungen der Kinder studiert und daraus ihr Schlüsse gezogen. Da ich selbst auch eine Ausbildung in der Waldorfpädagogik absolviert habe,ist es mir sehr wichtig, hier zu sagen, dass ich sehr dankbar dafür bin, dass ich die Möglichkeit hatte, die Erfahrungen beider großer Pädagogen intensiv kennen zu lernen und zu studieren.
Sie sind keine Freundin von Rechthaberei im pädagogischen Methodenstreit zwischen beiden Richtungen?
Nein, denn beide haben ihre Sicht auf das Kind in einer Weise, die sich für mich auch fruchtbar ergänzen kann.
Elterninitiative: Der Verein Huckepack ist eine Elterninitiative und lebt vom Engagement der Eltern. Während die pädagogische Betreuung in der Verantwortung ausgebildeter Pädagoginnen und Pädagogen liegt, haben Eltern darüber hinaus die Möglichkeit, sich in vielfältigen Formen an der Gestaltung der Lern- und Lebensbedingungen ihrer Kinder zu beteiligen. Auch die Verantwortung für die rechtliche und finanzielle Absicherung des Schulbetriebes und die langfristige Entwicklung des Vereins liegt in der Hand der Eltern.
Integration: In allen Einrichtungen – Kinderhaus, Grundschule, Hort und Mittelschule – werden Kinder mit körperlicher und geistiger Behinderung integriert. Wir gehen davon aus, dass die Integration von Kindern mit Behinderung eine Bereicherung für alle ist. Im gemeinsamen Spielen und Lernen können die Kinder Behinderung als Normalität erleben, Unterschiede erfahren, den Umgang mit anderen üben und Toleranz entwickeln.
(Information: Verein Huckepack e.V.)
Die reine Lehre gibt es ohnehin nicht?
Die gibt es nicht. Das geht gar nicht. Es ist problematisch, nach Methoden und Vorbildern zu handeln, wenn sie zum Dogma werden. Dann wird es wirklich gefährlich. Es ist auch ein Irrwitz, diese Vorstellung von der reinen Lehre, von der alleine unser Handeln geleitet werden kann. Ich bin jetzt Lehrerin, mit meiner Persönlichkeit und den Erfahrungen meiner Zeit. Und da ist zuerst das Kind und nicht das Methodenwissen in mir. Was ich an Wissen und Überzeugung erworben habe, kann ich nicht linear anwenden, muss es entsprechend der aktuellen Situation transformieren.
Dieser gute Grundsatz gilt nicht nur für Lehrer, sondern auch für Eltern im Umgang mit Kindern?
Ganz sicher. Dabei brauchen wir auch hier in der Schule in erster Linie das Vertrauen der Eltern in die eigenständige Kraft ihrer Kinder. Denn die Wurzeln sind nun einmal in der Familie. Wir können hier helfen, etwas ins Gleichgewicht zu bringen, aber das Kind ist zuerst einmal zu Hause bei seinen Eltern. Wir können und wollen nicht all das leisten, was zur Familienarbeit gehört.
Damit wird die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule ganz wichtig?
Das ist die Basis. Wir sind hier keine staatliche Bildungseinrichtung, sondern eine Elterninitiative. Eltern können und wollen hier ihre Kinder nicht einfach abgeben. Sie tragen Mitverantwortung. Das ist eine eigene Qualität. Die Eltern bringen hier ganz viel an ideellen und auch materiellen Leistungen ein. Das muss man sehen. Ohne dieses große Engagement der Eltern könnten wir das Besondere unserer Schule so nicht leben.
P.S.: Für Meinungsäußerungen und Anfragen zum Thema sind Wortmeldungen im Leserforum von naturel herzlich willkommen.
Kontakt:
Freie Montessorischule Huckepack
Glashütter Str. 10, 01309 Dresden
Tel.: 0351 / 449510 Fax: 0351 / 4495121
Mail: montessorischule@huckepack-ev.de
Homepage: www.huckepack-ev.de
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